Heinrich Rötger: „Gralshüter“ des neuen Stadtarchivs in Neuenknick

Neuenknick. Lange hatte Stadtheimatpfleger Heinrich Rötger um die Einrichtung eines Stadtarchivs gekämpft. Insgesamt viermal musste er während seiner „Amtszeit“ die Standorte wechseln und die Unterlagen immer wieder neu sortieren. Erleichtertes Aufatmen gab es dann bei ihm, als im Dezember 2013 endlich beschlossen wurde, die ehemalige Neuenknicker Grundschule als künftiges Stadtarchiv zu nutzen.

Bis zu 20 Ortsheimatpfleger waren anschließend ab März 2015 im Einsatz, um unter Anleitung einer Spezialistin des Denkmalamtes aus Münster die Altakten aus den bis 1971 selbstständigen Ämtern Petershagen, Windheim zu Lahde und dem schon 1934 aufgelösten Amt Schlüsselburg mit Bürsten, Schwämmen, kleinen Handfegern und einem Spezialstaubsauger zu reinigen, sie anschließend in neue Kartons zu packen und nach Neuenknick zu transportieren.Insgesamt sind es inzwischen rund 2.800 Kartons, die nun im neuen Archiv nach Ämtern sortiert lagern und übersichtlich angeordnet sind. Jeweils rund 80 bis 100 Stunden ihrer Freizeit haben die ehrenamtlichen Ortsheimatpfleger von ihrer Freizeit geopfert, um diese Sisyphusarbeit zu leisten.

Inzwischen erweist sich das Archiv als wahre geschichtliche Fundgrube, wenn auch noch viele der in den einzelnen Ortschaften vorhandenen Unterlagen und Dokumente fehlen. Der Stadtheimatpfleger hofft auf die Einsicht aller, die noch im Besitz von historisch wichtigen Dokumenten sind, und appelliert an sie, diese in das neue Stadtarchiv zu geben, um sie der Nachwelt zu erhalten.

„Diese Unterlagen haben Öffentlichkeitscharakter und müssen nach den Gesetzen des Archivs einsehbar sein“, betont Heinrich Rötger, der sich augenzwinkernd als „Gralshüter“ des Archivs bezeichnet. In Neuenknick sind alle Voraussetzung mit der entsprechenden Raumtemperatur von 15 Grad und 55 Prozent Luftfeuchtigkeit für den Erhalt der oftmals einige hundert Jahre alten Unterlagen gegeben. Mit Unterstützung eines Raumluftentfeuchters werden diese Werte konstant gehalten und immer wieder kontrolliert.

Der feste Stamm der ehrenamtlich tätigen Ortsheimatpfleger, der sich mittlerweile bei rund 15 Personen eingependelt hat und regelmäßig im neuen Stadtarchiv anzutreffen ist, hatte sich bei dem Besuch der Berichterstatterin an diesem Morgen zu einer Besprechung im ehemaligen Lehrerzimmer der alten Schule eingefunden, um unter der „Oberaufsicht“ von Heinrich Rötger die nächsten Arbeitsschritte zu beraten. Bemängelt wurde dabei unter anderem auch, dass noch immer keine Türklingel und kein Hinweisschild „Stadtarchiv“ vorhanden seien.

Da das Archiv kürzlich offiziell eingeweiht wurde und seitdem für die Öffentlichkeit zugänglich ist, sollen diese Missstände kurzfristig behoben werden. Jeden 1. und 3. Donnerstag im Monat können interessierte Mitbürger die Einrichtung von 14 bis 17 Uhr für ihre Zwecke nutzen. An diesen Tagen stehen ihnen immer zwei Ortsheimatpfleger, die das Archiv ehrenamtlich betreuen, fachkundig zur Seite, um die Suche nach den gewünschten Dokumenten zu erleichtern.

Die 15 aktiven Ortsheimatpfleger sind sich einig: Auch wenn das Suche länger dauert, die Hartnäckigkeit hierbei zahlt sich aus. Sie blicken stolz auf ihren bisherigen Arbeitseinsatz zur Realisierung der neuen städtischen Einrichtung zurück, denn ohne ihre Hilfe wäre die Schaffung dieses Archivs kaum möglich gewesen. Trotzdem ist es nach Aussage des Stadtheimatpflegers unbedingt notwendig, über einen festangestellten Mitarbeiter zu verfügen.

Heinrich Rötger gab zu bedenken, dass die meisten der ehrenamtlich tätigen Ortsheimatpfleger bereits das Rentenalter erreicht hätten und es absehbar sein, dass sich der Kreis derer, die heute diese Arbeit leisten würden, nach und nach verkleinern würde. Nach seinen Vorstellungen muss dieses Archiv, das eine kommunale Einrichtung ist, genauso geführt werden wie in anderen Städten oder Kommunen auch. Dies sei nur mit einem festangestellten Mitarbeiter zu leisten.

Dass alle miteinander noch plattdeutsch sprechen können und Frauke Wiebke, als einzige weibliche ehrenamtlich engagierte Bürgerin unter den Ortsheimatpflegern die alte deutsche Schrift noch lesen und übersetzen kann, erleichtert oft das Arbeiten im Archiv. Zur Zeit bemüht sich die engagierte Lahder Bürgerin darum, die Lahder Chronik zu übersetzen und damit für alle lesbar zu machen.

Die Arbeit der fleißigen „Heinzelmännchen“ ist nicht nur notwendig, sondern überaus wertvoll, denn um später einmal die Fragen der Nachwelt beantworten zu können und jüngere Generationen darüber aufzuklären, welche Grundlagen ihre heutigen Lebensumstände gebildet haben, gilt es immer wieder Nachlässe zu sichten und zu dokumentieren.

Text: Ursula Gieseking