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Klimawandel in Minden-Lübbecke: Landwirtschaft steht vor großen Herausforderungen

Steigende Temperaturen, neue Schädlinge und weniger Wasser: Dr. Bernhard Rump von der Landwirtschaftskammer NRW spricht über die Folgen des Klimawandels für die Landwirtschaft in der Region.
Seit 2023 leitet Dr. Bernhard Rump die Kreisgeschäftsstelle der Landwirtschaftskammer NRW in Lübbecke. Foto: Dr. Dietmar Meier
Seit 2023 leitet Dr. Bernhard Rump die Kreisgeschäftsstelle der Landwirtschaftskammer NRW in Lübbecke. Foto: Dr. Dietmar Meier

Von Dr. Dietmar Meier

Lübbecke. Seit 2023 leitet Dr. Bernhard Rump die Kreisgeschäftsstelle der Landwirtschaftskammer NRW in Lübbecke. Im Interview spricht der promovierte Agrarwissenschaftler über aktuelle Herausforderungen für die Landwirtschaft und blickt dabei auf klimatische Entwicklungen und politische Rahmenbedingungen.

Welche Funktion haben eigentlich die Landwirtschaftskammer und Sie als Leiter der Geschäftsstelle?
Die Landwirtschaftskammer ist die Schnittstelle zwischen den Landwirten und der Verwaltung. Wir fungieren als Fachbehörde, die fachlichen Input liefert. Persönlich bin ich von Hause aus Landwirt, habe dazu aber auch eine Verwaltungsausbildung. Ich kann einer Verwaltung sagen: das kannst du mit den Landwirten machen und das kannst du mit den Landwirten nicht machen. Umgekehrt kann ich auch den Landwirten vermitteln: wenn du das so machen willst, geht das mit der Verwaltung nicht. Wenn du das dagegen so und so machst, läuft das auch mit der Verwaltung. Das ist der Job, den wir hier täglich machen.

Dass die Arbeit in der Landwirtschaft und der Ertrag in hohem Maße vom Wettergeschehen abhängig ist, bedarf keiner Erläuterung. Welche Auswirkungen haben die klimatischen Veränderungen, die wir derzeit beobachten, auf die heimische Landwirtschaft?
Dass sich etwas verändert hat, habe ich persönlich zum ersten Mal bewußt 2001 wahrgenommen. In dem Jahr war mir aufgefallen, dass im Dezember Maiskörner auf dem Acker frisch gekeimt waren. So etwas hatte ich zuvor noch nicht gesehen. In meiner Kindheit gab es oft schon Ende September/Anfang Oktober Bodenfrost. Danach waren Körmer, die bei der Ernte auf den Boden gefallen waren, hinüber.
Als Folge der veränderten Temperaturen und des späteren Einsetzens von Frost haben wir es jetzt mit Schädlingen zu tun, die wir früher gar nicht kannten. Ein Beispiel dafür ist die Glasflügelzikade, die sich insbesondere an die Zuckerrübe und seit einigen Jahren auch an die Kartoffel angepasst hat. Beim Saugen überträgt die Zikade bakterielle Erreger, die zu verformten oder weichen, oft nicht mehr verwertbaren Rüben und Kartoffeln führen und dadurch signifikante ökonomische Schaden verursachen. Die Zikade hat sich in Süddeutschland schon fest etabliert und wandert langsam in Richtung Norden.
Ebenso problematisch sind Unkräuter wie das invasive Erdmandelgras, das auf allen Böden wächst und sowohl Staunässe als auch Trockenheit verträgt. Die Pflanze vermehrt sich durch unterirdisch gebildete, etwa 1-2 cm große, braune Erdmandeln, die sich kaum bekämpfen lassen. Eine Pflanze entwickelt pro Jahr bis zu 500 Mandeln. Ist eine Fläche einmal damit verseucht, ist sie für den Kartoffel- und Rübenanbau wertlos.
Man muss auch bedenken, das unsere derzeitigen Nutzpflanzen nicht an Verhältnisse mit steigenden Temperaturen angepasst sind. Das Problem ließe sich zwar gegebenenfalls züchterisch lösen, man benötigt dafür in der Regel aber mindestens 10, eher 15 Jahre. Unter Umständen laufen wir Veränderungen deswegen immer hinterher. Was helfen würde, wäre die Genschere, mit der man manches Problem wahrscheinlich wesentlich schneller lösen könnte. Das ist uns aber von der Politik verwehrt.

Nach drei sommerlichen Tagen zu Pfingsten wird jetzt bereits wieder appelliert, mit dem Trinkwasser sparsam umzugehen. Wie sieht es mit Wasser in der Landwirtschaft aus?
Wasser ist für die Landwirtschaft elementar. Ohne Wasser wächst keine Pflanze und lebt kein Tier. Wir haben einmal Daten der Wetterstation Rahden ausgewertet und festgestellt, dass die Regenmenge insgesamt zurückgegangen ist. Im Zeitraum 1990–2010 fehlten während der Hauptvegetationsperioden im Mittel etwa 30 % des Wassers, verglichen mit dem Zeitraum 1960-1990. Bei den lehmigen Böden im Bereich Minden-Lübbecke ist das weniger ein Problem. Bei den sandigen Böden im Bereich Stemwede-Rahden können Pflanzen dagegen ziemlich schnell am Ende sein, wenn es eine Woche nicht regnet.
Angesichts geringerer Grundwasserneubildung und höherer Verdunstung im Sommer brauchen wir ein Management, um auch auf lokaler Ebene zu wissen, wie viel Wasser benötigt wird und wie viel verfügbar ist. Ein möglicher Ansatz für die Landwirtschaft ist: Wasser, das im Winter fällt, darf nicht schnell oberflächlich abfließen, sondern muss in den Flächen gehalten werden. Das allerdings bedeutet einen kompletten Paradigmenwechsel, denn bei den Wasser- und Bodenverbänden steht in den Satzungen: Wasser muss abfließen können. Das war immer wichtig. Wir müssen aber irgendwann dahinkommen, dass das Wasser in der Fläche gehalten wird. Etliche Landwirte sind schon dran und wir versuchen, auf Kreisebene Pilotprojekte anzuschieben.

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Die Beziehung Landwirtschaft-Naturschutz ist erfahrungsgemäß nicht immer ganz einfach. Derzeit wird von der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises ein Landschaftsplan für das Petershäger Wesertal erarbeitet. Wie sind diesbezüglich Ihre Erwartungen?
Problematisch wird es immer dann, wenn Leute meinen, dass ein Status Quo grundsätzlich erhalten werden muss. Das betrifft Landwirtschaft und Naturschutz gleichermaßen. Die Natur ist nicht statisch. Natur ist hochdynamisch und auf hochdynamische Entwicklungen kann man nicht mit statischen Methoden antworten. Wenn sich Dinge einstellen, die vom vorgefertigten Plan abweichen, muß man dynamisch reagieren können. Dann muß der rechtliche Rahmen eine solche Entscheidungsbefugnis aber auch zulassen!
Häufig besteht das Problem darin, dass der rechtliche Rahmen irgendwo in der „weiten Welt“ gemacht wird, sei es in Düsseldorf, Berlin oder Brüssel. Dabei wird oft schon versucht, Dinge selbst auf kleinster Ebene festzuschreiben. Die Bodenverhältnisse und damit die Bedingungen für die Landwirtschaft sind schon in Stemwede ganz andere als in Petershagen. Oder als in der Brandenburger Streusandbüchse oder in Bayern, Südfrankreich oder Irland. Mit einem rechtlichen Rahmen auf „klein klein“ runter zu gehen, ist kontraproduktiv. Wir müssen Optionen haben, auf lokaler Ebene kurzfristig reagieren zu können, worum auch immer es geht. Nach meinen bisherigen Erfahrungen bin ich optimistisch, dass das mit dem Landschaftsplan Weser Petershagen vernünftig klappen kann. Man muss natürlich sagen, so etwas hängt immer auch an den beteiligten Akteuren.

Eine Glasflügelzikade. Foto: James Lindsey at Ecology of Commanster, CC BY-SA 2.5.
Eine Glasflügelzikade. Foto: James Lindsey at Ecology of Commanster, CC BY-SA 2.5.

Angesichts der genannten Herausforderungen, wo sehen Sie die Landwirtschaft in zehn Jahren?
Ich bin davon überzeugt, dass es auch in zehn Jahren bei uns noch eine ordentliche landwirtschaftliche Produktion geben wird. Ein zentrales Problem für die Landwirte ist momentan die Preissteigerung bei den Düngemitteln. Beim Weizenanbau sind die Kosten bei kompletter mineralischer Düngung unlängst um etwa 100 € pro Hektar angestiegen. Oben drauf kommen weitere 80 € durch den massiv gestiegenen Preis für Diesel, dazu kommen noch Pflanzenschutz und sonstige Vorleistungen. Bei einer aktuellen Ertragsleistung von 1300-1400 € lande ich beim Weizenanbau derzeit mit Glück bei plus minus Null. Meine Arbeitsleistung bekomme ich nicht bezahlt, das ist der aktuelle Stand. Viele Landwirte haben glücklicherweise rechtzeitig im Herbst Dünger eingekauft.
Dazu erleben wir auch den Konkurrenzdruck vom Weltmarkt. Ob der Weizen aus Petershagen oder aus der Ukraine kommt, ob die Schweinehälfte aus dem Kreis Minden-Lübbecke oder aus Spanien kommt, das sind austauschbare Güter. Hier können und müssen wir mit Regionalität punkten.
Was in den letzten Jahren ein Stück weit verloren gegangen ist: die Landwirtschaft spielt in den Augen vieler Leute offensichtlich nur noch eine untergeordnete Rolle. Landwirtschaftliche Produktion hat man maximal noch im Supermarkt auf dem Schirm. Danach hört es oft schon auf. Eigentlich gehört die Landwirtschaft zentral in den Fokus der Menschen. Daran müssen wir mehr arbeiten.

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