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Gut Neuhof in Heimsen: Wie Menschen mit psychischen Erkrankungen ihren Alltag gestalten

Gut Neuhof in Heimsen bietet Menschen mit psychischen Erkrankungen und Suchterkrankungen ein Zuhause und Unterstützung im Alltag. Einrichtungsleiterin Nicole von Einem spricht über Selbstbestimmung, bewegende Lebensgeschichten und den Wunsch, gesellschaftliche Vorurteile abzubauen.
Einrichtungsleiterin Nicole von Einem. Foto: Jessica Höffner
Einrichtungsleiterin Nicole von Einem. Foto: Jessica Höffner

Von Jessica Höffner

Heimsen. Ein gemeinsames Essen, ein vertrautes Gespräch oder die Gestaltung des Alltages: Auf Gut Neuhof in Heimsen können solche Momente viel bedeuten. Hier leben Menschen mit psychischen Erkrankungen, Suchterkrankungen oder beidem. Einrichtungsleiterin Nicole von Einem möchte sie nicht auf ihre Erkrankung reduzieren, sondern ihnen ein möglichst selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Im Interview spricht sie über bewegende Lebensgeschichten, die Herausforderungen im Alltag und ihren Wunsch, Vorurteile abzubauen.

Wer Gut Neuhof nicht kennt, hat vielleicht unklare Vorstellungen einer solchen Einrichtung. Wie würden Sie Gut Neuhof beschreiben?
Unsere Einrichtung ist in erster Linie ein Lebensort. Ein Zuhause für Menschen, die aufgrund ihrer psychischen Erkrankung und teilweise einer zusätzlichen Suchterkrankung Unterstützung benötigen, um ihren Alltag zu bewältigen und möglichst selbstbestimmt leben zu können. Mir ist dabei eine Sache besonders wichtig: Bei uns leben nicht in erster Linie Menschen mit Diagnosen, sondern Menschen mit Persönlichkeiten, Wünschen, Fähigkeiten, Hoffnungen und ganz individuellen Lebensgeschichten.

Wie unterschiedlich sind diese Lebensgeschichten?
Die Lebensgeschichten unserer Bewohner sind unglaublich vielfältig. Und ich glaube, genau das wird von außen häufig unterschätzt. Manche Menschen haben über viele Jahre ein selbstständiges Leben geführt. Durch eine psychische Erkrankung, persönliche Krisen oder belastende Lebensereignisse ist dieses Leben irgendwann aus dem Gleichgewicht geraten. Andere Menschen haben bereits in jungen Jahren schwere Belastungen erlebt, vielleicht wenig Sicherheit erfahren oder mussten immer wieder mit Ablehnung, Ausgrenzung oder Brüchen in ihrem Leben umgehen. Bei einigen kommt dann noch eine Suchterkrankung hinzu. Was mich immer wieder beeindruckt, ist, wie viel Kraft viele dieser Menschen trotz ihrer Erfahrungen mitbringen. Wir erleben Menschen, die schon sehr viel verloren haben und trotzdem versuchen, wieder Vertrauen aufzubauen, Beziehungen einzugehen oder neue Perspektiven zu entwickeln. Deshalb sollten wir vorsichtig sein, Menschen anhand ihres aktuellen Unterstützungsbedarfs zu beurteilen.

Wie unterstützen Sie die Bewohner dabei, mehr Eigenständigkeit zu gewinnen?
Eigenständigkeit beginnt für uns nicht erst bei den großen Dingen, sondern häufig bei ganz kleinen Entscheidungen im Alltag. Das kann bedeuten, selbst zu entscheiden, wann man aufsteht, was man essen möchte, wie man seinen Tag gestaltet oder welche persönlichen Ziele man verfolgen will. Wir arbeiten nach dem Grundsatz: So viel Unterstützung wie nötig, aber so viel Selbstbestimmung wie möglich.

Was bedeutet das in der Praxis?
Das klingt zunächst einfach, ist aber manchmal eine Herausforderung. Denn als Mitarbeitende müssen wir auch aushalten können, dass Menschen andere Entscheidungen treffen, als wir sie selbst treffen würden. Unsere Aufgabe ist es nicht, das Leben unserer Bewohner zu bestimmen, sondern sie zu befähigen, eigene Entscheidungen zu treffen und die damit verbundenen Erfahrungen zu machen.

Welche Rolle spielen alltägliche Dinge für mehr Stabilität?
Der Alltag spielt eine ganz entscheidende Rolle. Gerade bei psychischen Erkrankungen können Verlässlichkeit, wiederkehrende Abläufe und vertraute Beziehungen eine große stabilisierende Wirkung haben. Es geht aber nicht darum, Menschen in starre Abläufe zu pressen. Vielmehr möchten wir ihnen helfen, eine Struktur zu finden, die ihnen guttut und die sie zunehmend selbst gestalten können. Manchmal ist zum Beispiel ein gemeinsam gekochtes Essen mehr als nur eine Mahlzeit. Es ist ein Stück Normalität, Gemeinschaft und vielleicht auch ein erster Schritt zurück zu mehr Lebensqualität.

Was ist im Umgang mit den Menschen besonders wichtig – und was wird von außen häufig missverstanden?
Für mich stehen Respekt, Geduld, Verlässlichkeit und eine Begegnung auf Augenhöhe an erster Stelle. Menschen mit psychischen Erkrankungen haben häufig Erfahrungen gemacht, bei denen sie nicht ernst genommen wurden, auf ihre Erkrankung reduziert oder gesellschaftlich ausgegrenzt wurden. Deshalb ist es besonders wichtig, dass wir ihnen nicht mit Vorurteilen begegnen. Ein häufiges Missverständnis ist, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen einfach nur mehr Disziplin, Motivation oder Willenskraft bräuchten. So einfach ist es aber nicht. Wenn jemand aufgrund einer Depression kaum aufstehen kann, hat das nicht automatisch etwas mit Bequemlichkeit zu tun. Wenn ein Mensch sich zurückzieht, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass er keinen Kontakt möchte. Und wenn jemand mit einer Suchterkrankung einen Rückfall erlebt, heißt das nicht, dass alle bisherigen Fortschritte wertlos geworden sind. Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft stärker zwischen einem Menschen und seiner Erkrankung unterscheidet.

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Was macht ein gutes Team bei Ihnen aus – und welche Herausforderungen gibt es?
Ein gutes Team ist für mich das Fundament einer guten Einrichtung. Unsere Mitarbeitenden begleiten Menschen teilweise über viele Jahre und erleben dabei sehr persönliche, manchmal auch sehr belastende Situationen. Dafür braucht es Fachwissen auf der einen Seite – Empathie, Geduld, Reflexionsfähigkeit, Verlässlichkeit und die Bereitschaft, das eigene Handeln immer wieder zu hinterfragen, auf der anderen Seite. Als Leitung sehe ich deshalb als zentrale Verantwortung, nicht nur die Qualität der Betreuung im Blick zu behalten, sondern auch die Gesundheit und Zufriedenheit unserer Mitarbeitenden. Trotz aller Herausforderungen dürfen wir auch eines nicht vergessen: Wir erleben in unserer Arbeit auch sehr viel Freude, Humor und berührende Momente. Diese positiven Erfahrungen sind eine wichtige Kraftquelle.

Was müssen die Menschen in der Region wissen, um die Bewohner von Gut Neuhof besser zu verstehen?
Ich würde mir wünschen, dass die Menschen in unserer Region vor allem eines wissen: Unsere Bewohner sind ein Teil dieser Gesellschaft. Genauso wie jeder andere Mensch auch. Sie sind Nachbarn, Mitbürger, Menschen mit Interessen, Talenten, Humor, Stärken und manchmal auch besonderen Herausforderungen. Psychische Erkrankungen können grundsätzlich jeden Menschen treffen – unabhängig von Alter, Herkunft, Bildung oder sozialem Status. Leider erleben Menschen mit psychischen Erkrankungen noch immer Vorurteile und Berührungsängste. Manchmal entstehen diese aus Unsicherheit oder weil Menschen schlicht zu wenig darüber wissen. Deshalb ist mir Offenheit sehr wichtig. Unsere Einrichtung soll kein abgeschlossener Ort sein, sondern ein selbstverständlicher Teil des gesellschaftlichen Lebens in der Region. Ich wünsche mir Begegnungen, gegenseitiges Verständnis und die Bereitschaft, Menschen nicht vorschnell zu beurteilen.

Mit Blick auf die Einrichtung: Wie soll sich Gut Neuhof in den nächsten Jahren entwickeln?
Wir möchten die Selbstbestimmung und Teilhabe unserer Bewohner weiter stärken – unter anderem auch stärker am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Ich sehe beispielsweise großes Potenzial darin, Kooperationen mit Vereinen, Beschäftigungsangeboten, kulturellen Einrichtungen und anderen Akteuren in der Region weiter auszubauen. Unsere Zukunftsvision ist eine Einrichtung, die nicht nur Sicherheit bietet, sondern Entwicklung ermöglicht – und in der Menschen unabhängig von ihrer Erkrankung echte Perspektiven für ihr Leben finden können.

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