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Ein „Sternchen“ fürs Einparken – aber reicht das für den Führerschein?

Zu schnell, zu wenig Schulterblick, kleine Fehler: Ein Selbstversuch in Minden zeigt typische Schwächen – und warum viele Fahrschüler bei Theorie und Praxis durchfallen.
Fahrlehrer Björn Enger, Redakteurin Jessica Höffner und Fahrschulchef Mathias kurz nach der „praktischen Prüfung“. Foto: Krischi Meier
Fahrlehrer Björn Enger, Redakteurin Jessica Höffner und Fahrschulchef Mathias kurz nach der „praktischen Prüfung“. Foto: Krischi Meier

Von Jessica Höffner

Minden/Petershagen. Seit knapp 30 Jahren bin ich im Besitz der Führerscheinklasse 3 – also der Klasse B, wie sie längst heißt: unfallfrei übrigens, zugegebenermaßen aber gerne mal etwas zu schnell unterwegs. Aber würde ich heute noch Theorie und Praxis bestehen? Im dritten Teil unserer Serie „Der Praxistest – wir probieren es aus“ habe ich mich deshalb hinters Steuer gesetzt – neben mir Fahrlehrer Björn Enger von der Fahrschule Mathias. Die entscheidende Frage: Bestanden oder durchgefallen?

Spiegel fix einstellen, Sitz in die richtige Position bringen, Motor an und los geht‘s: „Alles Routine, schließlich fahre ich seit knapp 30 Jahren Auto“, denke ich mir, als der erste Dämpfer von Fahrlehrer Björn Enger schon kommt, als ich im Schritttempo vom Gelände der Fahrschule Mathias in Minden rolle. „Beide Hände ans Lenkrad“, sagt Björn Enger. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich eher relaxed unterwegs: eine Hand am Lenkrad, den rechten Arm lässig auf der Mittelkonsole. „Heute läuft das hier anders“, wird mir schnell klar. Und ich gebe zu: Die Nervosität steigt von Minute zu Minute. Ich würde behaupten, dass ich in den vergangenen knapp 30 Jahren gut und sicher unterwegs war – unfallfrei und ohne Punkte in Flensburg. Jetzt fahren meine Gefühle jedoch Achterbahn: Ich bin nervös, unsicher, aufgeregt, angespannt und fühle mich so, als würde ich die erste Fahrstunde meines Lebens absolvieren. Ich nenne es den „Fahrlehrer-Effekt“. Auch wenn Björn Enger eine fast gespenstische Ruhe ausstrahlt. „Schulterblick nicht vergessen. Das war eben nur so ein halber“, ermahnt mich mein Fahrlehrer, als ich abbiege.
Wir fahren durch 30er-Zonen, über Bahnübergänge, durch enge Straßen mit parkenden Autos rechts und links und durch Gewerbegebiete. „Hier lassen viele Fahrer ihren Führerschein liegen und fallen durch die Prüfung“, sagt Björn Enger – denn viele Fahrschüler halten sich zwar ans Tempo 50, übersehen aber die Rechts-vor-Links-Regelung. Immerhin die erkenne ich. Aber der Schulterblick lässt weiterhin zu wünschen übrig – und der Bleifuß bleibt Bleifuß. Heißt: Auch während der „Prüfung“ bin ich fast kontinuierlich zu fix unterwegs. Immer nur ein paar km/h mehr als erlaubt – aber zu viel, um die Prüfung zu bestehen. Und auch meine Beziehung zum Blinker könnte inniger sein. Beim Vorbeifahren an parkenden Autos blinke ich weder kurz links noch kurz rechts, wenn ich wieder einschere.

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„Insgesamt war deine Fahrt okay, aber für die Prüfung hätte es nicht gereicht“, lautet dann auch das ernüchternde Fazit von Björn Enger. Bei der Fahrschule Mathias würde ich damit zu den etwa zwölf Prozent gehören, die bei der ersten Praxisprüfung durchrasseln. Immerhin aber gibt es ein „Sternchen“ fürs Einparken und beruhigende Worte vom Fahrlehrer: „Ich habe mich während der gesamten Fahrt mit dir sicher gefühlt“, sagt Björn Enger.
Fehlt noch der theoretische Teil. Und damit es richtig anspruchsvoll wird, bekomme ich den großen Übungsbogen mit 57 Fragen für nahezu alle Klassen. Ich versage kläglich. „Das ist nicht untypisch. Bundesweit liegt die Durchfallquote bei 50 Prozent. Aber nicht etwa, weil die Prüfung so schwer ist, sondern weil die Fahrschüler zu wenig dafür lernen und damit nicht gut vorbereitet in die Prüfung gehen“, sagt Fahrschul-Chef Mathias. Erfahrungen, die der 45-Jährige seit der Gründung seiner Fahrschule mit mittlerweile mehr als zehn Fahrlehrern seit der Unternehmensgründung im Jahr 2013 gemacht hat.

Konzentration am Steuer. Foto: Krischi Meier
Konzentration am Steuer. Foto: Krischi Meier

Bleibt also mein Fazit nach Theorie- und Praxischeck: Der Schulterblick spielte bei meinem Praxistest eine deutlich größere Rolle, als mir lieb war – und meine Nervosität offenbar auch. Der „Fahrlehrer-Effekt“ sorgte nicht nur für eine emotionale Achterbahnfahrt, sondern stellenweise auch für leicht feuchte Hände am Lenkrad. Ganz offensichtlich hat sich in knapp 30 Jahren Fahrpraxis doch die eine oder andere Routine eingeschlichen, die einer Prüfung heute nicht mehr standhalten würde. Und was die Geschwindigkeit angeht: Der Bleifuß ist mir auch unter Prüfungsbedingungen treu geblieben. Ich werde also auf jeden Fall in Zukunft Geschwindigkeitsbeschränkungen und Tacho fest im Blick haben. So landet auch kein Bußgeldbescheid mehr in meinem Briefkasten. Das schont den Geldbeutel – schließlich ist der Sprit ja auch schon teuer genug.

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