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Jahrhundertsommer 2026? Meteorologe Friedrich Föst ordnet Wetterprognosen ein

Kommt der Jahrhundertsommer 2026? Der Lübbecker Meteorologe Friedrich Föst erklärt, warum langfristige Wetterprognosen unsicher sind und wie sich der Klimawandel im Kreis Minden-Lübbecke bemerkbar macht.
Der Lübbecker Meteorologe Friedrich Föst. Foto: Dietmar Meier
Der Lübbecker Meteorologe Friedrich Föst. Foto: Dietmar Meier

Von Jessica Höffner

Kreis Minden-Lübbecke. Kommt der „Jahrhundertsommer 2026“? Der Lübbecker Meteorologe Friedrich Föst ordnet ein, warum langfristige Wetterprognosen unsicher sind, was hinter den Wetter-Schlagzeilen steckt und wie sich der Klimawandel im Mühlenkreis bemerkbar macht.

Ihre heiteren Facebook-Postings liefern Wetter-Infos für den Mühlenkreis. Wann entstehen die Texte?
Friedrich Föst: Das ist unterschiedlich. Ich schaue in die Wetterkarten, ob da irgendwas auf den Mühlenkreis zukommt oder es ein Wettereignis gibt, über das es sich lohnt, zu berichten. An die Postings gehe ich ohne einen Plan mit Blick auf die Formulierungen – die kommen spontan. Wichtig sind mir der lokale Bezug, also der Blick auf das Wetter im Mühlenkreis, in dem wir übrigens eine wunderbare Wettervielfalt haben, und Formulierungen, die das Wetter auch für den Laien verständlich machen.

Knapp 6.000 Menschen folgen Ihnen bei Facebook. Was ist Ihr Geheimrezept?
Friedrich Föst: Zum einen ist mein Wetterbericht lokal – für die Menschen von hier und von einem Meteorologen von hier. Da, wo die Wetter-Apps vielleicht nicht genau genug sind, bin ich derjenige, der vor Ort ist und das Ganze dann noch in eine verständliche Sprache packt. Zum anderen verwende ich natürlich auch Fachausdrücke, die ich auch mal humorig erkläre. Diese Mischung ist wohl das Erfolgsrezept. Wenn wir aber eine Wetterlage haben, die durchaus bedrohlich ist – Orkan oder Sturm beispielsweise –, dann ist es nicht angebracht, das witzig zu verpacken. Wichtig ist, keinen Alarmismus oder Panik zu verbreiten, sondern seriös auf die Wettergefahr hinzuweisen.

Alarmismus und Panik: Das erinnert an den Schneefall, der den Mühlenkreis außer Gefecht gesetzt hatte – inklusive Schulausfall. Wie bewerten Sie das ?
Friedrich Föst: Die Handlungsweise war suspekt. Zehn Zentimeter Schnee waren angekündigt, die auch kamen. Aber als die eigentliche Glätte mit Eisregen folgte, war das Thema Schulausfall komischerweise kein Thema mehr. Für mich aus der Sicht eines Meteorologen wäre es an diesen Glatteistagen eher angebracht gewesen, über einen möglichen Schulausfall nachzudenken.

Wird oftmals mehr (Wetter-)Panik gemacht als nötig?
Friedrich Föst: Ganz bestimmt, denn eine Schlagzeile jagt die nächste. Wenn man es meteorologisch einordnet, sieht man als Meteorologe, dass da, wie zum Beispiel zu Beginn des Jahres, zehn Zentimeter Schnee kommen. Und ja, natürlich wird der Verkehr dann langsamer laufen. Das ist eben der Winter und für die Jahreszeit ein ganz normales Wetter. Wir haben in Deutschland das Problem, dass ein paar wenige Meteorologen fast 90 Prozent der Medienlandschaft beherrschen. Es ist leider zum Geschäftsmodell geworden, Schlagzeilen zu produzieren. Ein prognostiziertes bedrohliches Wettereignis tritt dann aber gar nicht ein. Uns Meteorologen macht das Sorgen, weil wir die Befürchtung haben, nicht mehr gehört zu werden, wenn dann wirklich eine gefährliche Wetterlage kommt.

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Warum sind Sie Meteorologe geworden – war das ein plötzlicher (Geistes-)Blitz oder eher ein langsam aufziehendes Hoch?
Friedrich Föst: Es war Letzteres. Ich habe mich schon als Kind für die Natur und vor allen Dingen für das Wetter begeistern können. Meinen Eltern war das, glaube ich, suspekt, dass ich mich geärgert habe, wenn ein Gewitter an meiner Heimat Lübbecke vorbeigezogen ist. Sonnenschein hingegen fand ich schon als Kind langweilig. Ich mochte immer lieber Schnee und alles, was gefroren vom Himmel kommt. So ein Graupelschauer im April – das ist mein Lieblingswetter. Als ich Tag für Tag vorm Fernseher saß und mir den Wetterkanal von Jörg Kachelmann angesehen habe – der damals in Dauerschleife 24 Stunden am Tag lief –, war auch meinen Eltern klar, dass ich ein Faible für das Wetter habe. Auch für mich stand relativ früh fest, dass das Thema Wetter mein Beruf werden sollte.

Was macht den Beruf des Metrologen spannend?
Friedrich Föst: Für einen Meteorologen gibt es nichts Schlimmeres als langweilige Hochdruckwetterlagen, wenn nichts passiert. Wenn die Sonne scheint, sagen wir Meteorologen, dass kein Wetter ist. Was soll man dann auch schreiben? Reichlich Sonnenschein. Sonnenschein von morgens bis abends? Spannend wird es doch erst, wenn bei einer Tiefdruckphase Sturm, Schauer, vielleicht mal Graupel und Gewitter dabei sind. Auch der Winter war zuletzt spannend, als der Kreis Minden-Lübbecke lange Zeit am Rande einer scharfen Luftmassengrenze lag. Das Phänomen war nicht neu – aber besonders war der lange Zeitraum. Solche Wetterlagen sind herausfordernd, denn innerhalb weniger Kilometer war von richtigem Winterwetter mit Glätte bis hin zu zarten Plusgraden, wo nichts passierte, alles dabei.

Wenn Sie Ihre Tätigkeit als Meteorologe in einem Wetterbericht formulieren müssten: Welches Wetter herrscht dort?
Friedrich Föst: Wenn ich das Berufsleben zusammenfasse, herrschten doch mehr Sturm und Gewitter als Sonnenschein. Aber das ist das Spannende an dem Job. Schön ist, dass man im Laufe der Jahre merkt, wie man besser wird und immer mehr Erfahrungen sammelt. Vor allen Dingen dann, wenn man an einem Ort arbeitet, an dem man aufgewachsen ist. Es ist schon verrückt, was wir im Mühlenkreis für Wettergegensätze haben. Zwischen dem Wiehengebirge und Petershagen gibt es beispielsweise teilweise bis zu zehn Grad Temperaturunterschied.

Quetzen zu Beginn des Jahres - schneebedeckt. Archivfoto: Krischi Meier
Quetzen zu Beginn des Jahres – schneebedeckt. Archivfoto: Krischi Meier

Wie wirkt sich denn der Klimawandel auf den Mühlenkreis aus?
Friedrich Föst: Wir haben eine Wetterstation in Rahden, die seit 1951 das Wetter aufzeichnet. Eine weitere in Bad Salzuflen, die seit 1935 aufzeichnet. Man sieht eindeutig, dass auch bei uns die Temperaturen steigen. In Bad Salzuflen um 1,8 Grad seit Aufzeichnungsbeginn, in Rahden sind wir schon bei 2,1 bis 2,2 Grad. Deutschland und der Kreis Minden-Lübbecke sind sehr vom Klimawandel betroffen. Das wird auch daran deutlich, dass ein generell extremes Wetter bei uns zunimmt. Es gibt mehr Hitzetage und auf der anderen Seite werden Schnee- und Eistage weniger, zudem gibt es mehr Starkniederschläge. Ein weiteres Beispiel ist das Jahr 2018, in dem am Wiehengebirge durch den Borkenkäfer ganze Fichtenbestände abgestorben sind. Die fühlen sich in einem trockenen und warmen Klima sehr wohl, während sich die Fichten nicht mehr wehren können, weil sie kein Wasser mehr ziehen können. Das sind unmittelbare Auswirkungen des Klimawandels, die sichtbar sind. Glücklicherweise tut sich aber hier etwas – auch in den Kommunen, die sich damit befassen, auseinandersetzen und überlegen, was man unternehmen kann, um die Städte klimaresilient zu bekommen. Denn Hitzetage sind die größere gesundheitliche Gefahr für den Menschen – insbesondere für diejenigen, die in Innenstadtbereichen wohnen.

Wie zuverlässig sind Wetterprognosen?
Friedrich Föst: Bei einer 24-Stunden-Prognose haben wir eine Trefferquote von 90 Prozent mit Blick auf Temperatur und Niederschlag. In den Köpfen der Menschen bleiben aber leider die zehn Prozent hängen, die nicht wie vorhergesagt eintreffen. Dass aber eine Prognose für einen Tag komplett anders ist, ist äußerst selten geworden. Wir Meteorologen schauen uns Wettermodelle an und vergleichen sie, um so genau wie möglich zu prognostizieren. Unabdingbar aber ist für einen Meteorologen der Blick nach draußen. Nur dann sehen wir, ob die Wolken so aufziehen wie im Wettermodell vorhergesagt. Was macht der Wind? Was macht die Temperatur? Passt also alles mit den Wettermodellen zusammen oder muss ich die Prognose anpassen? Das ist wie beim Brezeln-Backen: Ich schmecke den Teig ab und schaue, ob etwas fehlt. Wenn ja, fange ich an, den Teig leicht zu verändern, zu verbessern, zu verfeinern. Das ist bei der Wetterprognose im Prinzip genau das Gleiche.

Mit Blick auf den Sommer 2026: Einige Meteorologen sprechen von einem Jahrhundertsommer. Aber mal ehrlich: Kann man zu diesem Zeitpunkt schon eine Prognose abgeben?
Friedrich Föst: Gut, dass diese Frage kommt. Die Antwort ist einfach: Niemand kann schon jetzt sagen, wie der Sommer wird. Da sind wir wieder bei den produzierten Schlagzeilen. Es gibt Langfristprognosen und Jahrezeitprognosen, aber auch die befinden sich noch immer in einem experimentellen Stadium. Wichtig ist, dass man bei diesen Prognosen lediglich die voraussichtliche Temperatur- und Niederschlagsabweichung sieht – also noch überhaupt kein Wetter. Die Prognosen sind besser geworden und man kann sie als Anhaltspunkt nehmen. Aber sie haben mit Blick auf den Wetterverlauf beispielsweise in den Monaten Juni, Juli und August in diesem Jahr keine Aussagekraft. Aber es ist auch keine Kunst jetzt zu sagen, dass uns aufgrund des Klimawandels vermutlich ein überdurchschnittlich warmer Sommer erwartet. Das ist jedenfalls wahrscheinlicher als ein kühler Sommer.

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