Foto: Dietmar Meier

Annalena trifft… Joachim Weike, Geschäftsführer des Wasserverbandes Weserniederung

Joachim Weike ist seit 2010 Geschäftsführer des Wasserverbandes Weserniederung (WVW) in Petershagen. Die Arbeit mit der Natur bereitet ihm Freude. Vertrauen steht für ihn dabei an oberster Stelle. Zum einen vertraut er auf die gewissenhafte Arbeit seines Teams und aller Mitwirkenden. Zum anderen hat er ein Grundvertrauen in unsere Natur entwickelt, die die meisten ihrer Aufgaben selbst bewältigen kann.

Was ist der Wasserverband Weserniederung und wofür ist dieser zuständig?

Der WVW kümmert sich um die Unterhaltung und den Ausbau der Gewässer im Verbandsgebiet. Für den WVW bedeutet das den nördlichen Teil von Minden-Lübbecke. Wir haben fünf kommunale Mitglieder. Das sind Hille, Petershagen, Minden, Lübbecke und Porta Westfalica. Nach der Gebietsreform 1973 hat man die Aufgaben der Gewässerunterhaltung im Nordkreis gebündelt und 1977 die beiden Wasserverbände „Große Aue“ (Sitz in Rahden) und „Weserniederung“ (Sitz in Petershagen-Lahde) gegründet. Wir sind unter anderem für die Umsetzung der europäischen Wasserrahmenrichtlinie, die 2000 eingeführt wurde, mit verantwortlich. Früher war der ordnungsgemäße Abfluss das wichtigste Thema für die Wasserverbände. Doch mit den Jahren hat der ökologische Faktor immer mehr an Bedeutung gewonnen. Man hat erkannt, dass die Gewässer und das Gewässerumfeld nicht nur der Entwässerung dienen, sondern auch einen vielfältigen und wertvollen Lebensraum für die unterschiedlichsten Tiere und Pflanzen darstellen. Die Sicherstellung der ökologischen Funktionalität unserer Gewässer steht für uns heute daher auf einer Stufe mit der Sicherstellung einer ausreichenden Entwässerungsfunktion.

Was sind Ihre Aufgaben als Geschäftsführer?

Ich trage die Verantwortung für das Team und alles rund um den Betrieb, das Betriebsgebäude und den Fahrzeug- und Maschinenpark. Ich kümmere mich um administrative Dinge wie Stellungnahmen zu Baumaßnahmen im Gewässerumfeld. 

Auch die Akquise, Beantragung und Abrechnung von Fördermitteln rund um die Gewässerausbaumaßnahmen läuft über meinen Tisch. 

Die Umsetzung von größeren Maßnahmen zur Gewässerrenaturierung ist auch eine spannende, manchmal aber auch nervenaufreibende Aufgabe. Die Mäh- und Gewässerunterhaltungspläne müssen ständig aktualisiert werden. Das geschieht in guter Zusammenarbeit mit meinen Mitarbeitern, die die örtlichen Gegebenheiten und Besonderheiten meistens besser kennen als ich. Immer häufiger müssen Unterhaltungsarbeiten heute auch mit anderen Behörden, z.B. der Unteren Naturschutzbehörde, abgestimmt werden. Um die reine Gewässerunterhaltung kümmern sich daher im Wesentlichen meine Mitarbeiter. Zudem geben wir einen kleinen Teil unserer Arbeiten weiter. Einen geringen Teil der Mäharbeiten haben wir beispielsweise an Lohnunternehmen vergeben.  Die Umsetzung unserer Pläne bietet dabei immer einen gewissen Handlungsspielraum. Es gibt einen Plan, nach dem wir uns richten, jedoch können die Mitarbeiter und unsere Lohnunternehmer vor Ort die Situation am besten einschätzen, sodass im Einzelfall vom Plan abgewichen werden kann. Das Ganze versuchen wir so unbürokratisch wie möglich ablaufen zu lassen.

Ich schätze, 1/4 meiner Arbeitszeit dreht sich um die Gewässerunterhaltung. Die restlichen 3/4 beschäftige ich mich mit administrativen Aufgaben. Ich bin also auf mein Team angewiesen und bin sehr dankbar für die gute und reibungslose Zusammenarbeit!

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Eines Ihrer Projekte war die Renaturierung der Ösper 2016. Was sprach aus Ihrer Sicht dafür?

Als allererstes fällt mir die europäische Wasserrahmenrichtlinie ein. In unserem Verbandsgebiet fließen knapp 900 Kilometer Gewässer. Davon sind ungefähr 120 Kilometer sog. „berichtspflichtige Gewässer“. Dazu gehört unter anderem die Ösper.  Für diese Gewässer bestehen gegenüber der EU Kontroll- und Berichtspflichten. Dass eine Renaturierung vorgenommen werden musste, stand außer Frage. Es musste also lediglich die Entscheidung getroffen werden, an welcher Stelle man damit anfängt. Dafür gibt es viele Kriterien. Die drei einfachsten sind die vorhandenen Defizite eines Gewässers, die Flächenverfügbarkeit/Kosten und natürlich die Außenwirkung einer Maßnahme.

Die Ösper im Stadtgebiet Petershagen bot sich in diesem Fall besonders gut an. Im Gebiet zwischen der L770 und der Brücke an der B61 sprachen alle Kriterien dafür, eine Renaturierung durchzuführen. In den 1970er Jahren wurden in diesem Bereich Maßnahmen für den technischen Ausbau geschaffen, wozu die Errichtung von Betonbauwerken, sogenannte „Pfeiffenbringsche Abstürze“, zählte. In den darauffolgenden Jahren hat sich herausgestellt, dass diese Bauwerke für Kleinstlebewesen und Fische schwierig zu überwinden sind. Ein solches Durchgängigkeitsdefizit muss daher nach dem heutigen Kenntnisstand beseitigt werden. Die erforderlichen Flächen für die Umgestaltung der Ösper befanden sich überwiegend im Eigentum der Stadt. Mir ist natürlich bewusst, dass es kritische Stimmen gegenüber unseren Renaturierungsmaßnahmen gab und immer noch gibt, aber letztlich war das Öspergebiet dafür prädestiniert. Selbstverständlich versuchen wir immer, den besten Mittelweg zu finden und alle zufrieden zu stellen. Dass das nicht immer möglich ist, sollte bekannt sein. Ich bin jedoch immer für ein Gespräch zu haben. Wenn jemand Fragen oder Bedenken bezüglich einer Baumaßnahme hat, dann steht meine Tür immer für eine Unterhaltung offen.

Im Zusammenhang mit der Ösper-Renaturierung sagten Sie einmal: „Wir bauen doch keinen Zoo!“ Was meinen Sie damit?

Wenn eine Gewässerrenaturierung geplant wird, orientiert man sich immer an einem bestimmten Leitbild. Dieses Leitbild beschreibt den Zustand eines Gewässers in seinem natürlichen Zustand. Bei der Planung und beim Bau wird dann versucht, diesem Leitbild möglichst nahe zu kommen: Man schafft Platz und Gewässerstrukturen, die ermöglichen sollen, dass sich Tiere und Pflanzen ansiedeln, die auch im natürlichen Zustand im und am Gewässer vorhanden wären.

Man kann sich darüber streiten, ob man nach einer Renaturierungsmaßnahme den hergestellten Zustand danach — so wie in einem Zoo — für bestimmte Tier- und Pflanzenarten „leitbildgerecht“ erhält, oder sich darauf beschränkt, den Gewässern mit der Renaturierung lediglich ihren Platz zurück zu geben und das Wasser und die Natur „arbeiten“ zu lassen.

Ich habe dabei ein gewisses Grundvertrauen in die Natur. Die Natur ist „schlauer“, als manche denken und „regelt“ die Dinge für gewöhnlich, ohne vorher in die Leitbildbeschreibungen zu schauen, selbst.

Unser Credo ist, der Natur Möglichkeiten zu schaffen. Wenn dann nicht alles nach Plan läuft, ist das okay. Wenn ein anderer Fisch kommt, als der „leitbildgerechte Fisch“, den wir erwartet hatten, dann ist das doch schön!

Wir greifen dann ein, wenn es zu Problemen kommt, zum Beispiel wenn die Entwicklungen so massiv sind, dass der Wasserabfluss erheblich beeinträchtigt wird. Ansonsten habe ich das Vertrauen, dass die Natur sich selbst um sich kümmert. Und das immer wieder beobachten zu dürfen, macht meine Arbeit unter anderem so spannend!

Foto: privat