Das böse Märchen vom Alphawolf

Es war einmal vor langer Zeit, da glaubten die Menschen an den allmächtigen Alphawolf.

Märchen sind zwar im Allgemeinen nicht unbedingt für ihren hohen Wahrheitsgehalt bekannt, trotzdem hält sich das Märchen vom Alphawolf in der Hundeszene hartnäckig. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn nicht zahlreiche Märchen…äh Hunde- und Erziehungs-Bücher auf diesen längst überholten Weisheiten aufbauen würden.

Die meisten dieser Aussagen entstanden nämlich durch Beobachtungen von Wölfen in Gefangenschaft. Dass Wölfe sich in der freien Wildbahn völlig anders verhalten, wusste man damals noch nicht. Als gut informierter Hundehalter sollte man Märchen und Realität unbedingt auseinanderhalten können.

 

Märchen: Wölfe leben in einem Rudel, welches nur vom Alpha angeführt wird. Daher braucht/akzeptiert der Hund nur eine einzige Bezugsperson.

Realität: Wölfe leben in der freien Wildbahn in einem sozialen Familienverband. Dieser besteht in der Regel aus den Elterntieren und zwei bis drei Generationen des Nachwuchses. Die Elterntiere haben automatisch die Leitposition inne, weil sie im wahrsten Sinne des Wortes wissen, wie der Hase läuft. Sprich sie kennen sich in ihrem Territorium gut aus. Sie kennen nicht nur die besten Jagdgründe, sondern wissen auch welche potenziellen Gefahren in ihrem Revier lauern und wie sie ihre Jungtiere davor bewahren. Meine Empfehlung: Alle Familienmitglieder, die mit dem Hund zu tun haben, sollten auch in das Training eingebunden werden.

Märchen: Der Alphawolf frisst immer zuerst. Daher soll man als Hundehalter immer erst essen bevor man den Hund füttert, oder/ und dem Hund ständig seine Nahrung wegnehmen. Akzeptiert der Hund das nicht, dann hat man automatisch ein Status Problem.

Realität: Auch unter Wölfen gilt, wer zuerst kommt der malt, bzw. frisst zuerst. Wenn also ein Jungtier ein Stück Nahrung ergattert hat, dann wird es dieses eventuell auch gegenüber seinen Eltern verteidigen. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass dieses Jungtier den Status der Eltern anzweifelt. Meine Empfehlung: Wenn euer Hund Futter oder andere Ressourcen verteidigt, dann zweifelt nicht gleich an euerer Beziehung zueinander, sondern findet heraus, warum er das tut- im Idealfall in Zusammenarbeit mit einem Trainer.

Märchen: Der Alphawolf läuft immer vorne und führt das Rudel an. Daher soll man als Halter zuerst durch die Tür gehen und den Hund an der Leine immer hinter sich führen.

Realität: Besonders in schneereichen Gebieten, wurde schon häufig beobachtet, dass die jungen Schnösel ganz vorne laufen. So treten sie den Schnee platt und die Alttiere die hinten laufen sparen Energie für wichtigere Dinge. Meine Empfehlung: Geht zuerst aus der Tür, wenn ihr einen Grund dafür habt. Wenn man beispielsweise an einer Hauptstraße wohnt, wäre das ein guter Grund. Auf dem Spaziergang dürft ihr gerne selbst entscheiden, wann euer Hund vorne oder hinten läuft. Denn Mama und Papa Wolf machen es auch so.



 
   

Märchen: Der Alphawurf wird vom ranghöheren Tier in Auseinandersetzungen angewendet, dabei wird der Rangniedere im Nackenfell gepackt und auf den Boden gedrückt, oder geschüttelt.

Realität: Drohverhalten KANN in Auseinandersetzungen dazu führen, dass der Unterlegene sich FREIWILLIG auf den Rücken legt und somit unterwürfig zeigt. Ein Wolf oder Hund der einen anderen im Nackenfell packt und schüttelt, der hat in der Regel mindestens eine Verletzungsabsicht, oder sogar eine Tötungsabsicht. 

Meine dringende Bitte: Bitte drückt eure Hunde nicht auf den Boden und schüttelt sie in gar keinem Fall am Nackenfell! Auch wenn es immer noch von einigen (leider auch weltweit bekannten) Trainern, als sinnvolle Maßnahme propagiert wird, ist das totaler Quatsch!

Märchen: Wenn euer Hund nicht hört, akzeptiert er euch nicht als Rudelführer.

Realität: Ein Mensch ist kein Hund und das weiß euer Vierbeiner auch. Egal was ihr anstellt, ihr werdet niemals der Rudelführer für ihn sein. Dazu kommt, dass wir ja bereits gelernt haben, dass es DEN EINEN allmächtigen Rudelführer ohnehin nicht gibt. Wolfseltern sind meist sehr geduldig mit ihrem Nachwuchs. Sie haben es nicht nötig, in jeder Situation den Chef raushängen zu lassen und sind souverän genug, um Konflikten auch mal aus dem Weg zu gehen, egal ob es um Nahrung, oder um andere Privilegien geht. Es gibt allerdings ein Privileg, welches meist nur den Leittieren zusteht: Das Recht auf Fortpflanzung. Wer jetzt immer noch Rudelführer sein möchte, dem kann ich auch nicht mehr helfen.

Meine Empfehlung: Seid eurem Hund gegenüber so souverän und so geduldig, wie es ein echtes Leittier wäre und lasst euch keine Märchen erzählen. Wer mehr über die Vorfahren unserer Hunde wissen möchte, dem empfehle ich das Buch „Wölfisch für Hundehalter“ von Günther Bloch.

Text: Julia Fuhrmann, Foto: ALEXANDRE – stock.adobe.com