Foto: Dietmar Meier

Vom Abwicklungsstandort zum Entwicklungsstandort

Lahde (ddm). Wer mit dem geplanten Kohleausstieg aus der Stromerzeugung auch das Schicksal des Kraftwerksgeländes in Lahde besiegelt und das Kraftwerk selbst womöglich auf dem Weg zu einer Industrieruine sah, dürfte die Angelegenheit nach der Informationsveranstaltung, die am 15. Dezember von Uniper online durchgeführt wurde, sicher deutlich entspannter betrachten. Denn dabei wurde deutlich, dass im Unternehmen kräftig daran gearbeitet wird, Perspektiven für eine Folgenutzung des Werksgeländes zu entwickeln.

Als Uniper die Öffentlichkeit Mitte Dezember erstmals über den aktuellen Stand der Planungen informierte, hatten sich rund 100 Interessierte bei der online-Präsentation eingeloggt. Von denen nutzte knapp die Hälfte auch die Gelegenheit, im Anschluss noch Fragen an das Fachteam zu stellen oder Bedenken und Anregungen vorzutragen.

„Uniper bleibt und möchte etwas aus dem Gelände machen“, brachte Cord Bredthauer, Bereichsleiter im Kraftwerk, die Botschaft im Gespräch mit dem Petershäger Anzeiger auf den Punkt. Seit etwa zwei Jahren arbeitet ein Team in Lahde, zu dem neben Bredthauer als Koordinator der sogenannten Masterplanstudie auch Kraftwerksleiter Uwe Knorr und die Uniper-Mitarbeiter Heiko Deterding und Jörn Wittkugel gehören, gemeinsam mit der Zentrale in Düsseldorf und einem externen Beratungsunternehmen an Konzepten, vergleicht Chancen und Risiken und prüft mögliche Kooperationen mit externen Partnern. 

“Richtig Fahrt aufgenommen haben die Planungen Ende 2020, als Heyden 4 in der ersten Ausschreibung zur Stilllegung von Steinkohlekraftwerken den Zuschlag der Bundesnetzagentur erhalten hatte”, beschreibt Cord Bredthauer die Entwicklung. Damit zeichnet sich ab, dass dem Block ein ähnliches Schicksal wie dem Gemeinschaftskraftwerk Veltheim mit einem sich vielleicht jahrelang hinziehenden Rückbau erspart bleibt.

Den Fokus richtet Uniper in Lahde auf die Erzeugung regenerativer Energien und nachhaltiger Produkte für die Energiewelt von morgen, ohne darauf begrenzt zu sein. “Wir wollen daran arbeiten, Bereiche zu dekarbonisieren, die besonders schwierig zu dekarbonisieren sind, etwa für Anwendungen in der Luftfahrt und der Schiffahrt, und damit auch einen aktiven Beitrag zur Energiewende zu leisten“, umschreibt der Masterplan-Koordinator das primäre Themenfeld.

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Am weitesten fortgeschritten sind derzeit Überlegungen in Richtung Produktion synthetischer Kraftstoffe aus biogenen Eingangsstoffen, etwa als Kerosin-Ersatz. Ein zweiter Bereich betrifft die Entwicklung nachhaltiger Baumaterialien für die Baustoffwirtschaft. Die Herstellung von Zement bringt derzeit weltweit außerordentlich hohe CO2-Emissionen mit sich. Die Produktion adäquater Zementersatzstoffe mit Tonen als Ausgangsstoff wäre eine ebenso herausfordernde wie lohnende Aufgabe.

„Uniper hat über Jahrzehnte erfolgreich Strom produziert. Jetzt ist das Unternehmen dabei, sich streckenweise auch selbst neu zu erfinden. Wir haben im Hause ebenso qualifizierte wie engagierte Ingenieure und Techniker mit der Fähigkeit, sich in neue Aufgaben reindenken zu können“, blickt Cord Bredthauer optimistisch in die Zukunft.

Auch damit sind die Ideen für das Kraftwerksareal noch nicht am Ende. Im Gespräch ist auch, dass Uniper neben dem Betrieb eigener Produktionsanlagen künftig in Lahde auch als Industrieparkbetreiber agieren und vor Ort für Industriekunden Energie, Infrastruktur und Dienstleistungen bereitstellen könnte, sprich mit Strom, Wärme, Dampf etc. wie auch “grünem“ Wasserstoff versorgt. Auch der Betrieb eines Ausbildungszentrums wäre denkbar. 

Die Stärken des Standorts fallen schnell ins Auge: Ein gut 60 Hektar großes Grundstück mit weiteren Freiflächen (Bild oben) im Besitz eines einzelnen Eigentümers, das über eine trimodale Verkehrsanbindung (Straße, Schiene, Wasser) verfügt und zudem auch an das Hochspannungs- und das Ferngasleitungsnetz angeschlossen ist. Auch ist der gesamte Bereich in der überregionalen Planung als gewerblich-industrieller Bereich ausgewiesen, der bislang allerdings ausschließlich für Kraftwerksanlagen freigegeben ist. Damit ist auch die Stadt Petershagen unmittelbar mit im Boot, denn erst nach einer entsprechenden Anpassung des Bebauungsplanes könnte das Gelände für weitergehende Zwecke genutzt werden. 

Was die Planer vor einige Herausforderungen stellt, sind verschiedene andere Festsetzungen und Nutzungen im Umfeld des Kraftwerkgeländes. So ist die vorgelagerte Weseraue größtenteils als Natur- und Vogelschutzgebiet ausgewiesen. Der Bereich um die Kurklinik Bad Hopfenberg ist Luftkurort und die Stadt Petershagen möchte auch die touristische Nutzung der heimischen Landschaft weiter voranbringen. Die benachbarte Wohnbebauung ist zu berücksichtigen und zudem sind Teile sind Geländes amtliches Überschwemmungsgebiet.

Unbestimmt ist auch die Zeitschiene. Zwar ist das Ende der Steinkohle-Verstromung in Lahde und der Umbau zum Phasenschieber für den Winter 2022/23 geplant. Ob das angesichts derzeitiger Lieferengpässe in der Industrie aber auch so realisiert werden kann, vermag derzeit noch niemand sicher zu sagen, wie Kraftwerksleiter Uwe Knorr bei der online-Veranstaltung vermerkte. Das wiederum wirkt sich zwangsläufig auf den Rückbau oder die Umnutzung bestehender Bauten aus.

Ansiedlung innovativer Technologien, Sicherung von Arbeitsplätzen und Wertschöpfung in der Region, dabei Erhalt des landschaftlich reizvollen Charakters — die verschiedenen Interessen zum gemeinsamen Nutzen von Stadt und Unternehmen unter einen Hut zu bringen, ist auch für Politik und Verwaltung eine anspruchsvolle Aufgabe. Der Wille zum offenen, konstruktiven Miteinander scheint – so der derzeitige Eindruck – jedenfalls schon mal vorhanden.

Weitere Informationen zum Masterplan gibt es online unter www.uniper.energy/heyden.