300 Millionen Jahre Petershagen

Petershagen. „Die Sonne brennt heiß über der ausgedörrten Petershäger Wüstenlandschaft, in die sich nur selten Regentropfen verirren. Bei Tagestemperaturen von über 40 Grad bietet der steinige Boden nur noch besonders angepassten Kleintieren Lebensraum.“

Was wie ein kommendes Katastrophenszenario im Zuge der Erderwärmung anmutet, hat unser Stadtgebiet in der Vergangenheit längst erlebt. Oder genauer: Das Fleckchen Erde, das wir heute als Stadt Petershagen bezeichnen. Durch die Wanderung und Kollisionen der Kontinente auf dem Globus, durch das Auf und Ab der Erdkruste, als Folge gigantischer Vulkanausbrüche und globaler Klimaschwankungen hat Petershagen eisige Kälte und mörderische Hitze erfahren, war Meeresbucht, Gebirge, Sandwüste, Salzsee und Dschungel – lange bevor die Spezies Mensch in der Evolution an der Reihe war. 

Die Informationen darüber stecken in den Gesteinen unter unseren Füßen. Ob aus der Artenvielfalt einzelliger Lebewesen oder aus winzigen Luftblasen in Eisbohrkernen, Geowissenschaftler können uralten Ablagerungen mit immer raffinierter werdenden Methoden Informationen auch über die Umweltbedingungen in längst vergangenen Zeiten entlocken. 

Setzen wir uns für einen Moment in eine Zeitmaschine, drehen die Uhr der Erdgeschichte ein Stück zurück und werfen einen kurzen Blick auf einige Etappen unserer so vertrauten Landschaft.

Foto: J. D. Griggs, PD-US Gov-USGS

Beginnen wollen wir unsere Zeitreise vor 300 Millionen Jahren, in einer Zeit, die Geologen Karbon nennen. Auf unserem Planeten existierte auch damals schon reges Leben. Petershagen lag noch auf Höhe des Äquators. In einer weiten, von Flüssen durchzogenen Ebene gedeihen im feuchtwarmen Klima Sumpfwälder und Moore mit bis zu 30 Meter hohen Schuppenbäumen und 20 Meter hohen Schachtelhalmen prächtig. Selbst Farne werden in dieser Zeit bis zu acht Meter hoch. Angekurbelt wird die Photosynthese und damit das Pflanzenwachstum von einem CO2-Gehalt in der Atmosphäre, der mindestens doppelt so hoch war wie heute. Die abgestorbene Vegetation lagert sich in meterdicken Torfschichten ab, die im Lauf der Erdgeschichte tief in der Erdkruste versenkt und dabei in Steinkohlenflöze verwandelt werden. Es ist genau die Steinkohle, deren Abbau im Rhein-Ruhr-Revier maßgeblich zur Energieversorgung und zum wirtschaftlichen Aufschwung nach dem zweiten Weltkrieg beigetragen hat. Unter Petershagen liegen die Schichten aus der Steinkohlenepoche heute in einer Tiefe von mehr als drei Kilometer.

20 Millionen Jahre später ist das Stadtgebiet auf dem Globus 15 Breitengrade nach Norden gewandert und befindet sich nun im Südabschnitt einer trocken-heißen Wüste, in der Felder großer Sanddünen die Landschaft beherrschen, nicht viel anders als heute in der Sahara. Und auf einer Fahrt ins nördliche Niedersachsen zur Zeit des Rotliegend passieren wir ab und zu aktive Vulkane, die schon Unmengen von Lava und Asche ausgestoßen haben.

Bei unserem nächsten Zwischenstopp das nächste Extrem: Vor 255 Millionen Jahren, im Zechstein, liegt die Stadt Petershagen am Meeresboden, im südlichen Teil eines Meeresarms, der quer durch Norddeutschland verläuft. Die Hitze sorgt dafür, dass das übersalzene Meerwasser immer mehr verdunstet. Die im Wasser gelösten Mineralien kristallisieren dabei aus und verwandeln die Landschaft in eine lebensfeindliche Salzwüste. In dieser Epoche bilden sich mächtige Schichten aus Stein- und Kalisalzen, aus denen später die norddeutschen Salzstöcke hervorgehen werden.

Und auch nach unserem letzten heutigen Zeitsprung landen wir im nassen Element, jedoch wieder in einer ganz anderen Situation als zuvor. Vor gut 154 Millionen Jahren, im Oberen Jura, befinden wir uns im bewegten Flachwasser eines tropischen Meeres, ähnlich dem Umfeld der Bahamas heute. Am Meeresboden lagert sich Kalkschlamm ab bestehend aus feinen Kügelchen. Daraus wird im Laufe der Erdgeschichte ein harter Kalkstein – den wir heute am Kamm des Wesergebirges wiederfinden und als hochwertigen Straßenbaustoff abbauen.

Steinbruch Wülpker Egge: Kalksteine und EisenerzFlöze aus der Zeit des Oberen Jura. Foto: ddm

Eine Erfahrung nehmen wir aus unserer kleinen Zeitreise mit: die aktuelle Landschaft vor unserer Haustür ist nicht mehr als eine – für uns angenehme – Momentaufnahme in der Erdgeschichte. Wir leben auf einem dynamischen Planeten, der sich über geologische Zeiträume stetig verändert hat. Und das auch in Zukunft tun wird.

Fortsetzung folgt.

Text: Dietmar Meier, Foto: dimitry_saparov/fotolia