Altdeponie Heisterholz – Ein verborgener Müllberg

Petershagen. Wer auf der B61 zwischen Minden und Petershagen oder auf dem Weserradweg unterwegs ist, passiert in Heisterholz eine besondere Hinterlassenschaft unserer Zivilisation, normalerweise ohne davon überhaupt etwas wahrzunehmen. Die Rede ist von der Altdeponie Heisterholz. Hinter einem schmalen Waldstreifen östlich der B 61 gelegen und heute völlig begrünt, erinnert wenig daran, dass hier vom Anfang der 1970er Jahre bis zum Jahr 1990 auf einer Länge von fast einem Kilometer Abfall aus dem Kreis Minden-Lübbecke deponiert wurde.

Dort, wo heute Müll lagert, wurde zuvor über Jahrzehnte Tonstein als Rohstoff für die Produktion von Dachziegeln im nahegelegenen Werk in Heisterholz abgebaut. Als die Rohstoffvorräte östlich der B61 erschöpft waren, nutzte zunächst die Stadt Minden die Freifläche zur Müllablagerung. Als die Kapazität der damaligen, in einem Steinbruch in Wülpke befindlichen Kreismülldeponie zur Neige ging, sah auch der Kreis Minden-Lübbecke Heisterholz als willkommenen Ersatz. Damit wollte man vielleicht auch den damals langsam steigenden Ansprüchen an die Umweltverträglichkeit der Mülldeponierung Rechnung tragen, insbesondere der Sickerwasser-Problematik.

In der aktiven Phase der Deponie wurde der Müll auf denkbar einfachste Weise abgelagert. Nahe der Böschung abgekippt und von Baumaschinen über die Kante geschoben und planiert , pflanzte sich der Müllberg sukzessive von der Grenze zum Dachziegelwerk nach Süden in Richtung Grasshoff fort. Eingelagert wurden neben Hausmüll auch Grünabfälle und Bauschutt sowie „normale“ Abfälle aus Gewerbe und Industrie, jedoch keine Sonderabfälle. Zwischen der B61 und dem Weserradweg bedeckt der Abfallberg heute eine Fläche von 16 Hektar. In der Deponie lagern 1,29 Millionen Tonnen Abfälle.

Die ehemalige Kreismülldeponie Heisterholz während der Betriebsphase.

Verwaltungsseitig untersteht die Altdeponie heute dem Abfallentsorgungsbetrieb des Kreises Minden-Lübbecke (AML). Unter dessen Dach ist die KreisAbfallVerwertungsGesellschaft Minden-Lübbecke (KAVG) verantwortlich für die technischen Betriebsabläufe auf dem Deponiegelände, einschließlich des Betriebs der Sickerwasseraufbereitungsanlage.

Aus Umweltsicht schien der Deponiestandort Heisterholz im Vergleich zur Deponie in Wülpke schon eine Verbesserung zu sein, denn an der Wülpker Egge lagert der Müll auf Kalkgestein, das eine weit höhere Durchlässigkeit für Sickerwässer hat als das Tongestein in Heisterholz. In den 1960er und 1970er Jahren herrschte dazu noch die Meinung vor, dass Tongesteine nahezu wasserundurchlässig wären. Dabei wurde jedoch übersehen, dass die Unterkreidetonsteine im Vorland des Weser-Wiehengebirges von einem Netz natürlicher Trennfugen (geologisch Klüfte genannt) durchzogen sind, in denen Grundwasser zirkuliert, wenn auch langsamer als in anderen Gesteinen.

Wie mit einem Messer geschnitten: Die geraden Linien auf einer Schichtfläche des Unterkreide-Tonsteins sind die Spuren natürlicher Klüfte.

An der Basis liegt der Müll in Heisterholz unmittelbar auf der beim Rohstoffabbau geschaffenen Ebene im geklüfteten Tonstein. Hierin liegt ein Unterschied zur aktuellen Kreismülldeponie „Pohl’sche Heide“, wo an der Deponiebasis zunächst eine 3 Meter mächtige Schicht eingebracht wurde (die sogenannte Basisabdichtung), die eine wesentlich geringere Durchlässigkeit für Sickerwässer aufweist als das in der Region natürlich anstehende Tongestein.

Deponiesickerwasser entsteht, wenn der Abfallkörper von Wasser durchströmt wird. Dabei geht es zum einen um Regenwasser, das von oben in einen Deponiekörper einsickert. Bei Hangdeponieen wie in Wülpke und Heisterholz aber auch um Grundwasser, das von der Seite aus in den Abfallkörper gelangt. Sickerwasser transportiert nicht nur gelöste Inhaltsstoffe aus den Abfällen und schwemmt Feinstpartikel mit, es initiiert auch biochemische Reaktionen im Abfall, bei denen auch neue chemische Verbindungen entstehen. Damit es nicht zu einer weitergehenden Umweltverschmutzung kommt, ist Sorge zu tragen, dass schadstoffbelastetes Sickerwasser nicht in das Umfeld einer Deponie gelangt, sondern die im Wasser befindlichen Schadstoffe herausgefiltert werden. Schon aus Kostengründen besteht das Interesse, möglichst wenig Wasser in den Deponiekörper gelangen zu lassen, das anschließend kostenintensiv gereinigt werden muß.



     

Im Regenwasser sieht Otto Bambach, in der KAVG als Abteilungsleiter zuständig für Altdeponien und Kläranlagen, in Heisterholz kein nennenswertes Problem. Eine 3-5 Meter mächtige Abdeckung aus lehmigen Boden, der zum großen Teil von der damaligen Baustelle des Klinikums in Häverstedt stammt, in Verbindung mit dem kräftigen Bewuchs sorgen dafür, dass unter normalen Umständen sofern überhaupt nur sehr wenig Regenwasser von oben in die Abfälle gelangt. Die Schwachstelle der Heisterholzer Deponie liegt auf der Hangseite, wo die Abfälle ohne seitliche Abdichtung bis an die ehemalige Abbaukante des Tonsteins geschüttet wurden. In dem damals für „dicht“ gehaltenen Tonstein strömt, wie man inzwischen weiß, von Westen, aus dem Heisterholzer Wald Grundwasser zum Vorfluter Weser. Je nach den Wetterverhältnissen, ob ein Jahr trocken oder nass verläuft, fließen nach KAVG-Angaben jährlich zwischen 32000 und 55000 Kubikmeter Grundwasser von der Seite in den Deponiekörper. Das entspricht einer durchschnittlichen Tagesmenge zwischen 87 und 150 Kubikmeter!

Blick auf die Sickerwasserschächte am weserseitigen Fuß der Altdeponie.

Um das belastete Sickerwasser abzufangen, das an der Basis des Abfallkörpers beziehungsweise darunter in den Klüften des Tonsteinuntergrundes weiter Richtung Weser fließt, verfügt die Deponie über eine Galerie miteinander verbundener, circa 2,5 Meter tiefer Sickerwasserschächte am weserseitigen Fuß des Deponiekörpers. Das aufgefangene Sickerwasser wird von dort per Rohrleitung nach oben zur Kläranlage gepumpt . Da die Deponiebasis in Heisterholz nur einige Meter über dem normalen Wasserstand der nur gut 50 Meter entfernten Weser liegt, betrachtet man Hochwasserereignisse, bei denen die Weser an die Deponie heranrückt und damit auch den Grundwasserspiegel ansteigen lässt, naturgemäß mit besonderer Aufmerksamkeit.

In der an der B61 gelegenen Sickerwasserkläranlage wird das Sickerwasser in einem aufwendigen Prozess mit biologischen und physikalisch-chemischen Klärstufen soweit gereinigt, dass das Wasser selbst anschließend ohne Bedenken direkt in die Weser abgeleitet werden kann. Die ausgefilterten Reststoffe werden entweder in regenerierbarer Aktivkohle oder im Überschussschlamm gebunden. Letzterer geht in eine thermische Verwertung, während die Aktivkohle von einem Spezialunternehmen recycelt (ausgeglüht) wird und danach wieder eingesetzt werden kann. Für den Fall technischer Probleme steht neben der Kläranlage ein Auffangbecken zur Verfügung, in der Sickerwasser zwischengelagert werden kann.

Die Anlage in Heisterholz ist nicht nur für die Reinigung der Abwässer aus der Altdeponie Heisterholz ausgelegt, sondern sorgt zentral auch für die Reinigung der Sickerwässer aus anderen Deponien des Kreises Minden-Lübbecke. Dazu gehört inzwischen auch die aktuelle Kreismülldeponie Pohl‘sche Heide, auf der die dort anfallenden Sickerwässer anfänglich noch vor Ort geklärt wurden. Seit 2007 führt eine 16 Kilometer lange Druckrohrleitung von der Pohl‘schen Heide nach Heisterholz, wodurch jährliche Transportkosten in der Höhe von 300.000 Euro eingespart werden. Das Sickerwasseraufkommen der Pohl‘schen Heide liegt in der Größenordnung des Sickerwasseranfalls auf der Altdeponie Heisterholz. Darüberhinaus wird auch Sickerwasser aus den Deponien Wülpke und Varlheide mit Tanklastzügen nach Heisterholz transportiert. Besondere Situation in Wülpke: aus der dortigen Deponie nahe am Kamm des Wiehengebirges sickert verunreinigtes Wasser in die darunterliegenden Stollen des Bergbaubetriebes, wo es gesammelt und regelmäßig abgepumpt wird.

Deutlich verringert hat sich im Laufe der letzten Jahre die Menge des im Abfallkörper gebildeten Deponiegases. Wurde dieses in Spitzenzeiten noch zur Stromproduktion genutzt, werden die derzeit noch anfallenden Restmengen etwa alle zwei Wochen schlicht abgefackelt, weil sich ein Betrieb des Stromaggregates wirtschaftlich nicht mehr rechnet, wie Otto Bambach erläutert. Dennoch werden auf dem Deponiekörper weiterhin regelmäßig Gasmessungen durchgeführt, um eventuelle Undichtigkeiten der Deponieabdeckung aufzuspüren.

Die für Sickerwasserbehandlung und Gasmanagement in Heisterholz jährlich anfallenden Kosten beziffert Otto Bambach auf einen Betrag zwischen 350.000 und 500.000 Euro. Die Kosten werden größtenteils aus Rückstellungen gedeckt, die bereits während des Deponiebetriebes gebildet wurden beziehungsweise auch heute noch in den betreffenden Topf einfließen. Hinzu kommen Einnahmen, die der Kreis Minden-Lübbecke durch die auf dem Deponiegelände installierte Photovoltaik-Anlage erzielt. Deren Ertrag liegt im Mittel bei 2.780 MWh pro Jahr. Das entspricht immerhin einer Strommenge, die für etwa 690 Einfamilienhäuser ausreicht. Soweit die Altdeponie Heisterholz derzeit technisch gesichert scheint: Ein Ende der notwendigen Nachsorge der Altlast ist nicht absehbar. Entsprechend werden auch die dafür anfallenden Kosten noch viele Jahre im Haushaltsplan stehen.

Text und Foto: Dietmar Meier