Auf Tonstein gebaut – 300 Millionen Jahre Petershagen

Petershagen. Es sind einzigartige geologische Dokumente aus einer längst vergangenen Zeit, die Dinosaurierspuren, die man in Steinbrüchen in Obernkirchen und Münchehagen bewundern kann. Seit dort Gruppen pflanzenfressender als auch fleischfressender Dinos Trittspuren im weichen Sand hinterlassen haben, sind rund 140 Millionen Jahre vergangen. Die in den Steinbrüchen aufgeschlossenen Gesteine gewähren einen Einblick in die Frühzeit einer geologischen Epoche, die Geowissenschaftler als Unterkreide bezeichnen.

Norddeutschland vor 135 Millionen Jahren, umgezeichnet nach einer Karte von J. Mutterlose (1992).

Petershagen lag damals auf Höhe des 35. Breitengrades, im Bereich des heutigen Mittelmeeres zwischen den Küsten Nordafrikas und Italiens. Unsere Region war zu dieser Zeit Teil einer großräumigen flachen Senke auf dem Festland, die von großen Seen, flachen Lagunen, Inselketten und verzweigten Flusssystem gestaltet wurde. Unter tropischen Klimabedingungen prägten Baumfahne, Schachtelhalme und Ginkos das Bild der damaligen Wälder. Aus der Biomasse der in der Küstenregion vorkommenden Moore und Sumpfwälder entstanden einige Steinkohleflöze, einige maximal 0,75 Meter mächtig sind, die bis 1960 im Schaumburger Land und auch im Mindener Raum abgebaut wurden.

5 Million Jahre später hatte sich das Bild schon wieder verändert. Ein Absinken der Erdkruste und der Anstieg des Meeresspiegels hatten dafür gesorgt, dass sich nun ein etwa 100 Kilometer breiter Meeresarm, der in den Geowissenschaften als Niedersächsisches Becken bezeichnet wird, von Westen aus quer durch Norddeutschland bis in den Braunschweiger Raum zog (siehe Karte). Petershagen lag fern der Küste im Zentrum dieses Beckens, dessen nördliches Ufer sich ungefähr auf der Höhe von Nienburg befand. Im Süden erreichte man das Festland südlich der Linie Bielefeld-Osnabrück.

Ebenso wie heute Rhein, Weser und Elbe Gerölle, Sand und Schlamm aus ihren Einzugsgebieten in die Nordsee transportieren, gelangten auch zur Unterkreidezeit große Mengen von Gesteinspartikeln durch die Flüsse vom Festland ins Niedersächsische Becken. Gröbere Partikel, die Sandkörner, setzten sich bereits in Küstennähe ab, während die feinsten Körnchen, die Tonpartikel, bis ins Beckenzentrum geschwemmt wurden und am Meeresboden Schichten aus feinem Schlamm bildeten. Da die Absenkung des Beckens und damit auch die Sedimen- tation über viele Millionen Jahre andauerte, hatte sich am Ende der Unterkreide-Zeit ein fast 2000 Meter mächtiges Schichtpaket im Zentralteil des Beckens abgelagert. Durch den Druck der auflagernden Schichten und die erhöhte Temperatur in der Erdkruste verwandelte sich der ursprünglich lockere Schlamm im Verlauf der Erdgeschichte in den festen, grauen bis grauschwarzen Tonstein, der uns heute wegen der Größe des ehemaligen Beckens im gesamten Vorland des Weser-Wiehengebirges und noch darüber hinaus begegnet.

Wenn Tonsteinbrocken austrocknen, zerfallen sie umgehend in feine Plätchen. Vermutlich deswegen wird in Petershagen in Verbindung mit dem Unterkreidetonstein oft der Begriff Schiefer verwendet, obwohl es sich dabei geologisch gesehen nicht um ein Schiefergestein handelt.

Im Heisterholzer Wald bedarf es an vielen Stellen nur eines Spatenstiches, um auf den Festgesteinsuntergrund zu stoßen. Im Wesertal müssen dazu manchmal 8 bis 12 Meter Kies und Sand durchbohrt werden. Aber ob in Neuenknick, Quetzen, Ovenstädt oder Friedewalde, unter lockeren Ablagerungen aus dem Eiszeitalter stoßen wir überall auf den gleichen Gesteinstyp, die Tongesteine aus der Unterkreidezeit.

Mit Beginn der Oberkreide-Zeit weitete sich die Meeresbedeckung in Norddeutschland zunächst weiter kräftig aus. Nach Süden rückte die Küstenlinie bis ungefähr auf die Höhe von Kassel vor und die Festlandsgebiete zwischen Hamburg, Bremen und Emden verschwanden vollständig unter Meeresbedeckung. Auf den Unterkreide-Sedimenten lagerten sich nun mächtige Kalkgesteine ab. Mitte Oberkreide änderte sich das Bild grundlegend. Die Bewegungen in der Erdkruste kehrten sich um, die Sedimentfüllung des Niedersächsischen Beckens und damit große Teile Norddeutschlands wurde über den Meeresspiegel herausgehoben und die ehemalige Beckenregion nun zum Abtragungsgebiet. In der Folge sind die Oberkreidesedimente und wahrscheinlich mehr als 60 Prozent der ehemals vorhandenen Unterkreideschichten rund um Petershagen der Erosion zum Opfer gefallen.

Versteinerte Gehäuse zweier Ammoniten, die zur Unterkreidezeit auf der Pohlschen Heide gelebt haben.

Wenn wir im Stadtgebiet auf Tonstein stoßen, treffen wir also auf eine Erosionsoberfläche. Verwitterung durch physikalische und chemische Prozesse findet aber nicht nur an der Gesteinsoberfläche statt, sondern wirkt auch tiefer in den Untergrund. Aus diesem Grund ist der Tonstein oberflächennah stark aufgelockert wie ein Mosaik aus kleinen und großen Bruchstücken.

Ohne es vielleicht zu wissen, haben sicher die meisten schon mal ein Stück Strand des Niedersächsischen Beckens näher betrachtet. Die Externsteine bei Detmold sind geologisch gesehen nichts anderes als Sandablagerungen vom Ufer des Unterkreidemeeres. Daraus wurde später ein fester Sandstein (Osning-Sandstein), der in einem schmalen Streifen des Teutoburger Waldes und der Egge den Küstenverlauf des ehemaligen Beckens nachzeichnet. 

Der geologische Bau ist für eine Stadt immer auch ein Standortfaktor, der oft genug Themen liefert, die auch Verwaltung und Politik beschäftigen. Das gilt auch für den Untergrund der Stadt Petershagen. Viele Jahre lang dienten die heimischen Tonsteine als Rohstoff für die Ziegelherstellung und sorgten damit für Arbeitsplätze. Um 1900 gab es im Raum Petershagen 13 überwiegend kleine Ziegeleien. In den 1960er Jahren hatte sich die Zahl auf drei Betriebe reduziert. Übrig davon ist heute allein das jetzt zum BRAAS-Konzern gehörende Dachziegelwerk in Heisterholz. Aber die Zeit der Unterkreide-Tonsteine ist aus ökonomischen Gründen auch dort abgelaufen. Die Rohstoffe für Heisterholzer Dachziegel werden mittlerweile aus Süddeutschland angeliefert.

Die Externsteine sind ein Stück versteinerter Strand des Unterkreidemeeres.

Für sehr viele Schlagzeilen hat in der Vergangenheit ein anderer Aspekt gesorgt: Das Thema Müllentsorgung. Tongesteine wurden lange Zeit fast pauschal als wasserundurchlässig bewertet, was die Unterkreide-Schichten und ehemalige Tongruben in und um Petershagen in den Focus der Abfallwirtschaft rückte. Altdeponie Heisterholz, Sonderabfalldeponie Münchehagen, Deponie Pohlsche Heide, Standortsuchverfahren für eine SAD 1992 – diese Begriffe stehen für viel Aufregung in Petershagen – und für enormes Bürger-Engagement.

Die ehemalige Kreismülldeponie Heisterholz während der Betriebsphase.

Titelbild: Eine ehemalige Abbauwand in der westlich der B 61 gelegenen Tongrube während der Betriebsphase. Im unteren Teil ist zu erkennen, dass die Unterkreidetonsteine Grundwasser führen. Die dunkle Färbung nahe der Abbausole ist bedingt durch flächenhafte Wasseraustritte aus einer Schicht.

Text und Fotos: Dietmar Meier