Willi Traue mit seinem Jagdhund in Friedewalde. Foto: Krischi Meier

„Der Natur etwas zurückgeben“ – Naturschützer und Jäger Willi Traue im Interview

Friedewalde (kri). Willi Traue aus Friedewalde ist Naturschützer mit Leib und Seele. Auch mit 78 Jahren ist er noch mit der Heckenschere unterwegs und pflegt die Natur. Für seinen besonderen Einsatz wurde Traue mit dem Bundesverdienstkreuz für den Naturschutz ausgezeichnet. Willi Traue ist aber auch Jäger — lässt sich das mit dem Naturschutz vereinen? Wir haben ihn zum Gespräch getroffen.

Sie sind Mitglied der Naturschutzwacht. Was bedeutet das?

Ich bin ein vom Kreis Minden-Lübbecke eingesetztes Verbindungsglied zwischen der unteren Naturschutzbehörde und den Bürgerinnen und Bürgern. Unsere Aufgabe ist die Beratung zu vielen Themen des Umweltschutzes. Ich lehne es ab, Leute im Wald oder Feld direkt anzuschwärzen, sondern suche das konstruktive Gespräch. Als Naturschutzwächter bin ich aber auch selber aktiv und kümmere mich um illegal abgeladenen Müll in der Natur. Das hat in letzter Zeit leider sehr stark zugenommen.

Sie sind aber auch Jäger. Beinhalten Naturschutz und Jagd nicht große Gegensätze?

Nein! Naturschutz und Jagd gehören in jedem Fall zusammen. Der Jäger entnimmt dem Naturhaushalt etwas. Meiner Ansicht nach ist er dann auch verpflichtet, der Natur etwas zurück zu geben. Das ist für mich echter Naturschutz. Dieser Gedanke hat mich von Anfang an bewegt. Seit den 1980er Jahren bis heute haben wir 130.000 Bäume und Büsche in Friedewalde gepflanzt, die einen ausgezeichneten Lebensraum für Niederwild und Bodenbrüter bieten. So habe ich zusammen mit den Grundeigentümern auf einer Fläche von 130.000 Quadratmetern echten Naturschutz betrieben.

Wie sind Sie zum Naturschutz und zur Jagd gekommen?

Mein Lehrmeister Fritz Grannemann war ein echter Kenner der Vogelwelt. Darüber habe ich das Interesse an diesem Bereich entwickelt und über den Vogelschutz gelernt, dass Naturschutz und Jagd zusammen gehören.

Sie sagen, die Jagd sei eine große Verpflichtung. Wieso?

Die Jagd ist für mich eine Verpflichtung, Artenschutz zu betreiben. Und es gibt viele Tierarten, die auch hier bei uns vor Ort bedroht sind. Durch das Insektensterben sind 70 Prozent der Insekten nicht mehr da. Eine direkte Auswirkung ist, dass 35 Arten der Singvögel, quasi alle Bodenbrüter, in der EU bedroht sind. Für sie sind die Insekten die tägliche Nahrung, die nun fehlt. Außerdem sind rund ein Drittel der Säugetierarten in ihrem Bestand gefährdet.

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Sehen Sie den Artenschutz auch für den Wolf?

Vorbehaltlos ist für mich der Artenschutz auch für den Wolf gültig. Aber: An vielen Stellen werden die Zahlen schön gerechnet. In ganz Deutschlang gibt es aktuell nach mir vorliegenden Infos rund 2.300 Wölfe in 180 Rudeln, 450 davon im benachbarten Niedersachsen. Der Zuwachs beträgt rund 30 Prozent pro Jahr, da der Wolf sich ohne natürlichen Feinde und ohne die Einwirkung des Menschen unaufhaltsam vermehrt. Der Wolf genießt nach Bundesnaturschutzgesetzt den höchstmöglichen Schutzstatus.

Ein Beispiel: Wölfin Gloria hat bei Wesel bisher 140 Nutztiere gerissen — trotz der vom Land zur Verfügung gestellten wolfssicheren Zäunen. So besonders wolfssicher sind diese also nicht. Erst ein Zaun mit einer Höhe von zwei Metern ist ein wirkliches Hindernis für den Wolf. Die Anschaffung dieser Zäune sowie Entschädigungen für die Tierhalter nach einem Wolfsriss kosten die Länder Millionen. Im Mittel fallen pro Wolfspaar Kosten in Höhe von 75.300 Euro pro Jahr an — das sind aktuell über 12 Millionen Euro pro Jahr. Ein Experte hat berechnet, dass ein Wolf auf 1.000 Quadratkilometern tragbar ist. Das wären umgerechnet auf Deutschland insgesamt 357 Wölfe – alleine in Niedersachsen leben mehr Tiere.

Für mich ist der Wolf absolut schützenswert, aber bei der aktuellen Anzahl der Tiere ist die Situation der Wölfe außer Kontrolle geraten. 

Was ist, wenn ich einen Wolf treffe? 

Als Spaziergänger mit Hund sollte man im manchen Bereichen Deutschlands bereits jetzt den Wald lieber meiden. Zwar haben wir in Petershagen noch kein angesiedeltes Wolfspaar, doch immer wieder ziehen Einzeltiere durch Petershagen, wie wir an den gerissenen Tieren erkennen können. Wenn man auf einen Wolf trifft, sollte man sich diskret zurück ziehen, denn der Wolf ist ein bis zu 70 Kilogramm schweres Raubtier mit ungeheurer Beißkraft, gegen das der Mensch keine Chance hat.

Durch das verstärkte Aufkommen des Wolfes haben sich die Lebensräume vom Rehwild verändert. Heute sind sie oft im Außenbereich zu sehen und nicht mehr im Wald – hier ist der Wolf jetzt aktiv.

Der Wolf ist ein hochintelligentes Tier, daher wäre eine Bejagung  notwendig. Meiner Meinung nach muss der Wolf in das Jagdrecht aufgenommen werden.

Blühstreifen wie diese werden angelegt, um gezielt einen passenden Lebensraum für Insekten zu schaffen.

Was würden Sie anders machen?

Der Hase gehört zu dem einen Drittel der gefährdeten Arten und steht in Teilbereichen auf der roten Liste. Ich würde mir wünschen, dass der Hase auf freiwilliger Basis fünf Jahre lang nicht bejagt wird, um zu sehen, wie sich der Bestand entwickelt.

Die Population der Krähen hat sich in den letzten Jahren mehr als verdoppelt und verursacht immense Schäden nicht nur in der Landwirtschaft. Die Bejagung mit der Flinte ist nur vom 1. August bis 10. März erlaubt, doch der Zeitraum ist viel zu kurz. Zudem sind die schlauen Rabenvögel nur schwer mit dem Gewehr zu bejagen. Effektiver wäre der „Nordische Krähenfang“, eine stationäre Falle für die Vögel. Doch diese Methode ist in Deutschland verboten.

Ein akutes Problem sind auch Katzen ohne Besitzer: Eine Schätzung des Deutschen Tierschutzbundes besagt, dass es rund zwei Millionen verwilderte Tiere in Deutschland gibt, die ein ungeheurer Störfaktor für die Vogelwelt aber auch alle Bodenbrüter sind. Dadurch ergibt sich ein Verlust von rund 200 Millionen Vögeln und Kleintieren in Deutschland pro Jahr. Aktuell gibt es für Jäger und Naturschützer keine Möglichkeit Katzen zu entnehmen. Wir können es uns aber aus Sicht des Artenschutzes nicht erlauben, alle verwilderten Katzen laufen zu lassen.

Besondere Sorgen mache ich mir über den Raubbau an der Erde, der absolut unverträglich ist. Der tägliche Ackerlandverlust in Deutschland liegt bei rund 60 Hektar. Das bedeutet, umgerechnet 84 Fußballfelder, die jeden Tag zugebaut werden.