Heute schon gedreht? – Als Kaugummiautomaten noch Sehnsüchte weckten

Von roter Signalfarbe umrahmt machen sie an den beliebtesten Ecken auf sich aufmerksam. Kaugummiautomaten – die stummen Diener aus der Nachkriegszeit prägen seit etwa 70 Jahren das Stadtbild und begeistern bis heute nicht nur Kinderaugen.

Liebesbeweis aus dem Automaten

Keiner wollte es zugeben, aber die meisten Jungs haben es getan: Mit einem Plastikring aus dem Kaugummiautomaten um die Gunst der Angebeteten werben. Die Auserwählte drückte gern ein Auge zu, schließlich war das ein echter Liebesbeweis.

Wer besonders lässig wirken wollte, zog sich Kaugummikugeln aus dem Automaten. Mit Einführung der „Bubblicious Magic Balls“, das erste Bubble Gum seiner Art, konnten zugleich große Blasen gepustet und zum Platzen gebracht werden. Auch Flummis (Springbälle) und Glas-Murmeln waren sehr beliebt, verschwanden aber aufgrund ihrer geringen Größe von ein bis zwei Zentimetern oft in den Hecken oder Sandkästen. Ein Glück für die Automatenbetreiber – sie sorgten immer für Nachschub.

Eine Maschine, die unermüdlich Münzen schluckt

So war das in den 1950er bis 1980er Jahren, zu D-Mark-Zeiten, als es noch „Groschen“ (10 Pfennig) und „Fuffziger“ (50 Pfennig) gab. Die Neugier wurde bei jedem Gang zu den weiß leuchtenden Kästen mit den signalroten Rahmen und den verschiedensten Inhalten neu geweckt. Sie hingen an Wirtshäusern, in der Nähe von Schulen, neben Zigarettenautomaten (für den frischen Atem beim Küssen), an Bushaltestellen oder Zäunen gut besuchter Wege. Das hatte allerdings seinen Preis.

Je nachdem, ob es Spielzeug oder bunte Kaugummikugeln sein sollten, mussten Groschen, Fuffziger oder 1-Mark-Münzen in den vorgesehenen Schlitz gesteckt werden. Dann drehte man zwei Mal am Hebel des Automaten und achtete auf das „Klack“. Die Münze fiel in den Automaten. Nun fand man in der Öffnung hinter der Klappe, die man anheben musste, den gewählten Gegenstand. Für Kinder „kleine Schätze“, für die sie ihr letztes Taschengeld opferten.

Funktionierte es jedoch nicht, weil vor dem Münzeinwurf nicht erkennbar war, ob der Automat bereits leer ist oder nicht, oder das Kaugummi nicht in die Öffnung rutschte, war das Geld weg. Außerdem hatten manche Automatenbetreiber in den 1980ern eine Hürde eingebaut: Zwischen den zahlreichen Kaugummikugeln versteckten sich nur etwa zehn Plastikkugeln, in denen sich ein Ring verbarg. Sollte das „Schmuckstück“ seinen Besitzer wechseln, musste mehrere Anläufe unternommen werden. So schluckte die „Maschine“ unermüdlich die Münzen der Kinder.

Vandalismus und falsche Fuffziger

Da dauerte es nicht lange, bis manch einer versuchte, die „Maschine“ zu betrügen. Alles, was einer Münze ähnelte, zum Beispiel Knöpfe, wurde in den Schlitz gedrückt. Besonders beliebt waren „falsche Fuffziger“, also Münzen aus anderen Ländern, die den 50-Pfennig-Stücken in Größe und Dicke entsprachen. Andere dachten, wenn man nur tief genug die Hand in die Ausgabeöffnung stecke, könne man sich was „rausfischen“. Keine Chance. Die Öffnung war selbst für Kinderhände zu schmal und der Schacht zu lang, als dass man an das begehrte Spielzeug herankam.

Dann gab es Vandalen, die mit Feuerzeugen Löcher in die Sichtscheiben schmorten. Als Folge montierten die Automatenbetreiber Schutzgitter. Doch auch an den Gittern findet man bis heute Einbruchsspuren. Und immer wieder gibt es mutmaßliche Diebe, die mit brachialen Mitteln an das Geld der Kaugummiautomaten gelangen wollen, zuletzt am 5. Mai 2020 um 2 Uhr morgens in Ulm geschehen. Der Schaden belief sich auf 500 Euro.

Überdauert der Kaugummiautomat das 21. Jahrhundert?

Die mechanische Konstruktion ist im 21. Jahrhundert zwar seltener als damals zu finden, leistet aber an zahlreichen Stellen immer noch seine Dienste. Achtet man zudem auf die hinterlegten Anschriften auf den „Maschinen“, zum Beispiel an der Bahnhofstraße in Lahde und am Landgasthaus Husterbruch in Neuenknick, finden sich gleich zwei Automatenbetreiber aus Petershagen: Liss Automaten aus Maaslingen (Uwe Liss besaß rund 800 Automaten mit Stand Juli 2019) und die Firma Wessel-Rinne Verkaufsautomaten aus Eldagsen, die laut Google Maps als geschlossen gemeldet wurde. Uwe Liss dürfte somit der Letzte seiner Art sein, der in Petershagen Kaugummiautomaten betreibt und befüllt.

Wielange es diese Glücksmomente für Kinder und Junggebliebene noch geben wird, steht in den Sternen. Aber auf eins darf man hoffen: Von den Liebesbeweisen und kleinen Schätzen aus dem Automaten werden vermutlich noch die Urenkel erzählen.

Text und Foto: Namira McLeod