Bei Heinz-Joachim Lampe überwiegen die schönen Momente an Olympia 1972. Foto: Namira McLeod

„Ich wollte so viele Wettkämpfe wie möglich sehen“ Erinnerungen von Heinz-Joachim Lampe an Olympia 1972

Petershagen (onm). Es wäre ihm lieber gewesen, wenn man die Aufmerksamkeit allein auf seinen erfüllten Kindheitstraum gelenkt hätte. Doch sein besonderer beruflicher Einsatz vor 50 Jahren wurde durch ein grauenvolles Ereignis überschattet. Heinz-Joachim Lampe erinnert sich.
Schon seine Bewerbung schaffte es in die Presse: „Das Olympische Komitee schickt Elektromeister Heinz-Joachim Lampe als technischen Helfer in die Metropole Bayerns.“ Damit habe der damals 25-jährige Petershäger gar nicht gerechnet. „Im März 1971 beschlossen mit mir fünf oder sechs Leute der Meisterschule Oldenburg kurz vor den Prüfungen in fröhlicher Runde, sich auf eine Stellenanzeige zu bewerben. Ich weiß nicht mehr, ob die anderen es getan haben, ich habe mich beworben“, erzählt er in einem Interview. Und erhielt Antwort – vom „Organisationskomitee für die Spiele der XX. Olympiade München 1972“.
Pünktlich zu Beginn der Olympischen Spiele am 26. August könne er seinen Dienst antreten, hieß es. Nach über einem Jahr offiziellem Schriftwechsel (er hatte seinen Meistertitel längst in der Tasche und arbeitete in einem Mindener Elektrobetrieb) sollte es jedoch ganz schnell gehen. Das Komitee bat ihn kurzfristig, schon am 10. August seine Arbeit aufzunehmen, um die technischen Abläufe zu gewährleisten. Nichtsdestotrotz, Lampe sagte zu und war fortan als Beleuchter in der „Spielstraße“ tätig, ein Kulturprogramm in unmittelbarer Nähe der sportlichen Wettkämpfe.
„Sport hat mich immer schon gereizt – inspiriert von meinem Vater, der 1936 bei der Olympiade in Berlin dabei war. Aber finanziell gesehen war die 20. Olympiade für mich unerreichbar. Erst die Zusagen der freien Unterkunft, Verpflegung, Eintritts- und Reisekostenübernahme sowie eine geringe Aufwandspauschale seitens des Komitees machten es möglich. Ich habe mir dafür extra Urlaub genommen.“
Und er hatte Glück. Am Tag der olympischen Eröffnungsfeier beförderte der einst Technische Leiter der Bayerischen Staatsoper ihn vor Ort zum Beleuchtungsmeister und sorgte dafür, dass Lampes Wochenlohn von 200 DM verdoppelt wurde. Doch nur wenige Tage später änderte sich alles.
Wie gewohnt fuhr er zwischen 8 und 9 Uhr am Morgen des 5. September von seiner Unterkunft zum Olympiadorf. Dann warnte ihn ein Hausmeister: „Pass auf, da brauchste nicht hinzufahren, das fällt heute aus, da ist irgendwas passiert.“ Die Aussage hielt Lampe zuerst für einen Witz, entpuppte sich hingegen als bittere Wahrheit: Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ drangen in ein Appartement der israelischen Olympiamannschaft ein.

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„Das ganze Dorf war plötzlich mit schwer bewaffneten Polizisten umstellt, aber keiner wusste in dem Moment, was war. Die Veranstaltung an der Spielstraße war auch schon abgesagt. Ich habe unten am Zaun gestanden, wo diese Attentäter oben auf dem Balkon ‚rumgesprungen‘ sind und habe sie original gesehen, aber mich nicht getraut, sie zu fotografieren. Wir sind dann geblieben, bis man uns weggeschickt hat. Die Olympiade war gelaufen.“
„Nach dem Anschlag und der Geiselnahme mit tödlicher Folge fand die Trauerfeier im Stadion statt, wo ich hätte hingehen können. Aber in der Zeit war schon so viel passiert, dass wir alle Angst bekamen, und das Kulturprogramm wurde eingestellt, wo ich noch beim Abbau helfen sollte. Außerdem endete mein Urlaub. Letztlich hatte ich es so eilig, dass ich einen Flug buchte und nach Hannover flog.“
„Und Familie hat er auch“, ergänzt Marlene Lampe im Interview. „Ich war damals 23 Jahre alt, wir waren verheiratet und hatten ein Kind, und das zweite war unterwegs. Wir hatten ja am Abend des 5. September telefoniert und gefragt, was los war. Da sagte er noch, dass er am Zaun stand. Daraufhin haben wir gedrängelt, dass er wieder nach Hause kommen soll, weil wir Angst um ihn hatten. Auf der Abschlussfeier hätte ja auch was passieren können. Die war zwar besser gesichert als vorher, aber trotzdem.“ Darüber hinaus war die Verständigung schwierig. „Wir hatten kein Telefon, ich war bei meinen Eltern und da musste ich immer zum Onkel. Wir mussten uns ja stets verabreden zum Telefonieren.“
„Auch am Flughafen hatten wir Angst, da war ein Auflauf“, erzählt Heinz-Joachim Lampe weiter. „Im Flugzeug hätten ja auch Attentäter sitzen können.“ Nur gut, dass er am 8. September wieder heil Zuhause eintraf.
Gleichwohl überwiegen bei ihm die schönen Momente. „Es war ein Ziel von mir, so viele sportliche Wettkämpfe und Teilnehmer wie möglich mitzuerleben. Und das habe ich. Ich konnte Ulrike Meyfarth, die 1,92 Meter sprang, live im Stadion sehen, Bundespräsident Heinemann im Vorbeigehen begrüßen und ein Autogramm unseres heimischen Handballers Herbert Lübking ergattern.“ Seine Eintrittskarten, Infomappen und Fotos, die er bis heute hegt und pflegt, sprechen für sich.
Alles in allem schätzt er sich glücklich – sowohl, dass er überlebt hat, als auch wegen des Kindheitstraums, den sich der heutige Senior Chef von Elektro Lampe aus Petershagen erfüllen konnte. Die Gräueltaten bedauert er zutiefst.

Impression von einem der Olympia-Wettkämpfe. Foto: H.-J. Lampe