Im Reich der Wilden Gänse

Hävern (ddm). In der Dezember-Ausgabe 2020 haben wir ein kleines Inselparadies in einem Kiesteich zwischen Ovenstädt und Hävern vorgestellt, dass die Ovenstädter Kiesgruben GmbH im Zuge der Kies- und Sandgewinnung angelegt und in besonderer Weise für den Artenschutz gestaltet hat. In der Südostecke des Kiesteiches ist dazu ein Flachwasserareal geschaffen worden. Und auf den umgebenden Böschungen sorgt eine Gruppe von Hereford Rindern in Freilandhaltung dafür, Gras und Buschwerk kurz zu halten. 

Die gesamte Gestaltung trifft offensichtlich sehr den Geschmack der Wat- und Wasservögel. Ob auf der Halbinsel, im genannten Flachwasserbereich und/oder auf den Uferstreifen, schon den Sommer über waren hier fast immer mindestens einige Hundert Wildgänse, meist Graugänse, anzutreffen. Zum Herbst hin hat sich deren Zahl noch deutlich vergrößert. 

Auch für zahlreiche Kormorane ist die Halbinsel ein beliebter Aufenthaltsort. Meist sitzen die geselligen, leicht am schwarzen Federkleid erkennbaren Vögel in Gruppen an der östlichen Uferlinie der Halbinsel. Manchmal lassen sich Gruppen auch beim Jagen bevorzugt im westlichen Teil des Sees beobachten. Ihr Nachtquartier haben die Kormorane im gegenüberliegenden Naturschutzgebiet „Mittelweser“, wie die seit Januar 2009 durchgeführten Zählungen der Kolonie durch die Mindener Interessengemeinschaft der Fischereivereine zeigen. 

Besonders im Flachwasserbereich nahe dem Häverner Ortseingang trifft man sogar auch auf gefährdete Arten wie die Bekassinen, die auf der Roten Liste stehen (Foto folgende Seite). Ende Oktober gleich 250 Kiebitze auf einen Schlag vor die Kamera zu bekommen, war für den Beobachter ebenfalls ein besonderes Erlebnis. 

Anzeige

 

Wir haben einmal mit Daniel Grüning, Vogelspezialist der Biologischen Station, über die Entwicklung an dem Kiesteich gesprochen.

Warum ist das Areal so beliebt?

„Die Maßnahmen zur Rekultivierung der Kiesgrube, wie die Anlage der Flachwasserzone und die Beweidung durch Rinder, steigerten die Attraktivität für unterschiedliche Wasservogelarten enorm. Insbesondere Watvögel (Limikolen) kommen voll auf ihre Kosten, sie nutzen die Flachwasserzone zur Nahrungssuche. Hier gibt es verschiedene Wassertiefen, von wenigen Zentimetern bis etwa 30 cm Tiefe, sodass für eine große Anzahl an Watvogelarten geeignete Bedingungen vorherrschen. Im Schlamm oder im seichten Wasser stochern sie nach Würmern, Krebstierchen oder Insektenlarven. Bekassinen, Kampfläufer und Kiebitze machen hier auf ihrem Durchzug Rast um sich zu stärken. Die Flachwasserzone wird auch gerne von Gründelenten, wie Krickente, Löffelente oder Schnatterente aufgesucht. Durch die Beweidung der Gewässerufer werden die Flächen frei von Gehölzen gehalten. Die Rinder halten nicht nur das Gras kurz, sondern verbeißen auch die jungen Triebe von Weiden und Erlen. Auf diese Weise bleibt eine weitgehend offene Grünlandfläche im nahen Umfeld der Grube erhalten. Dies ist für die meisten Wasservogelarten ein großer Vorteil, denn sie fühlen sich auf diese Weise gut geschützt, wenn sie auf dem Wasser ruhen oder nach Nahrung suchen. Aufgrund von fehlenden Ufergehölzen besteht eine gute Rundumsicht und Gefahren, wie der Fuchs oder der Mensch, können frühzeitig entdeckt und im Auge behalten werden. Außerdem können vor allem die Gänse, die am Ufer äsen, unbeschwert das Wasser „zu Fuß“ verlassen und zurückkehren. An vorbeifahrende Autos und Fahrradfahrer haben sich die Tiere längst gewöhnt.“

Welche Auswirkungen haben die rastenden Gänse auf die Wasserqualität?

„Die Gänse äsen tagsüber auf den umliegenden Grünland- und Ackerflächen und ruhen mittags und nachts auf den Abgrabungsgewässern. Da sich Gänse ausschließlich pflanzlich ernähren und vergleichsweise schlechte Futterverwerter sind, scheiden sie während der Ruhephasen nährstoffreichen Kot aus. Dies führt zu einem Eintrag insbesondere von Phosphor und Stickstoff in die Gewässer. Hierdurch können sich Algen (Phytoplankton) stärker vermehren. Hiervon profitiert das Zooplankton und davon ernähren sich letztendlich Fische. Nährstoffe gelangen aber auch über andere Wege in die Abgrabungsgewässer, etwa über die Luft, das Grundwasser, den Oberflächenabfluss oder bei Hochwasser über die Weser. Ob und wie sich da der Anteil des Vogelkots auf die Wasserqualität auswirkt hängt jedoch stark von der Gewässergröße, dem Alter des Gewässers, der Anzahl der Gänse und den übrigen Nährstoffeinträgen ab.“

 

Kiebitze zwischen Graugänsen

 

Kormorantreff am östlichen Ufer der Halbinsel

 

Die vom Aussterben bedrohte Bekassine fällt besonders durch ihren überlangen Schnabel auf

 

Silberreiher

 

Ein Kiebitz in Nahaufnahme. Fotos: ddm (3), Rolf Ebeling (2)