Foto: Dietmar Meier

Klimawandel: Ursachen und Wirkungen im Kreis Minden-Lübbecke

Von Dipl.-Meteorologe Friedrich Föst

Kennen Sie das deutsche Volkslied „Der Mai ist gekommen“ von Justus Wilhelm Lyra? Dort heißt es gleich in der ersten Zeile: „Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus.“ Nun wird sicherlich der oder die ein oder andere etwas stutzig: „Moment mal! Die Bäume sind doch meistens schon Ende April grün.“ Diese Beobachtung ist zweifelsohne richtig und der Deutsche Wetterdienst kann dies statistisch belegen: In den letzten Jahrzehnten (genauer gesagt seit 1961) hat sich der Beginn der Blüte von Sträuchern und Bäumen nach vorne verschoben. Insgesamt hat sich die Vegetationszeit um rund zwei Wochen verlängert. Nun ist es klar: Das Lied „Der Mai ist gekommen“ wurde 1842 am Ende der sog. „Kleinen Eiszeit“ geschrieben, und da waren die Winter noch deutlich länger. Dieses Beispiel aus dem deutschen Liedgut zeigt: Es hat sich was getan. Seit Ende der letzten „kleinen Eiszeit“ ist auch bei uns im Kreis Minden-Lübbecke die Temperatur im Mittel deutlich angestiegen.

Das beigefügte Balkendiagramm zeigt die 10-Jahresmitteltemperatur der Wetterstation des Deutschen Wetterdienstes in Rahden-Kleinendorf seit Messbeginn im Jahre 1951. Ab der Dekade 1971-80 setzt ein zunächst nur leichter, ab der Dekade 1991-2000 ein markanter Anstieg der 10-Jahresmitteltemperatur ein. Nimmt man die Dekade 1981-1990 mit einer Durchschnittstemperatur von rund 9,3°C als Referenzwert und vergleicht diesen mit dem Wert des gerade vergangenen Jahrzehnts von knapp 10,6°C, so hat sich die Durchschnittstemperatur allein in den letzten 30 Jahren bei uns im Mühlenkreis um etwa 1,3°C erhöht. Vergleicht man die letzten beiden Dekaden miteinander (2001-2010 mit 2011-2020), so ist allein im letzten Jahrzehnt die Durchschnittstemperatur im Mühlenkreis um rund 0,6 Grad angestiegen; ein Anstieg, den es in dieser Form innerhalb einer Dekade noch nicht gab. Auch die als Referenz oft verwendeten „klimatologischen 30-Jahres-Mittelwerte“ haben sich bei uns deutlich nach oben verändert. Die noch international gültige Referenzperiode 1961-1990 weist an der Wetterstation in Rahden-Kleinendorf einen Wert von 9,04°C auf. Der „neue“ 30-Jahre-Mittelwert 1991-2020 weist dagegen bereits einen Wert von 10,06°C auf oder – anders formuliert – hier steckt 1°C Klimawandel bereits „drin“. Verglichen mit anderen Regionen auf der Welt ist der Kreis Minden-Lübbecke somit überdurchschnittlich stark vom Klimawandel betroffen. Wir sind also keine „Insel der Glückseligen“, die mit Klimawandel nichts zu tun haben. Das Gegenteil ist der Fall.

Bei den Niederschlagsmengen zeichnet sich seit dem Jahr 2003 eine Tendenz hin zu vermehrt trockeneren Jahren ab. Die durchschnittliche Jahresniederschlagsmenge beträgt an der Wetterstation in Rahden-Kleinendorf etwa 700 l/m². Diesen Wert haben wir seit 2003 nur noch 2007 und 2015 überschritten, alle anderen Jahre sind seitdem teils deutlich zu trocken ausgefallen. Möglicherweise hängt dies bereits mit durch den Klimawandel veränderten Wettermustern im nordatlantischen Raum zusammen. In den letzten Jahren hat die Anzahl der für uns regenreichen Westwetterlagen um rund 1/3 abgenommen. Dagegen haben andere Wetterlagen, die vermehrt Trockenheit und Wärme nach Ostwestfalen führen prozentual zugenommen. Mutmaßlich gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und der Lage des sog. „Jetstreams“. Der Jetstream, auf deutsch auch „Strahlstrom“ genannt, ist ein Starkwindband, das sich in den oberen Schichten der Troposphäre, also in unserer „Wetterschicht“ befindet und sich wellenartig um die Nordhalbkugel legt.  Der Jetstream kann als „Trennlinie“ zischen warmer und kalter Luft verstanden werden. Die Lage und Zuggeschwindigkeit der Hoch- und Tiefdruckgebiete sind eng mit dem Jetstream verbunden. Wenn wir in Mitteleuropa vom Jetstream sprechen, meinen wir in der Regel den „Polarfront-Jetstream“. Des weiteren gibt es noch den „Subtropen-Jetstream“, der in etwa auf der geografischen Breite zwischen 20 und 30° nördlicher Breite vorkommt und für unser Wetter nur selten relevant ist.

Unser Wetter im Kreis Minden-Lübbecke ist maßgeblich geprägt von der Westwindzone. Hochs und Tiefs geben sich die Klinke in die Hand, es ist ein Kommen und Gehen wie auf einem runden Geburtstag, wenn sich viele Gäste angekündigt haben. Ihre Aufgabe ist es, warme Luft nach Norden und kalte Luft nach Süden zu transportieren. Je größer die Temperaturunterschiede zwischen Pol und Äquator sind, desto stärker bläst der Jetstream. Nun ahnen Sie es schon: Das Eis der Arktis wird weniger, der zutage tretende Ozean speichert mehr Wärme und der Temperaturunterschied zwischen der arktischen und subtropischen Luft wird geringer. Dadurch hat sich die Geschwindigkeit des Jetstreams verringert und er ist störanfälliger in dem Sinne geworden, dass er statt in gewohnter West-Ost-Richtung stärker mäandriert und häufiger in Nord-Süd-Richtung verläuft.

Zum besseren Verständnis ein Vergleich mit der Autobahn A2: Stellen Sie sich vor, Sie wollen auf der A2 von Bielefeld nach Berlin. Am frühen Sonntagmorgen kommen Sie – je nach Bauart ihres Fahrzeugs und ihres Fahrstils – mehr oder weniger zügig nach Osten voran. Das ist der „Normalfall“ des Jetstreams. Doch ausgerechnet heute ist Urlauber-Reiseverkehr. Alles läuft langsamer, Baustellen erschweren zudem den Verkehrsfluss. Sie umfahren Staus (weichen also nach Norden oder Süden aus) und machen zwischendurch auch mal eine Rast. Sie sind also langsamer unterwegs und halten sich dementsprechend auch länger in einer Region auf als Ihnen eigentlich lieb ist…

Unsere Hoch- und Tiefdruckgebiete orientieren sich eng an der Lage und Geschwindigkeit des Jetstreams. Jetzt wird es klar: In den meisten Fällen „rauschen“ die Hochs und Tiefs durch den starken Jetstream über Mitteleuropa nach Osten hinweg. Durch die Verlangsamung des Jetstreams und seine zunehmende Nord-Süd-Ausrichtung verweilen die Hoch- und Tiefdruckgebiete nun länger in unserem Raum. Eine längere Verweildauer eines Hochdruckgebiets bringt uns oftmals anhaltende Trockenheit, wenn nicht gar Dürre. Anders beim Tief über Mitteleuropa: Bleibt dieses länger, steigt das Risiko für langanhaltende Regenfälle, Starkregen und Hochwasser. Das sind Szenarien, die die Klimamodelle bereits vor rund 40 Jahren prognostiziert haben.

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Nun ist es aber nicht so, dass Trockenheit, Starkregen- und Hochwasserereignisse bei uns völlig neu sind! Solche Wetterlagen gab es schon immer und deren Folgen findet sich in so ziemlich jeder Dorfchronik. Was dort aber als Einzelfälle in 50- bis 100-jährigen Wiederauftrittszeiten dokumentiert ist, erleben wir in der heutigen Zeit deutlich regelmäßiger. Auch auf die Frage „Wie groß ist der Anteil des Klimawandels an einzelnen Extremwetterereignissen?“ hat die Wissenschaft mittlerweile eine Antwort gefunden. Die sog. „Attributionsforschung“ beschäftigt sich damit, die Wahrscheinlichkeit extremer Wetterereignisse im Zuge des Klimawandels zu berechnen. Das Ergebnis: „Jahrhundertsommer“ wie in den Jahren 2018 und 2019 sind im Zuge des Klimawandels 10 mal wahrscheinlicher geworden und im Falle der extremen Starkregenereignisse im Ahrtal ergibt sich eine erhöhte Wahrscheinlichkeit um das 1,2 bis 9-fache! Oder anders ausgedrückt: Der Klimawandel macht einstige Extremwetterereignisse häufiger.

Immer häufiger weicht das Wetter von unseren „Normalwerten“ ab. Hinsichtlich der Temperaturen bewegen wir uns öfter in dem vom Klimamittelwert positiv abweichenden, also „zu warmen“ Bereich. Wichtig ist, die Begriffe „Wetter und „Klima“ auseinander zu halten. Der Begriff „Wetter“ bezeichnet den Zustand der Atmosphäre an einem Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt und ist „fühlbar“. Der kräftige Gewitterschauer und die Hitze im Sommer sind genauso „Wetter“ wie -10 Grad im Winter oder der Nieselregen im Herbst. Dagegen bezeichnet der Begriff „Klima“ den durchschnittlichen Verlauf des Wetters über mindestens 30 Jahre. Klima ist also letztendlich nichts anderes als „gemitteltes“ Wetter an einem Ort. Erst dann kann man auch Aussagen darüber machen, inwiefern aktuelles Wetter vom statistischen Klima abweicht, also ob z.B. die Temperatur gegenüber dem Klimamittelwert (auch „Normalwert“ oder „langjähriges Mittel“ genannt) positiv oder negativ abweicht. Werden dort statistisch signifikante Änderungen beobachtet und diese Änderungen rund um den Globus beobachtet wie das derzeit der Fall ist, dann spricht man vom Klimawandel. Da ist auch unsere Wetterstation in Rahden-Kleinendorf keine Ausnahme: Bis ins Jahr 1989 hielten sich warme und kalte Jahre gegenüber der Referenzperiode 1961-1990 in etwa die Waage. Doch seit den 1990er setzte auch hier ein Trend hin zu den „zu warmen“ Jahren ein: Von 1990 bis 2021 wurden nur noch drei „zu kalte“ Jahre registriert, das Letzte übrigens im Jahre 2010…

Der Klimawandel vollzieht sich dennoch nicht linear: Nicht immer muss das aktuelle Jahr seinen Vorgänger überbieten. Von etwa 2000 bis 2010 blieben die globale Durchschnittstemperatur ziemlich konstant, aber auf sehr hohem Niveau. Natürliche Faktoren wie z.B. El Niño, Vulkanausbrüche und Meeresströmungen können zeitweise der Erwärmung entgegenwirken und den Prozess abbremsen oder sogar regional für eine temporäre Abkühlung sorgen. So wird es auch in Zukunft immer mal wieder kühlere Jahre geben. Auch mehrere „zu kalte“ Jahre oder Schneestürme wie jener im Februar 2021 sind im Mühlenkreis kein Indiz dafür, dass die globale Erwärmung abnimmt und der Prozess reversibel verläuft Denn diese natürlichen Faktoren können nur temporär und auch meist nur regional für eine kurze Verschnaufpause sorgen. Solange im Hintergrund weiter „fleißig“ Treibhausgase emittiert werden und somit immer mehr Energie in das System Erde-Atmosphäre hineingepumpt wird, fällt uns der ganze Kram früher oder später wieder auf die Füße. Aber wir haben es als Menschheit selbst in der Hand, die Dinge nachhaltig zu ändern. Es ist eine globale Herausforderung, die an unseren Toren aber nicht Halt macht.