Foto: Dietmar Meier

Kraftwerk Heyden bleibt längerfristig am Netz – Der Umbau zum Phasenschieber ist vom Tisch

Lahde (ddm). Wer in letzter Zeit wiederholt zum Kraftwerk geblickt hat, der dürfte auffallend häufig eine Wasserdampffahne über dem Kühlturm registriert haben. Etwa seit März haben die Betriebszeiten des Kraftwerks nach unseren Beobachtungen in erheblichem Umfang zugenommen. Konnte man es bis dato noch als Ausnahme ansehen, wenn das Werk in Betrieb war – dann vorzugsweise an Wochenenden oder in den Nachtstunden –, hat sich die Situation in den vergangenen Monaten grundlegend verändert. Um nur einige Beispiele zu nennen: In der 3. März-Woche war das Werk jeweils vom frühen Morgen bis in die Mittagsstunden in Betrieb, also zu der Zeit, in der der größte Strombedarf herrscht. Ende April/Anfang Mai war Heyden sogar zwei Wochen komplett durchgängig am Netz. Und nach unseren Kenntnissen hat die Turbine auch das eine oder andere Mal Leistungen von 700 MW und mehr erbracht, so dass es sicher nicht mehr in jedem Fall um die vorher oft genannte Blindleistung gegangen sein dürfte.

Wie ein Blick auf die Stromproduktion in Deutschland insgesamt zeigte (zum Beispiel unter www.agora-energiewende.de), korrelierten die Betriebszeiten von Heyden dabei meist mit windschwachen Zeiten, die in diesem Zeitraum ziemlich häufig waren. Windkraftanlagen trugen dabei nur minimal (2-6 Gigawatt) zur bundesdeutschen Stromproduktion bei.

Rückblick: Im März hatte der Hochspannungsnetzbetreiber TenneT bei der Bundesnetzagentur zunächst die Laufzeitverlängerung von Heyden als Reservekraftwerk bis 2025 beantragt. Der ursprünglich schon für Herbst 2021 angedachte Umbau zum rotierenden Phasenschieber sollte dementsprechend bis 2025 verschoben werden. 

Ein Bericht der Bundesnetzagentur vom 29. April 2022 über die „Feststellung des Bedarfs an Netzreserve für den Winter 2022/2023 sowie den Betrachtungszeitraum April 2023 bis März 2024“ ließ dann schon erhebliche Sorgenfalten bei der Behörde erkennbar werden. In dem Bericht war zu lesen: „In weiten Teilen des Netzgebietes der Tennet besteht ein Defizit an spannungssenkender, -hebender und regelbarer Kompensation…  Die betrieblichen Maßnahmen im südlichen Niedersachsen sind bereits ausgereizt und erfordern den Einsatz des Kraftwerks Heyden 4.“

Angesichts der für Juni erwarteten Entscheidung der Bundesnetzagentur hat der Petershäger Anzeiger bei TenneT wieder nach dem aktuellen Stand der Dinge gefragt. In seiner umgehenden Antwort vom 20. Juni beschreibt der Netzbetreiber, dass die Maßnahmen angesichts der Auswirkungen des Krieges in der Ukraine sowie Corona-bedingten Verzögerungen neu ausgerichtet wurden:

„TenneT hat nach intensiven Bemühungen und Umplanungen die Möglichkeit gefunden, die in diesem Netzgebiet fehlende Blindleistung durch die Integration von Spulen in Umspannwerken zu kompensieren. Daher ist der Umbau des Kraftwerkes Heyden nicht mehr notwendig.“

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Zum weiteren Betrieb von Heyden folgt die klare Aussage des Netzbetreibers: „Auch vor dem Hintergrund der energiepolitischen Auswirkungen des Krieges in der Ukraine wird das Kraftwerk absehbar bis 2025 zur Absicherung der Netzstabilität benötigt und – je nach weiterer politischer Entscheidung – zumindest teilweise auch mittelfristig zur Absicherung der Energie-Versorgungssicherheit genutzt werden.“

Diese Entscheidung dürfte sicher mit der aktuellen politischen Zielsetzung abgestimmt sein, den Gaseinsatz bei der Stromproduktion und damit den Bezug von Gas aus Russland deutlich zu verringern. Dazu schreibt das Ministerium für Wirtschaft und Klimaschutz in einer Presseerklärung vom 19. Juni: „Um den Gasverbrauch zu senken, soll weniger Gas zur Stromproduktion genutzt werden. Stattdessen werden Kohlekraftwerke stärker zum Einsatz kommen müssen. Das entsprechende Ersatzkraftwerkebereithaltungsgesetz, das dies ermöglicht, ist derzeit im parlamentarischen Verfahren und soll am 8. Juli im Bundesrat behandelt werden und dann zügig in Kraft treten.“

Nach Angaben des Ministeriums hat Gas 2021 zu rund 15 Prozent zur öffentlichen Stromerzeugung beigetragen. Jetzt sollen Kraftwerke, die bereits heute als Reserve dem Stromsystem zur Verfügung stehen, ertüchtigt werden, um kurzfristig an den Markt zurückkehren zu können. In einer kritischen Gasversorgungslage könne das Stromerzeugungsangebot durch die geplanten Maßnahmen um bis zu 10 Gigawatt ausgeweitet werden.

Von der für Ende Dezember 2020 vorgesehenen Stilllegung zur erneuten Säule der Energieversorgung im Juni 2022 – mit dem Kraftwerk Heyden können wir bundespolitische Entwicklungen regelrecht in Sichtweite miterleben. Wann kann man so etwas schon mal aus der Stadt Petershagen berichten?!