Am 27. Februar war Heyden 4 erneut in Betrieb. Foto: Krischi Meier

Kraftwerk Heyden: Infos und offene Fragen

Lahde (ddm). Selten hat der Petershäger Anzeiger so viel Resonanz erhalten wie zur Online-Meldung und dem gedruckten Beitrag über die unerwartete Inbetriebnahme des Kraftwerks Heyden am 8. Januar und die schwerwiegende Störung im europäischen Stromnetz an diesem Tag. Inzwischen hat sich einiges getan, dazu hier ein kleines Update.

Warnschuss

Zur Untersuchung des Zwischenfalls am 8. Januar hat der Verband der europäischen Übertragungsnetzbetreiber eine Untersuchungskommission eingesetzt, die Ende Februar einen Zwischenbericht veröffentlichte. Wie der Leiter der Kommission, Dr. Frank Reyer vom Netzbetreiber Amprion, in einem Interview verdeutlichte, trafen an diesem Tag zwei Dinge zusammen: Ein geringer Stromverbrauch in Südosteuropa bedingt durch Feiertage (orthodoxes Weihnachtsfest) und ein sehr hoher Leistungstransport von Südost- nach Nordwesteuropa infolge der großen Kälte. Beides zusammen habe zu einer Überlastung einer kroatischen Umspannanlage geführt, die dann ausgefallen sei. Da das Netz in Südost-Europa aufgrund der Ausgangslage bereits sehr nahe an der technischen Grenze betrieben worden sei, hätte dieser Ausfall nicht mehr kompensiert werden können — was wiederum zur Überlastung und Abschaltung weiterer Betriebsmittel geführt hätte. Es sei an dem Tag gelungen, das Problem zu isolieren, aber.. Zitat Reyer: „Die Störung am 8. Januar hat uns noch einmal gezeigt, wie komplex und sensibel das europäische Verbundsystem ist. Daher betrachten wir den Vorfall auch als eine Art Warnschuss. Gerade weiträumige Leistungstransporte werden in Zukunft noch zunehmen, sodass wir hier gemeinsam mit der Politik und der Öffentlichkeit Lösungen finden müssen.“

Systemrelevanz

Nachdem Heyden 4 an den Wochenenden 30./31. Januar und 27./28. Februar erneut in Betrieb war, überraschte es schon fast nicht mehr, dass Netzbetreiber Tennet das Kraftwerk Anfang März als „systemrelevant“ einstufte, mit anderen Worten vorerst für unverzichtbar für die sichere Stromversorgung hält. Dabei geht es Tennet laut Pressemitteilung allerdings nicht um Energieerzeugung durch Kohleverbrennung, sondern um eine Übergangsmaßnahme zur Stabilisierung des Stromnetzes, „damit der Strom insgesamt sicher transportiert werden kann“. Heyden 4 müsste dazu zu einem Generator („rotierender Phasenschieber“) umgebaut werden, der dann für die „Blindleistung“ zur Spannungshaltung im Stromnetz sorgt. Angesichts stark schwankender Strommengen, die Windkraft- und Solaranlagen liefern, besteht offensichtlich erheblicher Bedarf an solchen technischen Anlagen, denn der Plan von Netzbetreiber Amprion sieht für zwei weitere, ebenfalls als systemrelevant erklärte Kohlekraftwerke in NRW eine ebensolche Umstellung vor. Die Bundesnetzagentur (BNetzA) muss nun bis zum 1. Juni festlegen, wie weiter verfahren werden soll. In einem Punkt ist sich die Behörde laut einem Bericht der WELT vom 4. März schon im Klaren: „Die Kosten für die Vorhaltung in der Netzreserve sowie für die Umrüstung zum rotierenden Phasenschieber tragen die Netzkunden, da diese Maßnahmen dem sicheren und zuverlässigen Netzbetrieb dienen.“

Eigentlich „business at usual“

Über einen Mangel an Arbeit kann sich Kraftwerksleiter Uwe Knorr auch derzeit nicht beklagen, auch wenn der Kessel im Kraftwerk Heyden 4 nicht jeden Tag dampft. Zum einen gelte es, die Systeme weiterhin so in Bereitschaft zu halten, dass das Kraftwerk bei Anforderung durch den Netzbetreiber innerhalb von zehn Stunden die gewünschte Leistung erbringen könne, betonte der Kraftwerksleiter im Gespräch. Darüber hinaus gebe es neben der Erledigung von Reparaturarbeiten auch übergeordnete Themen, die abzuarbeiten sein, wie etwa die IT-Sicherheit.

Woher kommt der Strom, wenn Atom- und Kohlekraftwerke abgeschaltet sind und Dunkelflaute herrscht?

„Diese Frage kann ich Ihnen nicht beantworten“, verweist Kraftwerksleiter Uwe Knorr auf eine andere Zuständigkeit. „Wenn ich die Energiewende will, kann ich ja nicht nur abschalten, sondern muss mir darüber Gedanken machen, dass ich am Ende des Tages genügend Energie und ein stabiles Netz habe. Dafür gibt es Leute. Die Erwartungshaltung habe ich schon. Der Netzbetreiber muss sagen, wie er das Problem lösen will.“

Gesagt, gefragt. Matthias Fischer, Pressesprecher des Übertragungsnetzbetreibers Tennet, holte im Gespräch ein wenig aus: „Man darf das zukünftig nicht mehr so denken, dass überall einige Kraftwerke im Netz verteilt sind. Wir stellen die Versorgung insgesamt so um, dass der Strom künftig im wesentlichen aus dem Norden kommt.“ Womit der Pressesprecher sicherlich Windkraftanlagen in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und insbesondere der Nordsee meinte. 

Um den Anteil der erneuerbaren Energien im Strommix von derzeit circa 43 Prozent wie gefordert bis 2030 auf 65 Prozent zu steigern, sieht Fischer erheblichen Bedarf beim Ausbau der Stromnetze. Allerdings: „Es ist heute noch nicht absehbar, was wir in zehn Jahren für einen Kraftwerksplan haben“.

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Kommentar von Dietmar Meier

Folgt man den Informationen über den Vorfall im europäischen Stromnetz am 8. Januar, heißt das neue Zauberwort der Energieversorgung in der Bundesrepublik offensichtlich Stromtransport — und zwar Stromtransport quer durch Europa. Kraftwerke in Südosteuropa mussten zum genannten Zeitpunkt, als es bei uns ziemlich kalt, dunkel und relativ windstill war, anscheinend bereits nennenswert zur Energieversorgung in Westeuropa beitragen. Obwohl da alle sechs noch verbliebenen deutschen Atomkraftwerke voll in Betrieb waren. Von denen drei noch 2021 und die übrigen 2022 endgültig abgeschaltet werden. In einer Zeit, in der der Bau weiterer Windkraftanlagen weitgehend zum Erliegen gekommen ist, der angedachte Ausbau der Stromnetze kaum in Fahrt kommt und sich gerade elf Steinkohlekraftwerke bei der Bundesnetzagentur um den Zuschlag zur endgültigen Stilllegung beworben haben. Es würde mich nicht wundern, wenn Finanzberater mittlerweile empfehlen, Aktien von Unternehmen zu kaufen, die Stromaggregate für zu Hause produzieren.