Foto: Dietmar Meier

Neandertaler in Petershagen – Ein altsteinzeitliches Allzweckwerkzeug aus Döhren

Von Daniel Bake

Döhren. Während einer Begehung in Döhren stieß Bernd Wingender, der seit Ende 2019 auch Mitglied der GeFBdML ist und schon an zwei Schulungen zum Thema Feuerstein-Artefakte teilgenommen hat, zufällig auf einen etwa faustgroßen, bearbeiteten Feuerstein. Der Döhrener Ortsheimatpfleger erkannte sofort, dass es sich um ein bearbeitetes Artefakt und nicht etwa um einen gewöhnlichen Feuerstein handelt, den wir als Geofakt bezeichnen. Doch was er da gefunden hatte, war Wingender im ersten Augenblick nicht ganz klar. Wenig verwunderlich, wenn man bedenkt wie rar und alt sein Fund ist.

Eine erste Ansprache des Artefakts erfolgte bereits auf dem Acker: „Sehen Sie her, was Herr Wingender gefunden hat, das schaut schwer nach einem Faustkeil aus“, höre ich mich noch selbst sagen. Dass der Fund menschlich bearbeitet ist und es sich nicht um ein verrolltes Gestein handelt, sieht auch der Laie. Doch um was es sich genau handelt, ist auch nach der zweiten Begutachtung gar nicht so einfach festzustellen. Verglichen mit anderen Funden, handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um einen kleinen Faustkeil aus der mittleren Altsteinzeit.

Der Archäologe und GeFBdML-Unterstützer Thomas van Lohuizen (M.Sc.) kommentiert den Fund so: „Bei dem Oberflächenfund handelt es sich um ein beidseitig bearbeitetes Stück Feuerstein mit einer deutlich ausgeprägten Patinierung der Oberfläche. Das Gesteinsstück durchziehen Sprünge, die auf Frosteinwirkung hindeuten können, an denen sich auch eine Orientierung der Patinierung zeigt. Auch diese Sprünge dürften auf ein hohes Alter hinweisen. Form, Format  und Bearbeitungsspuren deuten auf eine mögliche Datierung in die mittlere Altsteinzeit. Dabei handelt es sich dem Eindruck via Fotografien nach um einen „kleinen Faustkeil“ ein Typus der auch als „Fäustel“ in der älteren Literatur erscheint. Es liegen Spuren einer neuzeitlichen Beschädigung vor, die auf eine neuzeitliche Verlagerung des Stücks zurückgehen wird.

Aus Westfalen liegen zahlreiche gut dokumentierte, allerdings meist  großformatigere Faustkeile und weitere mittelaltsteinzeitliche Werkstücke vor. In dieser Reihe kann sich der Neufund gut einfügen. Eine nähere Untersuchung des Originalfundbelegs wird eine sichere abschließende Bestimmung und nähere Einschätzung ermöglichen.“ Für die erwähnten näheren Untersuchungen befindet sich der Fund aktuell in der Außenstelle Bielefeld der LWL-Archäologie für Westfalen. Eine Einschätzung der Sachbearbeiter dort steht noch aus.

Ob nun Faustkeil, Faustkeil-Rohling oder Kernstein. Die ausgeprägte Patinierung der Oberfläche, die Sprünge aufgrund von Frosteinwirkung, die Form und die Bearbeitungsspuren – alles deutet auf eine Datierung in die mittlere Altsteinzeit hin, die wir fachsprachlich als Mittelpaläolithikum bezeichnen. 

Das Mittelpaläolithikum ist der mittlere Abschnitt der Altsteinzeit in Europa, der vor ca. 300.000–200.000 Jahren beginnt und vor etwa 40.000 Jahren dem Beginn des Jungpaläolithikums (Aurignacien) endet. Der Fund ist, betrachtet man die Region seines Fundorts auch geologisch, also vielleicht 127.000 mindestens aber 115.000 Jahre alt und lässt sich demzufolge in die Reihe der ältesten menschlichen Funde im Landkreis einordnen.

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Mit dem Begriff Mittelpaläolithikum assoziiert der Laie am ehesten die Bezeichnung Neandertaler oder den Begriff Höhlenmensch, die ältesten bisher bekannten Funde der sogenannten klassischen Neandertaler sind ungefähr 130.000 Jahre, der namensgebende Fund aus dem Neandertal sogar nur 42.000 Jahre, alt.

Zum Schutz vor den klimatischen Bedingungen, benutzten die Menschen Höhlen als Unterschlupf. Meistens wurden hierbei Eingangspartien oder Höhlenvorplätze bewohnt, da der eigentliche Innenraum der Höhlen wegen der Feuchtigkeit unbewohnbar war, dort finden sich ergo nur selten Reste von Behausungen. Einer der wichtigsten Fundplätze in Deutschland liegt sogar in Westfalen, es ist die Balver Höhle. Der Fundplatz ist so bedeutend, weil er vor 100.000 bis 40.000 Jahren kontinuierlich von Neandertalern aufgesucht wurde und dementsprechend fundreich ist.

Das Bild einer in Höhlen lebenden Familie Feuerstein oder Familie Geröllheimer ist dennoch zu kurz gedacht. Auch wenn der österreichische Landschaftsmaler Hugo Darnaut  in seinem Gemälde von 1885 genau dieses Bild als „Idealbild aus der Steinzeit“ verklärt.  Sicher ist dagegen, dass die Menschen seinerzeit in Hütten aus Ästen oder Mammutknochen, überzogen mit Fellen oder Moosen lebten. Erhalten ist von diesen Zelten/Hütten aufgrund der Witterungseinflüsse und der Vergänglichkeit organischer Baumaterialien nur wenig, bestenfalls Kreise aus Steinen, die wohl als Stütze für die aufgestellten Äste dienten. Ganz im Gegensatz zu Funden aus Höhlen, in denen die Funde oder Befunde witterungsgeschützt ruhen. Diese Tatsache nährte die Fehlvorstellung von den „Höhlenmenschen“ lange Zeit, bis neuere Forschungen dies widerlegten.

Zurück zu dem Fund: Faustkeile waren aufgrund ihrer vielfältigen Einsatzmöglichkeiten ein sehr beliebtes Werkzeug, so könnte man mit ihnen schneiden, hacken, hämmern, schaben, kratzen, bohren und so weiter… Halt ein echtes Allzweckwerkzeug. Sozusagen das Schweizer Taschenmesser des Steinzeitalters. Dementsprechend wird der Verlust für unseren Neandertaler sehr ärgerlich gewesen sein.

Ob das beidseitig bearbeitete Steingerät einem Neandertaler als Universalwerkzeug gedient hat und vor mehr als 115.000 Jahren verloren ging oder aufgrund einer Beschädigung verworfen wurde, wird wohl nie geklärt werden können. Dennoch handelt es sich um ein interessantes Belegstück unserer regionalen Urgeschichte.

Weitere Infos zu diesem Thema gibt es unter www.gefbdml.de.

 

Der Faustkeil aus Döhren. Foto: T. Weise/GeFBdML e.V.