Nicht zu übersehen: Der Wasserturm Heisterholz – Ein Petershäger Industriedenkmal mit über hundertjähriger Geschichte

Petershagen. Wenn der Wasserturm in Heisterholz reden könnte, würde er viel von seiner Entstehungsgeschichte erzählen. Stellvertretend übernehmen Reinhard Henkel und Helmut Klaas das Wort und erläutern Details zu dem über hundert Jahre alten Baudenkmal.

Mit einer Höhe von 24 Metern ist er nicht zu übersehen: Der „Wasserturm Heisterholz“ – ein Relikt der Ton- beziehungsweise Ziegelindustrie, die seit über 140 Jahren die Historie im Petershäger Ortsteil Heisterholz prägt. 1912 von der Heisterholz Schütte AG errichtet, sollte der Wasserturm alleinig der Produktion der Klinker- und Dachziegelwerke dienen. Gleichwohl wollten die umliegenden Höfe und Wohngebäude versorgt werden. So kam es, dass der Wasserturm bis Ende der 1970er Jahre das Lebenselixier kostenlos in Privathaushalte beförderte und bis 1983 noch in Betrieb war. Eine Besichtigung mit Reinhard Henkel enthüllt, was bisher verborgen blieb.

Henkel öffnet die Tür und ein beeindruckendes Gebäude tut sich auf, das Stein für Stein als Ziegelmauerwerk errichtet wurde und dem gebürtigen Heisterholzer sehr am Herzen liegt. „Als Jugendlicher hatte ich die Idee, eine Disco reinzubauen. Daraus wurde leider nichts. Aber ich habe diesen Sommer die Eingangstür gestrichen und kümmere mich darum, dass die Fenster künftig erneuert werden. Schließlich war mein Großvater Ernst Busse Brenner in der alten Ziegelei. Und die hölzerne Eingangstür wurde in den 1980er Jahren von einem Tischler getreu dem Original nachgebaut und mit den originalen Scharnieren verbaut.“

Reinhard Henkel öffnet den Deckel vom Wassertank.

Die massive Lamellentür mit den schmiedeeisernen Scharnieren macht einiges her, scheint aber weniger achtenswert als das, was einem im Turm erwartet. Ein schwarzer Haufen im Erdgeschoss wirft erste Fragen auf. „Damit das Fallrohr nicht einfriert, von dem Wasser für die Ziegelei und hauptsächlich den anliegenden Hof Heisterholz abgezapft wurde, heizte man im Winter den Turm mit Koks an – auf offener Feuerstelle“, klärt Henkel auf. „Wenn draußen etwas brannte, wurden die hier liegenden Feuerwehrschläuche angeschlossen.“ Sodann folgt eine Turmbesteigung.

Drei Etagen über lange Holzleitern und die vierte Etage über steile Eisensprossen erklommen bietet ein kleines Fenster ganz oben in der Haube einen hervorragenden Blick auf die noch erhaltenen historischen Firmengebäude und großen Schornsteine der Dachziegelwerke Heisterholz. Auch neue Lagerhallen sind zu sehen. „1873, als das Werk von der Familie Heuer/Ernst Rauch gegründet wurde, standen mehr Schornsteine auf dem Betriebsgelände, das ist der Rest“, schildert Henkel. „Genauer waren es 10 Schornsteine“, ergänzt Helmut Klaas, „ausgelegt für mehrere kleinere kohlebefeuerte Ringöfen für Klinker/Keramikplatten und Dachziegel, folgend von moderneren Tunnelöfen mit wesentlich größerer Kapazität – zuerst mit Öl und später mit Gas befeuert. Jetzt existieren noch zwei Dachziegelwerke, somit noch zwei aktive Schornsteine und ein alter stillgelegter.“ 2001 übernahm die Braas GmbH die Produktion, nachdem sie 1981 bereits eine Minderbeteiligung innehatte. Heute ist es die BMI Braas Gruppe, die den Standort Heisterholz als Verkaufsstätte und Lager nutzt.

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Eine Aussichtsplattform ist die Haube aber nicht, sondern in ihr versteckt sich der wichtigste Teil eines Wasserturms: Der Wassertank – ein genieteter Stahlbehälter mit einem Fassungsvermögen von rund 50 Kubikmetern, inklusive Überlaufschutz (das Überlaufrohr lugt durch die Fassade des Turms). Henkel öffnet die verrostete Klappe. Zu sehen ist nichts, der Tank ist leer. Das Gegengewicht, das am Wasserturm herunterragt, mit Seilzug im Innern der Haube, hat ebenfalls ausgedient. In den 1950/60er Jahren war das anders. Pro Tag wurde der Tank vier bis fünf Mal befüllt, heißt es in einem Infoblatt von Klaas. Als langjähriger Heisterholz-Vertriebsmitarbeiter (1965-2005) stellt er aus gesammelten Archiv-Unterlagen weitere Hinweise zur Verfügung, beispielsweise aus dem Jahrblatt „Ziegelindustrie“ von 1913.

Das kühle Nass wurde zunächst von einem über 22 Meter tiefen Brunnen (zum Beispiel in der Waldstraße) bezogen und mit 2,5 bar Wasserdruck bis zum Tank hochgepumpt. Später folgte die Wassergewinnung via wesernahes Pumpenhaus, das bis in die 1950er Jahre zur Bedarfsdeckung der Dachziegelwerke diente. Letzen Endes versiegten in den 1970/80er Jahren die Hausbrunnen der Privatgrundstücke unter anderem aufgrund von Tonabgrabungen. Da konnte der Wasserturm nicht mithalten. Heisterholz wurde fortan über Brunnenanschlüsse in Frille versorgt sowie über das seit Anfang der 1980er Jahre angeschlossene Wasserversorgungsnetz der Stadt Petershagen. Die Ära der kostenlosen Wasserversorgung in Heisterholz ging damit zuende.

Ein Haufen original Koks, der in der offenen Brennstelle im Wasserturm gezündet wurde, damit im Winter die Rohre nicht einfrieren.

Übrig bleibt ein Industriedenkmal in der Fritz-Schütte-Straße (der Wasserturm wurde am 22. März 1993 in die Liste der Baudenkmäler des Kreises Minden-Lübbecke aufgenommen), das ausgedient, aber nicht an Charme verloren hat. Allein die Haube von außen gesehen ist etwas Besonderes. Die „Laternendach“-Konstruktion, auf auskragenden Stahlprofilen aufgesetzt, mit vollständiger Holzverkleidung, hat 12 Ecken, auf denen jeweils steinerne Löwen- und Wolfsköpfe sitzen. Sie ist breiter als der Wasserturm und besitzt eine geschlossene Luke auf der Spitze. Schmuckfirste und Walmanfänger bilden die Abschlüsse der vertikalen Haubenbekleidung – ausstaffiert mit glasierten Heisterholzer Dachziegeln.

Aktuell gehört das umzäunte Grundstück mit dem nicht öffentlich zugänglichen Wasserturm zum Firmengelände der Braas GmbH. Von dort aus wird er in zeitlichen Abständen überprüft und wenn es geht nachgebessert, solange es die Gesamtsubstanz vertretbar erscheinen lässt, so Klaas. Doch dann das: Auf einer Fensterbank wurde das Datum ihres Einbaus verewigt: „29.9.81“. Das war vor 39 Jahren. Droht dem Kulturdenkmal der Verfall? Das würde Reinhard Henkel bedauern, ginge doch ein wertvolles Stück der Heisterholzer Geschichte verloren.

Text: Namira McLeod, Fotos: Namira McLeod (3) und Dietmar Meier (1)