Ösper-Renaturierung: „Wir bauen ja keinen Zoo!“

Petershagen (ddm). Im Herbst 2014 wurden der Ösper-Abschnitt zwischen der Bremer Straße und der B61-Brücke und der Eingangsbereich des Ösperhafens komplett umgestaltet. Das Ösperbett wurde deutlich verbreitert und die Flussrinne selbst in Mäanderform verlegt. Die Kosten lagen damals bei knapp 400.000 Euro. Schon im folgenden Jahr hat die Ösper selbst kräftig Baumaschine gespielt. Der Petershäger Anzeiger hat den Geschäftsführer des zuständigen Wasserwirtschaftsverbandes Weserniederung, Joachim Weike, einmal um seine persönliche Zwischenbilanz gebeten. Aus Platzgründen müssen wir an dieser Stelle leider auf eine nähere Beschreibung der Abbildungen und eine Darstellung der geologischen Zusammenhänge verzichten. 

 

Stichwort: Erosion / Mäander / Sedimentation

Weike: „Die freien Böschungen längs des Alten Kirchweges haben wir im Blick. Es ist jetzt nicht so, dass der Alte Kirchweg bei einem 10jährigen Hochwasser akut gefährdet wäre. Aber es ist klar, dass wir da ein Auge drauf haben müssen. Wenn es dort tatsächlich zu massiven Problemen kommen würde, angenommen bei einem 20jährigen Hochwasser brechen mal 2 Meter weg, wird man da technisch sichern müssen, das kann ja durchaus sein.

Wir haben versucht, einen möglichst vielfältigen Verlauf herzustellen. Es fällt natürlich auf, dass sich die Vegetation im Bereich zwischen B61 und Deichmühle stark entwickelt. Da ist soviel Mäander nicht mehr. Interessanter ist es im Bereich zwischen L770 und Bremer Straße. Es ist aber auch nicht so, dass sich da etwas massiv umlagert und sich neue Mäander entwickeln.“

Die Ösper führt auch vom Hinterland viel Sand mit sich. Da, wo sie nicht genug Kraft hat oder genug Wasser mit sich führt, wird der mitgeführte Sand natürlich sedimentieren. Kann sein, dass der beim nächsten Hochwasser wieder umgelagert wird. Am Ende des Tages landet der an der Stelle, wo wenig Fließbewegung ist.“

 

 

Stichwort: Hochwasser

Weike: „Bei den bisherigen Hochwasserereignissen nach dem Ausbau hatten wir keine Probleme. Das Wasser kann sich ausbreiten und kehrt auch wieder ins Gewässerbett zurück. Das funktioniert so wie gedacht.“ 

 

 

Stichwort: Totholz

Weike: „Totholz im Gewässer ist gut, wenn es hydraulisch keine Nachteile gibt. Wenn jetzt mal etwas reinfällt, dann muss es nicht unbedingt rausgenommen werden, weil der Abflussquerschnitt jetzt ja groß genug ist. Wenn das Wasser vor einen Baumstamm läuft, hat es soviel Platz, dass es sich links und rechts wegbewegen kann. Wenn das direkt an einer Brücke ist, dann muss man das natürlich anders sehen.“

         

 

Stichwort: Niedrigwasser

Weike: „Mehr Wasser als kommt, können wir nicht beschaffen. Bei nur 30 Litern pro Sekunde im Niedrigwasser ist das durchaus ein Problem. Bei der Planung war es schon schwierig, die Größe der Schlitze in der Sohlgleite zu bemessen, damit auch bei Niedrigwasser mehr als nur ein Wasserfilm vorhanden ist. Unterhalb der Deichmühle gibt es eine Ecke, da steht toniges Material an. Dort befindet sich bei niedrigen Abflüssen wirklich nur ein Wasserfilm im Flussbett. Ich glaube, wir haben Fischen und Kleinstlebewesen viele Möglichkeiten gegeben, das Gewässer jetzt mehr zu nutzen, aber natürlich können wir für einen Abfluss im Sommer, der unter Q30 liegt, nicht alle Vorsorge treffen. Wir bauen ja keinen Zoo!“

Prinzipskizze zur Erläuterung des Niedrigwasserproblem: Verbreitert man ein Flussbett (1), sinkt der Wasserspiegel weil sich das Wasser auf eine größere Fläche verteilt (2). Eine naheliegende Idee wäre, für Fische eine zusätzliche Rinne in der Sohle auszubaggern (3). Das funktioniert allerdings nicht, wenn der Fluss soviel Sand und Ton bewegt, dass die Rinne in kurzer Zeit wieder aufgefüllt wird. Ob im Tonsteinareal unterhalb der Deichmühle, wo die Ösper einen vom Bagger geschaffenen Bogen gleich wieder abgeschnitten hat, im Umfeld des eingebrachten Totholzes, das hier als Sedimentfalle wirkt (Foto auf der linken Seite), oder im Ösperhafen, wo es für Fische bei niedrigem Wasserstand der Weser schwer ist, von der Weser überhaupt bis zur Sohlgleite zu gelangen (Bild unten) – die Flachwasserprobleme in der umgestalteten Ösper hängen in allen Fällen mit der schon vorher bekannten Ab- und Umlagerung von Sand und Ton bei Hochwasser ab.

 

Stichwort: Ösperhafen

Weike: „Man muss sich von dem Gedanken der freien Wasserfläche im Ösperhafen verabschieden. Es war völlig klar, dass das am Ende des Tages dabei herauskommt. Ich habe früher gedacht, dass die Verlandung im wesentlichen von der Weser kommt. Ich glaube das nicht mehr. Die Verhältnisse bei niedrigen Abflüssen habe ich mir nicht so intensiv angeguckt. Mit dem Lockstrom für Fische im Hafen ist das natürlich so eine Sache. Die Anlage soll eigentlich an 330 Tagen im Jahr die Durchgängigkeit gewährleisten. Inwieweit das realistisch ist, ist natürlich eine andere Frage. Die Frage, die man sich stellen muss, ist, ob man jetzt ständig aktiv eingreifen will. Was bringt es mir, wenn ich im Hafenbecken mit dem Bagger Sand rausnehme und die Fische würden spätestens nach der Ausbaustrecke vor dem gleichen Problem stehen. Wir machen einfach nur die Türen auf, wir können nicht immer auch den ganzen Ballsaal freihalten.“

 

Stichwort: Pflege

Weike: „Der Unterhaltungsaufwand ist bislang überschaubar. Im Bereich zwischen L770 und Bremer Straße mähen wir längs des Räumweges mit einer Schlegelbreite auch an der Ösperkante entlang. Hier sind wir dabei, den unkontrollierten Aufwuchs von Erlen zu verhindern. Das ist Handarbeit und durchaus aufwendig. Wir mähen auch im Bereich der Sohlgleite, aber reduziert. Dort lassen wir die Krautsäume für die Insekten stehen.

 


 

Kommentar von Dr. Dietmar Meier

Seit das Ösperteilstück zwischen B61 und Bremer Straße und der Ösperhafen Ende 2014 umgestaltet wurden, hat sich in der Landschaft einiges getan. Verglichen mit der Anfangseuphorie aber ist es ruhig geworden um das angedachte Vorzeigeprojekt. Nach der offiziellen Einweihung dauerte es grade mal drei Monate, bis die Natur in Form des ersten kleinen Hochwassers planerische Schwachstellen aufzeigte. Manches davon hat die Ösper selbst begradigt, ganz wörtlich gesehen – oder einfach mit Sand zugeschüttet. Damit brachte sie neue Aspekte ins Spiel. Böschungserosion, Flachwasserproblematik oder Lockstrom für Fische im Ösperhafen sind einige Stichworte. In einer aktuellen Broschüre der Bezirksregierung zum Thema Renaturierung von Bächen findet sich zwar ein Foto von der Ösper, aber mehr nicht. Die Punkte machen bei dem Thema andere.

Vor diesem Hintergrund verdient es ein Kompliment, wie offen Joachim Weike im Interview Rede und Antwort stand. Immer sachorientiert, mit spürbarem Engagement und bei keinem Thema ausweichend, fand der Geschäftsführer des Wasserwirtschaftsverbandes Weserniederung bei allen angesprochenen Punkten klare Worte. Auch da, wo es mit der Ösper nicht so läuft wie auf gern gezeichneten Wunschbildern. Und das manchmal in einer Deutlichkeit, die vermutlich nicht überall auf Gegenliebe stoßen dürfte.

Angesichts der Kosten der Maßnahme und eventueller Folgekosten für eine Böschungssicherung bleibt die Frage: War die Entwicklung eigentlich ein unvorhersehbares Spiel der Natur? Für Geologen nicht. Auch wenn die Verhältnisse im umgestalteten Ösperabschnitt etwas komplexer sind als in anderen Ecken des Stadtgebietes, hätte man erwarten dürfen, dass die örtliche Geologie durch beteiligte Fachplaner angemessener berücksichtigt worden wäre. Gehle ist Gehle und Ösper bleibt Ösper.

 

Text: Dietmar Meier, Fotos: Dietmar Meier (4), Krischi Meier (3)