Rohstoffe aus 2 Eiszeiten – Sand und Kies aus Petershagen

Petershagen. Dass Sand aus kleinen Körnchen besteht, mit denen man hervorragend bauen kann, erfahren Kinder schon früh in der Sandkiste auf dem Spielplatz. Gleichzeitig lernen sie auch, dass man etwas Wasser als „Klebemittel“ braucht und dass das Gemisch die richtige Konsistenz haben muss. 

Aus der Sandkastenspielerei wurde im Römischen Reich bereits professionelle Baukunst. Mit ihrem „opus caementicium“, einer Mischung aus Sand, Wasser, gebranntem Kalk, Ziegelmehl und Vulkanasche, die sich wie moderner Beton verarbeiten ließ, errichteten die Alten Römer schon vor mehr als 2000 Jahren Bauwerke, die wir trotz Erdbeben und Umwelteinflüssen teilweise noch heute bewundern können. 

Sand und Kies sind heute die meistgenutzten Baustoffe der Welt. Sehr viel davon steckt im Beton. Ob für Gebäude zum Wohnen und Arbeiten, ob für öffentliche Einrichtungen (Schulen, Krankenhäuser, Brücken, Tunnel, Sportstätten, Kanalsysteme etc.), ob für Kraftwerke oder Verkehrswege, kein anderer Baustoff hat in der Neuzeit für so viel Lebensqualität gesorgt wie Beton. Aber auch in anderen Sparten des Bauwesens wird Sand in enormen Mengen benötigt, sei es für Kalksandsteine oder Mörtel oder einfach nur als Füllsand. Darüberhinaus gibt es unzählige weitere Verwendungen für die kleinen Körnchen, ob als Rohstoff zur Glasherstellung, als Füllmaterial in der Elektrotechnik, Bauchemie und der Farben-/Lack-Industrie, als Grundstoff für feuerfeste Massen, als Filtersand in der Wasserwirtschaft, als Lokomotivstreusand, für Heimtier- und Zoobedarf ebenso wie für die Produktion von Hightech-Produkten wie Solarzellen und Computerchips.

Ein vertrautes Bild längs der Weser: Schwimmbagger fördern Kies und Sand aus der Niederterrasse.

Wie groß ist eigentlich ein Sandkorn?

Formal wird Sand als Gesteinsmaterial mit einer Korngröße zwischen 0,063 und 2 mm Durchmesser definiert. Der relative Größenunterschied zwischen dem größten und dem kleinsten Sandkorn ist beträchtlich: in einem 2 mm großen Sandkorn haben ca 20.000 Sandkörner der Größe 0,063 mm Platz!

Als Kies bezeichnet man Gesteinspartikel zwischen 2 und 63 mm Korndurchmesser. Noch größere Partikel werden allgemein Steine genannt. Liegt der Durchmesser zwischen 0,063 mm und 0,0002 mm, sprechen Geowissenschaftler von Schluff beziehungsweise Silt, bei Korndurchmessern unter 0,0002 mm von Ton. 

Natürliche Sand-Kies-Vorkommen können aus Gemengen ganz unterschiedlich großer Körner bestehen, abhängig von dem geologischen Prozess, der zur Entstehung einer Lagerstätte geführt hat. So kann reißendes Hochwasser eines großen Flusses auch große Steine im Flussbett über beachtliche Strecken rollend transportieren, während selbst starke Winde nur sehr feinkörnige Partikel verfrachten können. Für die technische Verwendung verwandeln Aufbereitungsanlagen solche Korngemenge in DIN-genormte Fraktionen.

Rohstoff aus der Eiszeit 

Dass es in der Stadt Petershagen beträchtliche Kies- und Sandvorkommen gibt, ist eine Folge der klimatischen Verhältnisse im letzten Abschnitt unserer geologischen Vergangenheit, der landläufig als Eiszeit bezeichnet wird. In diesem Zeitraum, geologisch gesprochen das Quartär, wechselten extreme Kälteperioden (die Kaltzeiten) mehrfach mit Warmzeiten, in denen die Durchschnittstemperaturen noch über den heutigen Temperaturen lagen. In den Kaltzeiten entstanden durch die intensive Frostverwitterung große Mengen als Gesteinsschutt, der uns heute als Rohstoff dient.



     

Kies aus dem Wesertal

Im Verlauf der letzten Kaltzeit (Weichsel-Kaltzeit) hat die Weser im Stadtgebiet eine mächtige Flussterrasse aufgeschüttet, Niederterrasse genannt, die sich als 4-5 km breites Band in Nord–Südrichtung durch das Stadtgebiet zieht. Kies und Sand füllen eine breite Rinne, die die eiszeitliche Weser in den Untergrund eingeschnitten hatte. Von besonderem Interesse ist hier der für den Betonbau wichtige Kiesanteil (Foto links), der im Stadtgebiet bei etwa 45 Prozent liegt. 

Kiesgewinnung im Wesertal wird in der Stadt Petershagen seit etwa 60 Jahren betrieben. Hauptverwendungszweck ist Beton, in dem Kies und Sand das Grundgerüst bilden. Von hier mit Betonrohstoffen versorgt werden die Räume Osnabrück, Oldenburg, Bremen, das Sauerland und das östliche Niedersachsen – Bereiche, in denen Kies geologisch nicht oder nicht in ausreichendem Maß vorkommt. Die Gesamtfläche der ehemaligen und bis heute genehmigten Abgrabungen im Petershäger Wesertal entspricht knapp 3 Prozent der Fläche des Stadtgebietes. Der Anteil der Petershäger Werke an der Gesamtproduktion in NRW liegt bei etwa 2 Prozent. 


Das Kalksandsteinwerk Seelenfeld produziert Kalksandsteine aus den anstehenden Schmelz-
wassersanden.

Schmelzwassersand aus der Geest

Szenenwechsel: Wir verlassen das Wesertal in östlicher Richtung und begeben uns in die Geestlandschaft im Raum Seelenfeld-Neuenknick-Loccum. Auch hier treffen wir auf Sandlagerstätten, allerdings in anderer Form als längs der Weser. Im Unterschied zu den Weserablagerungen gehören die Sandvorkommen im nordöstlichen Stadtgebiet altersmäßig bereits in die vorletzte, die sogenannte Saale-Kaltzeit, in der sich Gletscher von Skandinavien aus über die Nordsee bis an das Weser-Wiehen-Gebirge und örtlich noch darüber hinaus vorgeschoben hatten. Die Eismassen verfrachteten Unmengen von Gesteinschutt aus den skandinavischen Gebirgsregionen nach Norddeutschland. Dazu wurde auch Material aus dem überfahrenen Untergrund aufgeschürft und mitgeführt, vom kleinsten Tonpartikel bis zu tonnenschweren Findlingen. Sobald die Eisbewegung für eine gewisse Zeit zum Stillstand kam, bildeten sich vor dem Eisrand Wälle unsortierter Gesteinsbrocken aus, die Endmoränen. Aus diesem Haufwerk spülte Schmelzwasser die feinen Gesteinspartikel, Sand und Schluff aus. Dieses Material wurde nicht allzu weit vom Eisrand in Form von Schwemmfächern wieder abgesetzt, Geologen sprechen dabei von Vorschüttsanden.

Genau solche Verhältnisse haben zur Entstehung der Sandvorkommen geführt, die heute in drei Gruben in Seelenfeld, am Büchenberg in Neuenknick und nahe Loccum von heimischen Unternehmen abgebaut werden. Anders als an der Weser finden sich darin kaum Kiesgerölle. Auch sind die Sandkörner im Mittel etwas kleiner als die im Wesertal. Da sie weitestgehend aus dem Mineral Quarz bestehen und nur einer minimalen Aufbereitung bedürfen, sind diese heimischen Sande hervorragende Rohstoffe für industrielle Zwecke.

In Seelenfeld werden im dortigen Kalksandsteinwerk mit solchen Schmelzwassersanden KS-Kleinformate, Block- und Plansteine sowie als Besonderheit KS-ISO-Kimmsteine® produziert, denen eine besondere Bedeutung bei der Umsetzung der Energieeinsparverordnung zukommt. 1965 gegründet und in den Jahren 1995 und 2007 umfangreich modernisiert, produziert das Werk auf höchstem technischem Niveau KS-Steine aus nur drei Komponenten (Sand, Kalk und Wasser).

Schmelzwässer haben auch den Büchenberg in Neuenknick aufgeschüttet, wahrscheinlich in einer großen Spalte im zerfallenden Inlandeis. Der ebenfalls aus hochwertigen Quarzsanden bestehende Höhenzug war auch namensgebend für das dort ansässige Familienunternehmen, das hier in den den 1960er Jahren mit der Sandgewinnung begonnen hatte. Mittlerweile kann das Traditionsunternehmen Meyer–Büchenberg, das an den Standorten Büchenberg, Nienstädt, Loccum, Neuenknick, Ilse und Lahde Sand, Beton und Recyclingbaustoffe produziert, auf mehr als 50 Jahre Erfahrung aus drei Generationen verweisen.

Die Zauneidechse belegt die hohe Qualität der renaturierten Flächen am Büchenberg.

Renaturierung

Rohstoffgewinnung bedeutet stets einen Eingriff in das Landschaftsbild. Was aber alle Unternehmen in beiden Bereichen verbindet, ist das Bestreben, der Natur schon im Verlauf der Abgrabungsphase möglichst viel Raum zu geben. Im Wesertal sind rund um ehemalige Kiesabgrabungen Naturschutzgebiete mit einer Fläche von 366,7 Hektar ausgewiesen, die entscheidend dazu beigetragen haben, dass die Petershäger Weseraue als EU–Vogelschutzgebiet ausgewiesen wurde. Und dass sich Tier- und Pflanzenwelt auch in den Abgrabungen in Neuenknick und Seelenfeld wohlfühlen, dafür stehen nicht nur die Uferschwalben, die regelmäßig in den Abbauwänden nisten, sondern auch die abgebildete Zauneidechse, die man mit Artgenossen am Büchenberg antrifft.

Text und Foto: Dietmar Meier