Spuren aus der Eiszeit – 300 Millionen Jahre Petershagen (3)

Petershagen. Als sich das Klima auf der Nordhalbkugel der Erde vor etwa 2,6 Millionen Jahren deutlich abkühlte, war das der Beginn der jüngsten Epoche der Erdgeschichte, des Eiszeitalters, in der das heutige Bild unserer Landschaft geformt wurde. In diesem Zeitraum, den Geowissenschaftler die Quartär-Zeit nennen, wechselten extreme Kälteperioden (die Kaltzeiten) mehrfach mit Warmzeiten, in denen die Durchschnittstemperaturen noch über den heutigen Temperaturen lagen. 

Mindestens dreimal in dieser Zeit jedoch bedeckten gewaltige Gletscher, die sich von Skandinavien über die Ostsee nach Süden und von den Alpen nach Norden vorgeschoben hatten, große Teile der Bundesrepublik. In zwei der Kaltzeiten, der Elster-Kaltzeit und der darauf folgenden Saale-Kaltzeit, türmten sich auch in unserem Stadtgebiet mächtige Eisschilde, deren Höhe hier auf 200 Meter geschätzt wird. In der letzten, der sogenannten Weichsel-Kaltzeit, stieß die Gletscherfront nur noch bis auf die Höhe von Hamburg vor. In der eisfreien Tundra südlich davon herrschte ein „sibirisches“ Klima, in dem der Boden bis in große Tiefen dauerhaft durchgefroren war.

Aus der ersten Vereisungsphase, der Elster-Kaltzeit, sind im Stadtgebiet kaum sicher datierbare Ablagerungen erhalten. Diese dürften der Erosion während der folgenden Kaltzeiten zum Opfer gefallen sein. In der Geest-Landschaft westlich und östlich des Wesertales finden sich dafür vielfältige, bis heute erkennbare Spuren, die die Überfahrung durch das Inlandeis während der Saale-Kaltzeit belegen. Einige Facetten davon wollen wir im Folgenden kurz vorstellen. Die Spurensuche führt uns dabei zunächst nach Neuenknick. 

Die Oberkante des Unterkreidetonsteins (die sogenannte Quartärbasis) im Ösper-Abschnitt nahe dem Hundesteg. Der darüber liegende Geschiebelehm ist eine Hinterlassenschaft der Gletschermassen, die das Stadtgebiet während der Saale-Eiszeit überfahren haben. Zwischen beiden Schichten klafft eine gewaltige zeitliche Lücke.

Noch Mitte des 19. Jahrhunderts standen die Menschen vor dem Rätsel, wie tonnenschwere Felsbrocken, die erratische Blöcke oder einfach Findlinge genannt wurden, in eine Umgebung gelangt sein könnten, in der solche Gesteinstypen gar nicht vorkommen. So wurden in Norddeutschland vielerorts Granite und Gneise aufgefunden, die ihre Heimat eindeutig in Skandinavien haben. Klar war, dass weder Wasser noch Wind als Transportmedium in Betracht kam. Manche Naturforscher interpretierten Findlinge deswegen sogar als Gesteinsbomben, die von Vulkanen „ausgespuckt“ worden seien. Im Volksmund setzte man bei Erklärungsversuchen vielfach auf Riesen oder auch den Teufel als „Transporteur“. Erst um 1870 begann sich in der damaligen Wissenschaftsszene die Erkenntnis durchzusetzen, dass hinter dem Phänomen ein globaler Klimawandel steckte und dass Eis von Gebirgsgletschern die Geschiebe über die Ostsee hinweg bis in unseren Mittelgebirgsraum verfrachtet hat. Mit dem Findlingswald in Neuenknick verfügt die Stadt Petershagen über ein besonderes naturkundliches Juwel, in dem mehr als 2000 Findlinge, die in der näheren und weiteren Umgebung aufgefunden wurden, über die Jahre zusammen getragen worden sind.

 



   

 

Während sich die Gletscher aus den skandinavischen Gebirgsregionen langsam Richtung Süden vorschoben, hobelten sie die Seiten der Bergtäler und den Talboden ab. Auch Bergstürze sorgten für weitere Schuttfracht. Zudem wurde auf dem weiteren Weg Material aus dem überfahrenen Untergrund fein zerrieben oder in Form kleinerer oder größerer Schollen mit ins Eis aufgenommen und über enorme Distanzen verfrachtet. Beim Abschmelzen der Inlandeisdecke fiel ein unsortiertes Gemenge von Gesteinspartikeln unterschiedlicher Größe zu Boden, Ton, Sand, Kies, Gerölle, bis hin zu den Findlingen. Mit Bezug auf den Gletscher bzw. den Landschaftstyp spricht man bei einem solchen Gesteinsschutt von einer Grundmoräne. Das Sediment selbst wird je nach Kalkgehalt als Geschiebemergel beziehungsweise als Geschiebelehm (kalkfrei) bezeichnet.

Die Grundmoräne des Saale-Gletschers hat ursprünglich vermutlich das gesamte Stadtgebiet bedeckt und ist trotz späterer Erosion in der Geest-Landschaft westlich und östlich des Wesertales noch weit verbreitet. Vielerorts lagert Geschiebelehm unmittelbar auf dem Gesteinsuntergrund, den die Tongesteine aus der Unterkreidezeit bilden (siehe Mai-Ausgabe des Anzeigers). Gut aufgeschlossen waren solche Verhältnisse zuletzt bei den Grabungsarbeiten zur Ösperrenaturierung östlich des Hundesteges (Foto auf der vorherigen Seite).

Besonders im Raum Seelenfeld-Neuenknick stößt man auf ein weiteres typisches Element einer Vereisung. Kommt das Eis für eine gewisse Zeit mehr oder weniger zum Stillstand, bilden sich vor dem Eisrand Wälle unsortierter Gesteinsbrocken aus, die Endmoränen. Aus diesem Haufwerk schwemmt Schmelzwasser die feinen Gesteinspartikel, Sand und Schluff, aus. Meist wird dieses Material nicht allzu weit entfernt wieder abgesetzt, so dass Schwemmfächer entstehen. Erhält der Gletscher neue Nahrung und rückt wieder vor, werden die Schmelzwasserablagerungen vom Eis überfahren, wobei diese manchmal gestaucht und in Form kleinerer oder größerer Schollen verschoben werden. Taut dann das Eis, setzt sich die Grundmoräne auf dem Schmelzwassersand ab. Ein schönes Beispiel dafür ist im Kalksandsteinwerk Seelenfeld aufgeschlossen, wo Schmelzwassersande der Saale-Vereisung für die Bauindustrie gewonnen werden (Bild unten).

Abschließender Hinweis: Die Entwicklung der Weser im Eiszeitalter ist in der Sonderausgabe des Petershäger Anzeigers zum Wesertag 2019 beschrieben (erhältlich in den Rathäusern Petershagen und Lahde oder hier online).

Schmelzwasserablagerungen (Sand und Schluff) aus der Saale-Kaltzeit im Kalksandsteinwerk Seelenfeld.

Text und Fotos: Dietmar Meier