Foto: Dietmar Meier

Standort Lahde: Stefan Bürger, Weserkies- und Sand-Vertriebs GmbH

Seit den 1960er Jahren werden im Stadtgebiet Kies- und Sandvorkommen als Rohstoffe für die bauindustrie abgebaut, die die eiszeitliche Weser während der letzten Kaltzeit im Wesertal abgelagert hat. Hauptverwendungszweck ist die Produktion von Beton. Stefan Bürger ist seit 2019 Geschäftsführer der in Lahde ansässigen Weserkies- und Sand-Vertriebs GmbH (WKS). Wir haben mit ihm einmal über aktuelle Fragen zum Kies- und Sandabbau gesprochen.

In den Nachrichten wird fast täglich über die Krisenstimmung in energieintensiven Industriebereichen berichtet. Auch die Gewinnung und Aufbereitung von Kies und Sand ist mit erheblichen Energieeinsatz verbunden. Wie ist es wirtschaftlich gesehen um die Lage der Kieswerke in unserer Region bestellt?
In diesem Jahr hat sich die Produktion angesichts der bestehenden längerfristigen Verträge noch weitgehend im normalen Rahmen bewegt. Für das kommende Jahr erwarten wir angesichts der drastisch steigenden Kosten, der Inflation, der hohen Zinsbelastung und hohen Grundstückskosten aber einen erheblichen Einbruch in der Bauindustrie, möglicherweise bis zu 30 Prozent, und daraus resultierend auch beim Absatz von Kies und Sand. Damit verbunden wäre eine deutliche Steigerung der Produktionskosten – wir rechnen mit einer Größenordnung von etwa 20 bis 25 Prozent -, wozu auch die enorm steigenden Kosten für die Energieversorgung der Kieswerke beitragen. Vor diesem Hintergrund überlegen wir, den Energiebedarf der Kieswerke zumindest teilweise durch Photovoltaikanlagen zu decken, wie sie heute in Windheim im Aufbau sind und es auch anderenorts bereits realisiert ist.

Nach den Vorstellungen von Bundesbauministerin Klara Geywitz sollen in den kommenden Jahren dennoch jeweils 400.000 neue Wohneinheiten pro Jahr gebaut werden. Halten Sie das für realistisch?
Nein. Vorstellungen von Politikern sind bekanntlich nicht immer konform mit der Wirklichkeit. Übrigens wird auch für den Bau von 400.000 Wohnungen jede Menge Kies und Sand benötigt. Der Bundesverband Mineralische Rohstoffe hat einmal berechnet, dass jeder Bundesbürger pro Stunde circa ein Kilogramm Steine verbraucht – ob für Brücken, Tunnel, Kraftwerke, Staudämme, Verkehrswege, für öffentliche Einrichtungen oder Industrie- oder Wohngebäude.

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Aktuelle Produktion von Gesteinskörnungen in der Bundesrepublik. Quelle: Bundesverband Mineralische Rohstoffe (MIRO)

 

Apropos Politiker: bei den Interviews, die der Petershäger und der Hiller Anzeiger gemeinsam vor der NRW Landtagswahl geführt haben, wurde auch das Thema Kiesabgrabungen angesprochen. Dabei wurden von einigen Kandidaten Forderungen nach einer verstärkten Nutzung von Recyclingmaterial für die Bauindustrie laut, um auf diese Weise den Abbau von Kies und Sand zu reduzieren. Wie sehen Sie die Sachlage?
Hier scheint es etwas Nachholbedarf beim Informationsstand der betreffenden Politiker zu geben.Es ist heute nicht mehr erlaubt, Bauschutt auf Deponien zu bringen. Schon heute wird deutlich über 90 Prozent des anfallenden Bauschutts recycelt, das aber insgesamt nur 12,4 Prozent des Gesamtbedarfs an Gesteinskörnungen ausmacht. Aufbereiteter Bauschutt wird heute größtenteils als Ersatz für Gesteinschotter genutzt, der in Steinbrüchen abgebaut wird — die ebenso wie die Kiesweke mit Problemen bei der Akzeptanz zu kämpfen haben. Wenn Recyclingbaustoffe hochwertig aufbereitet als Ersatz für Kies und Sand verwendet würden, würden wir die entsprechenden Mengen dem Straßenbau wegnehmen mit der Folge, dass noch mehr frisches Gesteinsmaterial in Steinbrüchen produziert werden müsste.
In der Vergangenheit galt Ihr Interesse vorrangig dem Kiesanteil in den Weserablagerungen, während der Sandanteil teilweise sogar wieder in die Kiesteiche verbracht wurde. Heute wird selbst dieser Sand wieder abgebaut. Wie erklärt sich der veränderte Bedarf an Wesersand?
Aufgrund des großen Bedarfs wird heute schon sehr viel Gesteinsschotter als Ersatz für Kies verwendet. Wir liefern dazu den für die Betonherstellung benötigten Sand unter anderem in Richtung Bremen und ins Münsterland.

Welche Entwicklung erwarten Sie in punkto Kies- und Sandgewinnung im Stadtgebiet von Petershagen für die Zukunft?
Im aktuellen Regionalplan, der derzeit in der zweiten Entwurfsfassung liegt, sind weitere Teile vom Stadtgebiet Petershagen als Vorranggebiete für den Abbau von Kies und Sand ausgewiesen. Die WKS geht davon aus, dass Kies und Sand auch zukünftig in der derzeitigen Größenordnung produziert werden können, um damit die heimische Bauindustrie auch weiterhin versorgen zu können. Wir möchten damit auch vermeiden, dass zukünftig Gesteinsmaterial aus Norwegen und Schottland zu uns transportiert werden muss, auch und gerade mit Blick auf das Thema Umweltschutz. Angesichts der benötigten Mengen (siehe Grafik), im Hinblick auf die dann weiten Transportwege und die damit verbundene CO2-Produktion, macht es mehr Sinn die benötigten Rohstoffe hier vor Ort zu gewinnen. Bei Lebensmitteln heißt es immer, man solle regional einkaufen – warum sollte das bei Gesteinsmaterial anders sein. Wenn wir Rohstoffe in Deutschland vor Ort haben, sollten wir die auch nutzen!

Hinweis: Bei dem Interview hat auch das Thema Folgenutzung von Kiesabgrabungen breiten Raum eingenommen. Aus Platzgründen berichten wir darüber im Frühjahr in einem eigenständigen Beitrag.