Der Petershäger Leonard Schwier (zweiter von links) studiert derzeit an der Universität in Oxford. Der Saal im Hintergrund ist eine bekannte Kulisse der Harry Potter Filme und Leonards Essenssaal. Foto: privat

Studieren wie Harry Potter – Ein Erfahrungsbericht über das Studium in Oxford

Von Leonard Schwier

Die Ursprünge der University of Oxford gehen zurück auf das Jahr 1096 – damit ist sie die älteste englischsprachige Universität der Welt. Die Historie und Tradition ist überall spürbar: Man ist umgeben von historischen Gebäuden, nahezu in jedem Raum gibt es eine Geschichte, wer hier bereits gesessen hat, und für wichtige akademische Veranstaltungen trägt man eine Robe („sub fusc“). 

Die Universität hat beeindruckende Persönlichkeiten hervorgebracht, darunter 28 Premierminister Englands, 72 Nobelpreisträger und 160 olympische Medaillenträger. Ehemalige Universitätsmitglieder beinhalten Stephen Hawking, Bill Clinton oder auch Richard von Weizsäcker. Ich bin mir daher bewusst, welches Privileg es ist, hier studieren zu dürfen und bin unheimlich dankbar dafür. 

Oxford ist ein überschaubarer Ort im Mittelsüden Englands umgeben von Grünflächen und mit einer kleinen Innenstadt. Auch wenn London nur 40 Minuten mit dem Zug entfernt ist, fühlt man sich in Oxford oft in einer (akademischen) Blase und etwas abgeschirmt von der großen weiten Welt. Die Universität ist in insgesamt 39 sogenannte „Colleges“ aufgeteilt: Das sind quasi „Mini-Universitäten“, welche eigene Professoren, Lehrgebäude und Studentenwohnheime haben. Studierende werden Teil eines Colleges und darüber Mitglied der Universität. Je nach Studiengang hat man sogar die Vorlesungen im College — alternativ mit dem Department. Die Colleges sind über die ganze Stadt verteilt, jedoch ist in Oxford alles mit dem Fahrrad in maximal 15 Minuten zu erreichen. 

Der Großteil des Studentenlebens spielt sich innerhalb der Colleges ab, also hinter verschlossenen Türen. Es gibt große Rivalitäten zwischen Colleges, zum Beispiel bei sportlichen Aktivitäten. 

Ich bin im College „Christ Church“ („The House“), welches als eines der bekanntesten gilt: Insgesamt hat es die meisten britischen Premierminister hervorgebracht (13) und Harry Potter wurde an vielen Orten im College gedreht oder das Filmset wurde davon inspiriert.  

Ein intensives Jahr voller neuer Erfahrungen 

Nach meinem Abitur in Petershagen 2015, meinem dualen Studium bei einem Technologiekonzern, drei Jahren bei einer internationalen Unternehmensberatung und zahlreichen Aufenthalten im Ausland in China, Singapur, Frankreich und dem Mittleren Osten, absolviere ich nun meinen einjährigen Master of Business Administration (MBA) an der „Saïd Business School“ der Universität. Das Studium finanziere ich über ein Stipendium meines Arbeitgebers. Der Bewerbungs- und Aufnahmeprozess hängt vom spezifischen Studiengang ab und erfordert einiges an Vorbereitung. 

Es lässt sich schon sagen, dass es auf akademischer Seite viel Zeitdruck — neben dem Leistungsdruck — gibt: Ein akademisches Jahr ist in drei Trimester aufgeteilt, wobei jedes Trimester jeweils nur acht bis zehn Wochen dauert und mit wöchentlichen Abgabefristen von Aufsätzen oder Präsentationen strukturiert ist. 

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In meinen Vorlesungen lerne ich die Grundlagen der Unternehmensführung mit Ergänzungen auf gesellschaftlicher und politischer Ebene kennen: Wie können Unternehmen nachhaltig geführt werden? Was heißt nachhaltig handeln? Welchen Beitrag können wir leisten, um die großen Probleme unserer Generation zu meistern?  

Insgesamt sind 330 Studierende in meinem Studiengang. Die Teilnehmer des Programms haben durchschnittlich drei bis fünf Jahre Berufserfahrung, kommen aus allen Teilen der Welt (71 verschiedene Nationalitäten) und haben sehr diverse Hintergründe: Von sozialen Unternehmern, Mitarbeitern von Hilfsorganisationen, Investmentbankern, Unternehmensberatern, über Lehrer oder Leistungssportler. 

Neben der akademischen Welt bietet die Universität den Studierenden einiges an Freizeitmöglichkeiten: Sehr viele Studenten sind in Sportvereinen der Universität aktiv. Ich bin beispielsweise Teil des Ruderclubs meines Colleges und Teil des Universitäts-Triathlon Clubs. Freunde von mir spielen unter anderem Rugby, Fußball, Golf, Basketball, Baseball, American Football, Ice Hockey oder Segeln. 

Man muss dazu sagen, dass die meisten Sportarten hier recht kompetitiv sind, was vermutlich zum einen an der Anzahl und zum anderen an der Persönlichkeit der Studierenden liegt. Es ist ebenfalls nicht ungewöhnlich, dass in den Vorlesungen neben einem olympischen Ruderer oder ehemaligen Nationalspieler anderer Sportarten sitzt. Darüber hinaus gibt es noch zahlreiche andere Studentenclubs. Ein besonderer ist dabei die Oxford Union – ein fast 200 Jahre alter Debattierclub – der regelmäßig Gäste aus Politik, Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft für Diskussionen mit den Studierenden einlädt. Zu Gast waren unter anderem der Dalai Lama, Winston Churchill, Stephen Hawking und Morgan Freeman. 

Es ist nicht immer einfach, die akademischen und freizeitlichen Verpflichtungen zu balancieren. Nahezu alle Ruderclubs trainieren beispielsweise um 6.45 Uhr am Morgen, sodass nach eineinhalb Stunden auf dem Wasser alle Studierende rechtzeitig für den Vorlesungsbeginn um 9 Uhr zurück im Vorlesungsraum sein können. 

Die Corona-Pandemie hatte glücklicherweise nur geringe Auswirkungen auf das Studentenleben. Nach anfänglicher Ungewissheit konnten wir mit täglichen Tests ein halbwegs normales Leben führen — inklusiver sozialer und akademischer Veranstaltungen. Wenige Vorlesungen werden kurzfristig auf eine Videokonferenz umgeschaltet, sofern ein Professor positiv getestet wird. Lediglich die internationale Studienreisen nach New York wurde abgesagt. 

Insgesamt bin ich sehr glücklich und dankbar die Möglichkeit zu haben hier zu studieren.  

Bei Fragen, Kommentaren oder Anregungen bin ich erreichbar unter pa@leohub.de.