„Wer ein Beet mit 29 Blumen hat, gießt auch nicht nur die beiden größten!“

Friedewalde. Das zweite Dorf, dem ich im Rahmen der Serie über das Zusammenleben der Generationen einen Besuch abgestattet habe, war Friedewalde. Dort traf ich Jürgen Krüger (Journalist), der in diesem Jahr sein 50-jähriges Jubiläum im Sportverein Freya Friedewalde feiert, zusammen mit dem 1. Vorsitzenden des Vereins, Arne Wohl. Zudem waren dabei Jaqueline Jacob, die sich seit 15 Jahren bei der Feuerwehr engagiert und vor drei Jahren die Leitung der Jugendfeuerwehr übernommen hat, und Thorsten Riechmann, 2. Vorsitzender des Volleyballvereins und jüngster Presbyter, den ich kenne.

Friedewalde ist flächenmäßig die größte Ortschaft im Stadtgebiet, gliedert sich geografisch in fünf Siedlungsbereiche und hat aktuell 1700 Einwohner. Auch wenn die einzelnen Teile der Ortschaft eher „für sich“ sind, herrscht doch ein offener Umgang miteinander. Sport wird in Friedewalde großgeschrieben. Wichtige Anlaufstellen sind zudem die Grundschule und der Kindergarten.

Das Zusammenkommen von Jung und Alt findet zum Großteil in den Vereinen statt. Vorbildlich läuft es bei der Feuerwehr, da arbeiten die verschiedenen Altersgruppen oft eng zusammen. „Weil wir die Kinder später in die Aktiven übernehmen wollen, kombinieren wir Ausbildung und Spaß. Wir unternehmen viele Ausflüge und lernen dabei voneinander und miteinander, da wir auf Teamarbeit setzen“, erklärt Jaqueline Jacob. Friedewalde hat die drittgrößte Jugendfeuerwehr in Petershagen. 

In der Kirche ist es ähnlich. Auch hier arbeiten verschiedenste Altersgruppen zusammen, allerdings ist die jüngste Gruppe schon wesentlich älter als bei der Feuerwehr. Thorsten Riechmann ist mit 32 Jahren der Jüngste im Presbyterium. Nach der Konfirmation hatte er lange nichts für die Kirche übrig. Doch mit Beginn seiner Ausbildung zum Bankkaufmann kam das Interesse und er wurde sogar Presbyter. „Innerhalb des Presbyteriums liegt die Altersspanne zwischen 32 und 64 Jahren“, berichtet Thorsten Riechmann.

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In einer Sache sind sich alle vier einig: in der Ortschaft fehlt ein richtiger Treffpunkt, etwas wie ein Dorfplatz oder ein Dorfgemeinschaftshaus! Sobald die Möglichkeit des gemeinsamen Austauschs durch Feste und in den Vereinen geschaffen wird, kommen Jung und Alt aufeinander zu. Zudem kann Friedewalde mit einer Besonderheit aufwarten: Bereits seit 2006 gibt es eine eigene Website (www.friedewalde.de), über die viele Informationen geteilt werden, die die Ortschaft betreffen, und eine Menge Kommunikation stattfindet. Knapp 30 Friedewalderinnen und Friedewalder sind hier aktiv und schreiben regelmäßig Beiträge.

Jürgen Krüger beschreibt Friedewalde als „weltoffenes, freies Dorf.“ Es gibt keine Zwänge sich zu engagieren, aber viele Möglichkeiten, es zu tun. Die Sportvereine sind gut besucht. Sogar zwei Yoga-Kurse haben sich etabliert. Die Nachfrage war so hoch, dass kurze Zeit nach Beginn des ersten ein zweiter eingerichtet wurde. Außerhalb der Vereine sieht Jürgen Krüger allerdings kaum noch ein Zusammenkommen. Vielleicht sei das der „Preis der Freiheit“, dass viele anders als früher eher zuhause bleiben.

Arne Wohl vermutet, dass das auch mit an der Altersstruktur in Friedewalde liegen könnte. Es fehle an Leuten  im mittleren Alter. Früher habe grade diese Altersgruppe manche bestehende Dinge in der Ortschaft weitergeführt. Von den vier Gaststätten und drei Läden, die es früher in Friedewalde gab, ist heute nichts mehr geblieben.

Für ganz wichtig halten alle die ansässigen Firmen. Wo es Arbeit gibt, würden Menschen eher hinziehen, als einen langen Arbeitsweg, womöglich ohne ausreichende öffentliche Verkehrsmittel in Kauf zu nehmen. In der Siedlung am Förthof finde gerade ein Generationenwechsel statt, erklärt Arne Wohl. Immer mehr Häuser werden von jungen Familien gekauft. Dass die Grundschule und der Kindergarten erhalten geblieben sind, nachdem vor einigen Jahren die Schließung drohte, sei ein großer Pluspunkt für Friedewalde. Ein besonderes Dankeschön schickten Wohl und Krüger nochmal an die Friedewalder, die sich 2013 vehement für den Erhalt eingesetzt hatten.

Die Erhaltung hat sich gelohnt, denn die Zahlen der Schülerinnen und Schüler an der Grundschule haben sich nahezu verdoppelt. Und viele Pendler zwischen Warmsen und Minden bringen ihre Kinder auf ihrem Arbeitsweg in den Friedewalder Kindergarten.

Generell erkennt Jürgen Krüger einen Trend zum Wohnen in Friedewalde. Die Nachfrage nach Bauland sei hoch und könnte derzeit nicht gedeckt werden. Jaqueline Jacob beschreibt die Suche nach Bauland sogar als kleinen „Kampf“. 

Einig waren sich die Vier auch, dass Veranstaltungen wieder besser durchdacht und geplant werden, um möglichst viele Interessierte zu gewinnen. In den 1970er-Jahren gab es nicht nur mehr Gewerbe, sondern auch mehr Feste im Dorf. Jedoch habe man nun einen Umschwung erreicht und versuche, die Veranstaltungszahl wieder anzukurbeln. 

Alle drei Jahre findet in Friedewalde ein Dorfgemeinschaftsfest statt, dass in den letzten Jahren immer besser besucht wurde. Besucher kamen nicht nur aus Friedewalde, sondern auch aus den umliegenden Dörfern. Tatsächlich war es so, dass Jugendliche auf Arne Wohl zukamen und die Wiederaufnahme der Zeltfeste in Gang brachten. „Ein Dorf braucht Qualität, damit die Leute hierbleiben. Wenn die Qualität stimmt, kann man auch die Landflucht verringern.“ 

Von der Politik fordert Jürgen Krüger mehr Einsatz für die Dörfer insgesamt: „Wer ein Blumenbeet mit 29 Blumen hat, gießt auch nicht nur die beiden größten.“ Man müsse alle Dörfer aufwerten, eine Konzentration auf die “Zentralorte” Petershagen und Lahde bewirke aber das Gegenteil. Von den Politikern und dem neuen Bürgermeister wünschten sich die Vier mehr Einsatz in dieser Richtung. „Damit ein Dorf ein attraktiver Standort, insbesondere für junge Menschen und Familien ist, braucht es eine gute Infrastruktur. Dazu zählen ein Kindergarten, eine Grundschule, schnelles Internet und der Klimaschutz“, faßt Arne Wohl abschließend zusammen. 

Text: Annalena Sundmäker, Fotos: Krischi Meier (3), Dietmar Meier (1)