„Weserfähre Petra Solara“ Sieger beim 1. Petershäger Heimat-Preis – 20 Projekte bei der Preisverleihung der Stadt Petershagen ausgezeichnet

Petershagen. Der Fährverein Hävern-Windheim e.V. geht mit dem Projekt „Weserfähre Petra Solara“ als Gewinner des Petershäger Heimat-Preises 2019 hervor, der erstmals von der Stadt Petershagen ausgelobt und im Alten Amtsgericht feierlich überreicht wurde. Zwei punktgleiche zweite Plätze belegten gemeinsam die Ilser Webgemeinschaft e.V. mit dem Projekt „Spinnen und Weben in der Ilser Webstube“ und der Verein „denk-mal! Windheim No2“ mit seinem Projekt „Haus Windheim No2“. Zudem erhielt Uwe Schäkel für seine „Bouleliga Petershagen“ einen Sonderpreis und weitere 17 Projekte wurden mit Anerkennungspreisen gewürdigt.

Dank an allen Bewerbern

Bürgermeister Dieter Blume ließ die nominierten Vereinsmitglieder nicht lange warten. Nachdem sich der Saal im Alten Amtsgericht am Abend des 5. November mit gut hundert Gästen füllte, überreichte er gemeinsam mit Bauverwaltungsleiter Kay Busche nach einer kurzen Ansprache und nachträglichen Glückwünschen an ein Hochzeitspaar allen 20 Projekt-Preisträgern Urkunden und Geldpreise. Er bedankte sich für das großartige ehrenamtliche Engagement aller anwesenden Gäste: „Danke an Sie alle, dass Sie sich ständig engagieren. Sie alle haben gewonnen.“

Der Siegerverein erhielt ein Preisgeld von 2500 Euro, die beiden Zweitplatzierten jeweils 1250 Euro. Außerdem überreichte Sozial- und Schulverwaltungsleiter Detlev Scheumann allen anwesenden Jury-Mitgliedern Taschen mit Petershäger Souvenirs als Dankeschön für ihre Mühe.

Busche freute sich über den „vollen Laden“ und die Resonanz, die der Wettbewerb hervorbrachte. „Insofern haben wir auch gesagt, wir wollen jedem, der einen Antrag abgegeben hat, was an die Hand geben“, erklärte er. Nach einer Auflistung der Bewertungskriterien verwies er auf eine Leinwand, die alle Projekte im Detail zum Nachlesen abbildete, und bedankte sich für die „ordentliche Leistung“ bei allen Aktiven.

Des Weiteren habe die städtische Meinungsumfrage „Was bedeutet Heimat für Sie?“ unter anderem folgende Antworten ergeben: „Heimat ist für mich da, wo mir Wege, Plätze und Häuser vertraut sind und ich die Menschen kenne.“ „Für mich bedeutet Heimat Geborgenheit in der Gemeinschaft, gute Nachbarschaft, Freunde in der Nähe. All dies ist für mich Heimat. Ohne ein soziales Umfeld wäre ein Leben unerträglich. Aber auch die Umgebung ist ausschlaggebend, ob man sich wohl fühlt. Ich lebe gern hier in Petershagen.“ „Wenn ich Einkaufen gehe und 20 Menschen treffe, die mich Grüßen. Da bin ich daheim.“

Insbesondere die letzte Aussage überzeugte Busche und die anwesenden Gäste. Er erinnerte daran, dass es immer darauf ankomme, dass Menschen zusammenkommen und etwas für das soziale Umfeld tun. „Das ist dieser Heimatbegriff, so wie wir ihn jetzt verstanden haben und sich in den Projekten wiederfindet“, so Busche.

Bürgermeister Blume berief sich im Laufe des Veranstaltungsabends auf die zweite Aussage. „Ich glaube, das macht Petershagen aus – das hohe ehrenamtliche Engagement, ohne das wir unser Gemeinsamwesen überhaupt nicht gestalten könnten. Daher ein herzliches Dankeschön an alle. Wir hoffen, dass wir mit den Heimatpreisen so ein bisschen puschen und zurückgeben können.“

Fährverein Hävern-Windheim Sieger beim 1. Petershäger Heimat-Preis

Mit tosendem Applaus feierte das Publikum den Fährverein Hävern-Windheim e.V. für sein Projekt „Weserfähre Petra Solara“. Bürgermeister Blume gratulierte Hermann Humcke und Friederike Holthöfer zum 1. Platz und bezeichnete das Projekt als „ein seit 3. August 2002 großartiges Aushängeschild für die Stadt Petershagen“. Ziel sei nicht nur die Verbindung zwischen Hävern und Windheim, sondern die Verbindung von Menschen, hob er in seiner Rede hervor. „Da kommt man während der Fahrt ins Gespräch. Ein Stück Heimat. Der Betrieb ist von April bis Oktober.“ Rund 15.000 Fährgäste würden jährlich die Überfahrt nutzen. Die Solarfähre sei einzigartig in Nordrhein-Westfalen und finanziere sich über Spenden, öffentliche Zuschüsse und Mitgliedsbeiträge, wie viele andere Projekte. Jeder Interessierte könne sich bei dem Verein melden, neue Leute würden immer gesucht, führte der Bürgermeister aus.

Wobei die Fähre nicht nur Gäste aus dem Kreisgebiet und ganz Deutschland aufweisen würde, betonte Vereinsvorstand und Fährmann Humcke. „Die weitesten Gäste kamen aus Neuseeland. Und Holland ist Gang und Gebe.“ Er bedankte sich bei den „vielen Aktiven und aktiven Fährleuten, die aus der ganzen Stadt Petershagen und dem Mindener Bereich“ kämen.

Ferner waren die Gründungsmitglieder und Erbauer der „Petra Solara“ schon damals ihrer Zeit voraus. Die Weserfähre wird bis heute von einem emissionsfreien Elektromotor angetrieben, der seine Energie aus einem Stillliegeboot zieht, das mit Solarzellen ausgestattet ist. Um die 16 Personen können so pro Fährfahrt mit Fahrrädern lautlos und nachhaltig über die Weser gleiten. Fast 250.000 Gäste haben das bisher genutzt, erklärte Humcke in einem Gespräch nach der Siegerehrung. Wichtig sei auch zu wissen, dass man keinen Schifffahrtsberuf erlernt haben muss, um beim Verein mitzumachen. Wer Fährmann oder Fährfrau werden möchte, benötigt lediglich einen Bootsführerschein. Zurzeit stehen 90 auf der Liste, hinzu kommen zehn bis 15 Techniker, die im Winter an der Instandhaltung arbeiten.

„Wir freuen uns und sind stolz für den ganzen Verein, dass wir im Dienst der ‚Petra Solara’ stehen. Sie verbindet Land und Leute“, bedankten sich Humcke und Holthöfer für die Auszeichnung.



  

„Haus Windheim No2“ belegt einen von zwei zweiten Plätzen

Von Bauverwaltungsleiter Busche als „ersten der beiden zweiten Plätze“ aufgerufen, errang der Verein „denk-mal! Windheim No2“ mit seinem Projekt „Haus Windheim No2“ einen von zwei mit gleicher Punktzahl belegten zweiten Plätzen. Busche erklärte, dass im „Haus Windheim No2“ Café und Storchenmuseum beheimatet sind, was „mit ganz viel ehrenamtlicher Arbeit verbunden“ sei. Ergänzend würden zahlreiche Veranstaltungen angeboten. Außerdem sei das Backhaus wieder aufgebaut worden, wofür der Geldpreis gerade recht käme. „Und für den Arbeitseinsatz“, klang es aus dem Publikum. „Das haben wir nicht besprochen“, antwortete Busche humorvoll, überreichte den Preis und gratulierte den Beteiligten.

Wolfgang Riesner, 1. Vorsitzender des Vereins, freute sich gemeinsam mit dem 2. Vorsitzenden Ingmar Münter über den Preis, verwies aber darauf, dass man „die angebotenen Veranstaltungen auch besuchen sollte, wenn man den Verein unterstützen wolle“. So gebe es neben Kinofilme zum Beispiel auch Musikkonzerte. „Dabei müsst ihr ordentlich viel verzehren. Denn nur von dem Verzehr wird das Haus unterhalten“, appellierte er an die Gäste.

Davon abgesehen findet Riesner das Veranstaltungsformat des Heimat-Preises sehr gelungen, äußerte er in einem Gespräch, „weil Petershagen davon lebt und zehrt“. Denn seiner Meinung nach sei es „Luxus, auf dem Land zu leben, und bedeutet mehr, als man sich vorstellen kann.“ So fehle es beispielsweise an Menschen, die organisieren wollen.

Das „Haus Windheim No2“ sei das älteste Haus in Windheim. Es wurde 1701 in Drei-Ständer-Reihenhaus-Fachwerk-Bauweise errichtet. Es habe überlebt, obwohl das „halbe Dorf damals durch Brände in Schutt und Asche lag“, erklärte Riesner. Nur dem derzeit rund 160 Mitglieder umfassenden Verein habe man es zu verdanken, dass der für 1998 geplante Abriss verhindert werden konnte.

Sozial- und Schulverwaltungsleiter Detlev Scheumann bedankte sich bei der Jury mit Petershäger Souvenirs. 

„Ilser Webstube“ errang ebenfalls 2. Platz

Auch die Ilser Webstube sei „schon lange am Netz mit ganz viel ehrenamtlicher Arbeit“ und habe dieses Jahr ein neues Projekt aus der Taufe gehoben, erklärte der Bürgermeister, der den zweiten Zweitplatzierten herzlichst gratulierte. Ziele seien „die Wahrung unserer Handwerkskunst, Nachhaltigkeit und Steigerung der Bekanntheit für die Webstube“. Außerdem würden ständig Kurse und Veranstaltungen angeboten.

„Und spinnen tun wir auch“, scherzten Gisela Limbach, 1. Vorsitzende der Ilser Webgemeinschaft e.V., Renate Fabritz und Karin Schwanda. Mit den Worten „das ist eine Anerkennung für eine Menge Arbeit an 14 Webstühlen – wir sind stolz, dass unsere Arbeit wertgeschätzt wird“ bedankten sie sich für den Preis. Die Webgemeinschaft zähle mittlerweile 28 Mitglieder aus Ilse, Minden, Petershagen bis kurz vor Hannover. Insbesondere freuten sie sich darüber, Jüngere dazugewonnen zu haben und dass sie nun auch Kindern die traditionelle Handwerkskunst näherbringen könnten.

Vor 37 Jahren im Wohnzimmer der Familie Nahrwold begonnen, wo sie die ersten sechs Webstühle auf engstem Raum vorfanden, konnte 1993 auch der alte Stall in Beschlag genommen werden. Auf zwei Ebenen steht nun genügend Web- und Ausstellungsraum zur Verfügung.

Dass die Webarbeit von schicken Jacken aus Schafwolle bis zu feinen Schals aus Seide reicht, zeigten sie direkt am Veranstaltungsabend. Aber die Frauen haben Größeres vor: „Zum ersten Mal wollen wir einen Teppich aus reiner Wolle weben, wahrscheinlich in den Farben Hellgrau bis braun-meliert“, verriet die Vorsitzende und die Augen der Webfrauen leuchteten. Denn in einem sind sie sich einig: „Es gibt nichts Schöneres, als am Webstuhl zu arbeiten.“

Bouleliga Petershagen erhielt Sonderpreis

Mit einem „das war’s für heute“ verabschiedete sich der Bürgermeister – „eigentlich“ – und erklärte: „Ich verstoße jetzt vehement und massiv gegen die Richtlinien, die mein Rat mir erlassen hat. Das, was ich jetzt mache, habe ich nicht mit der Jury abgesprochen. Das könnte beim nächsten Mal ein Problem geben. Aber für irgendwas muss doch dieser Job Bürgermeister gut sein, oder?“

Nach schallendem Gelächter aus den Publikumsreihen überraschte er mit einer Ehrung, die ihm besonders am Herzen liege, da „dieser Mensch  seit  Jahren

einen ganz tollen Job“ mache. Ob Sportart oder Lebensgefühl, Blume verbinde damit „Tage in Frankreich auf einem Platz, am besten mit einem Glas Rotwein in der Hand“ und rief Uwe Schäkel auf die Bühne, den „Organisator, Motor und Erfinder der Bouleliga Petershagen“. Darauf hingewiesen, dass dies nichts mit dem Heimat-Preis zu tun hätte, bedankte er sich dafür, dass auf Schäkels Platz „sicher keine ruhige Kugel geschoben“ würde und überreichte ihm als Sonderpreis eine Holzschachtel mit Boulekugel.

Gerührt von der Aktion erklärte Schäkel, dass Boule 2017 von ihm nach Petershagen geholt wurde. Mittlerweile würden 14 Ortschaften in 24 Teams mitmachen. Aber es seien noch Plätze frei für die nächste Saison. „Es ist ein einfaches Spiel, es macht Spaß, und das Gefühl, in andere Ortschaften reinzukommen und nicht nur durchzufahren, das zeichnet uns aus. Das Risiko einzugehen, damit anzufangen, hat sich gelohnt.“

Dieser Meinung war auch Künstlerin Barbara Salesch, die vor 30 Jahren Malerei studierte und 2012 nach Neuenknick zog. Seit 2014 unterrichtet sie Kunst vor Ort. Sie und die Kinder aus ihrer Projektgruppe „Scheibenkunst“ gestalteten sechs Monate lang Scheiben aus wetterfesten Siebdruckplatten, die am Schützenhaus ihre Bestimmung fanden. Da die Gesamtkomposition hohen Zuspruch fand, sei geplant, 2020 die Stirnseite des Hauses vollständig zu bemalen. Salesch erhielt für ihr Projekt einen von 17 Anerkennungspreisen.

Auf die Frage, was sie von dieser Veranstaltung hielte, antwortete sie: „Wunderbar, genau die richtigen Preisträger, die über die Jahre viel bewirkt haben. Gerade für die Fähre habe ich mich sehr gefreut, die ist wirklich was besonderes.“ Die ersten drei Preisträger wären schon „ein anderes Kaliber“ als die anderen Einzelprojekte. „Auch wir haben uns sehr gefreut und waren überrascht, dass sich auch noch 50 Euro im Briefumschlag befanden.“

Kurz vor Abschluss der Veranstaltung kam sogar Gänsehaut auf: Sängerin und Gitarristin Ramona Timm, die die Veranstaltung musikalisch untermalte, trug ihren Song „Liebeslied an Petershagen“ vor. Als sie betonte, dass sie aus Petershagen komme, wurde es still im Saal und ihr Text akribisch nachverfolgt. An der Stelle „manche meinen, du bist nur ein Dorf am letzten Arsch der Welt“ konnten sich die Zuhörer dann aber ein Schmunzeln nicht verkneifen. Im Sinne ihres Songs ist Petershagen halt viel mehr als das, nämlich die Hauptstadt ihrer Welt.

Eine Ode an Petershagen, die auch Bürgermeister Blume zu schätzen wusste: Mit den Worten „schade, dass wir keinen Musikpreis verleihen, dann käme sie sicher auf den ersten Platz“, verabschiedete er sich von seinen Gästen.

Künftig wird der Petershäger Heimat-Preis alle zwei Jahre ausgelobt. Zudem werden die Sieger an einem landesweiten Wettbewerb teilnehmen, der erstmals im Jahr 2020 im Rahmen des „Heimat-Kongresses“ vergeben wird.

Text und Fotos: Namira Mcleod