Wenn eine Landschaft für Konflikte sorgt

Petershagen. Dass es sich in der Landschaft an der Weser offensichtlich schon in grauer Vorzeit gut leben ließ, davon zeugen archäologische Funde aus dem Stadtgebiet, die bis in die Steinzeit datieren, als noch das frostige Klima des ausklingenden Eiszeitalters Norddeutschland beherrschte. Zuvor hatte die eiszeitliche Weser nördlich der Porta Westfalica mächtige Schotterablagerungen abgelagert – und damit bereits vor mehr als 20.000 Jahren Verhältnisse geschaffen, die sich bis heute in vielfältiger Weise im täglichen Leben auswirken.

An den landschaftlichen Reizen erfreuen sich nicht nur zahllose Radler, die in jedem Jahr auf dem Weserradweg auf der Durchreise unterwegs sind. Die Weserlandschaft ist auch das Zuhause von Menschen, die hier wohnen, arbeiten und ihre Freizeit gestalten. Gleichzeitig bietet dieser Raum auch Lebensraum und besondere Rahmenbedingungen für Pflanzen und Tiere.

Wenn man so will, wurden bereits während der Eiszeit auch Grundsteine für Interessenskonflikte gelegt, die in der heutigen Zeit zu manch hitziger Kontroverse geführt haben. Denn für jeden Quadratmeter der Landschaft längs der Weser gibt es, was die Nutzung anbelangt, heute Ansprüche und Wünsche aus ganz unterschiedlichen Blickrichtungen. Und die sind, sofern überhaupt, manchmal nur schwer miteinander in Einklang zu bringen. Ein Blick ins Zeitungsarchiv fördert da so manchen Bericht über heftige Kontroversen zutage, die mal hier, mal da frustierte Gesichter hinterlassen haben. Streifen wir kurz einige Entwicklungen und Ereignisse.

An die Weserlandschaft werden heute eine ganze Reihe von Nutzungsansprüchen gestellt. Daraus resultiert ein regelrechtes Geflecht von Beziehungen, mit denen sich Politik und Verwaltung auseinander setzen müssen.

An die Weserlandschaft werden heute eine ganze Reihe von Nutzungsansprüchen gestellt. Daraus resultiert ein regelrechtes Geflecht von Beziehungen, mit denen sich Politik und Verwaltung auseinander setzen müssen.

Bis in die 1960er Jahre war die Welt im Petershäger Wesertal noch deutlich weniger kompliziert. Wenn die Dorfjugend aus Jössen oder anderen wesernahen Ortschaften allein oder mit den Pferden in der Weser schwimmen oder jemand Fische aus der Weser angeln wollte, war das ohne Einschränkungen möglich. Mit den Kiesabgrabungen, die im Petershäger Raum vor etwa 60 Jahren begannen, kam ein neues Element ins Spiel, das mit der Zeit eine Eigendynamik entfaltete.

Eine Landschaft verändert sich

„Schöne Insel im Norden“ – diese Bezeichnung fällt gelegentlich, wenn Einwohner von Windheim die Lage ihrer Ortschaft umschreiben. Ohnehin zwischen Weser und Schleusenkanal gelegen, haben sich in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Flächen westlich und östlich der Ortschaft, auf denen früher Ackerbau betrieben wurde, durch die Kiesgewinnung in Wasserflächen verwandelt. Ein Vergleich von Luftbildern aus den Jahren 1975 und 2017 (folgende Seite rechts  oben) veranschaulicht das Ausmaß dieser Entwicklung beispielhaft aus der Windheimer Marsch. Ähnliches gilt auch für andere Bereiche im Stadtgebiet, etwa um Wietersheim oder Ovenstädt-Hävern.



   

Reizthema Abgrabung

Ob es um Steinbrüche oder Kiesgruben geht, der Begriff Abgrabung ist fast überall ein Reizwort. Das gilt auch für die Kies- und Sandgewinnung in der Stadt Petershagen. Wird im Stadtgebiet irgendwo eine neue Kiesabgrabung beantragt, sind Proteste vorprogrammiert. Auch in der Kommunalpolitik stoßen Anträge selten auf Begeisterung. Schaut man ins Archiv der Tagespresse über Beratungen in den politischen Gremien, wurden Kiesgruben schon mal als „ewige Wunden in der Natur“ bezeichnet und man liest etwas von Rohstoffen, die eine Last sind und sogar von Forderungen nach „kommunalem Ungehorsam”, um weitere Abgrabungen zu stoppen. 

Dabei wissen auch Kommunalpolitiker um den Nutzen, den die Ausweisung von Baugebieten, der Wohnungs-, Industrie- und Gewerbebau für die Sicherung heimischer Arbeitsplätze, kommunale Finanzen und — besonders in Zeiten demografischen Wandels — für Kindergärten, Schulen, Vereine etc. bedeutet.  Geht es jedoch um die Gewinnung der Rohstoffe, heißt die Devise meistens: bitte anderswo!

Bei Kies und Sand, die Jahr für Jahr in gewaltigen Mengen benötigt werden, um den Bedarf zu decken, ist das jedoch kaum möglich. Ein Blick auf ein Satellitenbild zeigt, dass Kies und Sand nördlich und südlich der Stadt Petershagen ebenso intensiv abgebaut werden, ob von Stolzenau bis Nienburg oder von Minden bis Hameln. Nur mal theoretisch betrachtet: man kann sich vorstellen, wie Kommunalpolitiker in den genannten Städten auf die Idee reagieren würden, die Kies- und Sand-Produktion, die derzeit in der Stadt Petershagen erfolgt, auch noch in ihre Städte zu verlagern.

Aufgrund des hoch anstehenden Grundwasserspiegels verwandeln sich Ackerflächen im Wesertal bei der Kiesgewinnung wie hier im Bereich Ilse in Seen.

Folgenutzung: Wenn aus Ablehnung Anspruch wird

Rohstoffgewinnung erfolgt nur eine begrenzte Zeit, bis die in der Planfeststellung genehmigten Abbauflächen erschöpft sind. Danach ändert sich das Bild. Das Interesse an der Nutzung der beim Abbau entstandenen Kiesteiche ist in der Regel groß und führt zum nächsten Konflikt. In der Stadt Petershagen geht es dabei in erster Linie um die Konkurrenz zwischen dem Naturschutz und den Interessen der Menschen auf Naherholung, Angel- und Wassersport.

Dass dem Naturschutz in der Stadt Petershagen seitens der Landespolitik ein besonderer Stellenwert beigemessen wurde, macht der Beitrag zur Ausweisung der Schutzgebiete deutlich (Seite 16-17). Zwischen 2003 und 2011 sind rund um ehemalige Kiesabgrabungen fünf Naturschutzgebiete (NSG)  ausgewiesen worden, die wesentliche Bausteine im Konzept des Vogelschutzgebietes sind. Zusammen umfassen diese NSGs eine Fläche von 366,7 Hektar und damit weit über die Hälfte der Gesamtfläche der Abgrabungen im Stadtgebiet. 

Deutlich dahinter rangiert die Fischerei. Zu den vereinseigenen Teichen, die von den heimischen Fischereivereinen bewirtschaftet werden, kommen einige weitere Teiche dazu, die vom Landesfischereiverband und der Mindener Interessengemeinschaft angepachtet worden sind. Für Freizeitnutzung und Badespass steht im Stadtgebiet einzig der Badesee zwischen Lahde und Frille zur Verfügung.

1998: Landwirte auf den Barrikaden

Die Einrichtung und zunehmende Vergrößerung der Schutzgebiete in der Weseraue auf heute rund 3000 Hektar hatte zwangsläufig erhebliche Einschränkungen für anderweitige Nutzungen zur Folge. Das betraf insbesondere die Arbeit der heimischen Landwirte, aber auch die Ausübung von Jagd und Fischerei ebenso wie die Freizeitnutzung der Weser. Immerhin befinden sich 60 Prozent der Flächen des Vogelschutzgebietes in privatem Besitz.

1998 eskalierte der Streit, als von der damaligen rot-grünen Landesregierung mit Bärbel Höhn als Umweltministerin Restriktionen vorgesehen waren, die die Landwirte als so gravierend empfanden, dass sie teilweise schon als kalte Enteignung angesehen wurden. Die Folge war die Gründung der AG Weserlandschaft 1998 durch Betroffene und eine vehemente Demonstration mit Treckerkorso, Transparenten und Mahnfeuern von Schlüsselburg bis Porta Westfalica, die auch in Düsseldorf Wirkung hinterließ. Daraus entwickelte sich eine für 20 Jahre gültige Kooperationsvereinbarung, in der sich die Landwirte durchaus in die Pflicht nehmen ließen, worin aber unter anderem auch festgelegt wurde, dass das Land NRW Erstattungen für Fraßschäden durch rastende Gänse und Schwäne leistet. Doch das bedeutete keineswegs Ruhe an der Naturschutzfront.



   

 

Luftbilder aus der Windheimer Marsch von 1975 und 2017. Zum besseren Erkennung sind die Wasserflächen der Kiesteiche blau eingefärbt. Luftbilder: © Kreis Minden-Lübbecke, Kataster- und Vermessungsamt, Datenlizenz Deutschland – Namensnennung – Version 2.0

„Hier leben auch noch Menschen”

Ein besonderes „Scharmützel” entwickelte sich, als Einwohner von Hävern und Windheim auf die Idee kamen, die 1976 eingestellte Fährverbindung zwischen den beiden Ortschaften wieder aufzunehmen. 2001 wurde der Fährverein gegründet, der sich an die konkrete Planung des Fährbetriebs machte. Der sollte auf die Bedürfnisse der Menschen ausgerichtet sein, gleichzeitig aber auch im Einklang mit Natur und Umwelt stehen.

Das Ergebnis war eine emissionsfreie, durch einen fast lautlosen Elektromotor getriebene Fähre für Fußgänger und Fahrradfahrer, deren Batterien durch Solarzellen gespeist werden sollten.

Als das Projekt im Februar 2002 der Kommunalpolitik vorgestellt wurde, fand die Idee breite Zustimmung. Jedoch nicht bei allen. 

Vehemente Ablehnung kam zuerst von der Ratsfraktion von Bündnis90/Grüne, der sich der verbandsmäßig organisierte Naturschutz anschloss. Lange Diskussionen, Verträglichkeitsprüfungen, ein Besucherlenkungskonzept und selbst eine Unterschriftenaktion, bei der sich mehr als 7000 Menschen für die Fähre aussprachen, halfen da alles nichts. Der BUND reichte beim Verwaltungsgericht Minden Widerspruch gegen die Zulassung des Fährbetriebs ein. Und dass, obwohl die Bundeswasserstrasse Weser mit zugelassenen Wasserfahrzeugen aller Art — dazu gehört auch eine Fähre — ohne Einschränkung befahren werden darf.

Am Ende unterlag der BUND. Das Verwaltungsgericht bestätigte die Rechtsauffassung des Fährvereins. Die Solarfähre “Petra Solara” ist bis heute ein kleines Juwel im touristischen Angebot der Stadt Petershagen, ohne dass nennenswerte Beeinträchtigungen der benachbarten Naturschutzgebiete durch den Fährbetireb dokumentiert wären. 

Und dann brach 2016 der Konflikt mit den Landwirten erneut auf, als Folge eines von der Bezirksregierung Detmold unter dem damaligen Umweltminister Remmel in Auftrag gegebenen Gutachten für den sogenannten Vogelschutzmaßnahmenplan. Auf der Basis von Zahlen in diesem Gutachten zum Artenrückgang in der Vogelwelt sollten die Restriktionen erneut deutlich verschärft, die Schutzgebiete weiter ausgeweitet werden. 

Die AG Weserland beauftragte daraufhin selbst ein erfahrenes Institut mit der Prüfung des besagten Gutachtens. Das stellte nicht nur handwerkliche Fehler fest, sondern machte auch auf einen in der Weseraue vernachlässigten Aspekt aufmerksam: die ungebremste Vermehrung der Prädatoren (Raubwild und Schwarz-wild) — aus Sicht der Arbeitsgemeinschaft Ergebnis einer verfehlten Jagdpolitik, die das Land NRW seitens der rot-grünen Landesregierung über viele Jahre betrieben habe.

Mittlerweile hat sich einiges geändert, nicht nur die Landesregierung. Vom Land gewollt, wird von der Jägerschaft nun viel Zeit und privates Kapital in den Aufbau eines Prädatorenmanagements investiert, mit dem Ziel, die Zahl der Prädatoren in der Weseraue auf ein für den Artenschutz verträgliches Maß zu begrenzen. Die Jägerschaft, oft genug als Buhmann abgestempelt, ist jetzt aufgefordert, Aufgaben zum Schutz der Vogelwelt zu übernehmen, die weder Verwaltungen noch der Naturschutz selbst leisten können.

Motorboote ja, Schwimmer nein?

Und noch ein Konflikt hat in den vergangenen Jahren für besondere Schlagzeilen gesorgt: der Streit um das Schwimmen im Weserarm zwischen der Alten Fährstelle Petershagen und der Fährstelle Windheim sorgte für einen heftigen Schlagabtausch zwischen Naturfreunden unterschiedlicher Coleur.

Nach langen Diskussionen und trotz eines amtlichen Verbotes hatten sich 2016 und 2017 einige Schwimmer am europaweit begangenen Flussbadetag in die Weser begeben und die 

Strecke von Petershagen nach Windheim unter Begleitung einiger Paddelboote schwimmend absolviert.

Zuvor hatte die Untere Naturschutzbehörde betont, dass das Baden und Schwimmen innerhalb des NSG Weseraue verboten sei. Im Unterschied dazu war aus dem Wasser- und Schiffahrtsamt Verden die Information gekommen, dass das Schwimmen in Bundeswasserstraßen generell zulässig ist (Stichwort „Gemeingebrauch“), ausgenommen an Gefahrenstellen. Sogar in der Schutzgebietsverordnung ist dargelegt, dass es auch im NSG keine Einschränkungen für das Befahren der Bundeswasserstraße Weser mit Wasserfahrzeugen gibt. Überraschend dazu ist, das es in dem Weserbogen zwischen den Flusskilometern 216 und 218 sogar amtlich erlaubt ist, Wasserski zu fahren! 

Letzte Notiz: Auf circa 28 Kilometer Weserlänge in der Stadt Petershagen ist der Schiffsanleger Heisterholz die einzige Stelle im Stadtgebiet, an der Menschen ihre Freizeit noch unmittelbar an der Weser gestalten können.

Angesichts der beschriebenen Vorgeschichte(n) ist das Zustandekommen des ersten Wesertages eine bemerkenswerte Angelegenheit. Ob dazu veränderte politische Mehrheiten im Land beigetragen haben, der Wechsel von Personen in verantwortlicher Position oder einfach die reifende Erkenntnis, dass auch mit Kompromissen unter dem Strich manchmal mehr dabei herauskommt, als mit dem starren Beharren auf eigenen Positionen. Noch hat der Wesertag 2019 den Status eines Experimentes. Aber sollte dieses gelingen – vorsichtiger Optimismus scheint angebracht -, dürfte das ein deutliches Signal für die Zukunft sein. Zum beiderseitigen Nutzen von Mensch UND Natur, denn dass sich auch in der Weseraue neue Aufgaben und Herausforderungen stellen werden, ist nur eine Frage der Zeit.

Erhebliche Konflikte treten auch zutage, wenn es um das Verhältnis zwischen Naturschutz und Fischerei geht. Dazu gehört auch die Frage, wieviel Kormorane verträgt die Weseraue?

Text und Fotos: Dietmar Meier