„Wer den Wolf flächig haben möchte, der bekommt ihn auch!“

Petershagen. Das Thema Wolf bewegt inzwischen viele Menschen in Deutschland, nicht nur in den Wolfsgebieten, die mittlerweile amtlich ausgewiesen wurden, sondern auch in unserer Region. Als der Petershäger Anzeiger am 8. April dieses Jahres auf seiner Facebook-Seite darüber berichtete, dass an der B482 in Höhe Windheim ein Wolf tot aufgefunden worden war, setzte auf der Seite eine Dynamik ein, die wir bis dahin in der Form noch nicht erlebt hatten. Bilanz nach einer Woche: 753 (!) Kommentare unter dem Beitrag, der fast 33000 Menschen erreicht hat — für uns geradezu unglaubliche Zahlen (siehe folgende Grafik). 

„Das Thema Wolf spaltet das Land“

Die Resonanz zum Wolfsbeitrag vom 8.4. bei Facebook (Screenshot).

Wenn man die genannten Beiträge liest, fällt vor allem eines auf: Die Polarisierung und die teilweise heftigen Emotionen, die in den Kommentaren zum Ausdruck kommen. Eine Menge davon – man kann es kaum anders beschreiben – bewegt sich jenseits einer sachlichen Diskussion zwischen Provokation, Märchenstunde und Wunschdenken. Und ganz offensichtlich mangelt es vielfach an nüchternen Informationen. Einige der Zitate finden sich hier unten auf dieser Seiten. Wer sich für die Kommentare interessiert, aber nicht mit Facebook vertraut ist: Die betreffende Seite des Petershäger Anzeigers hat die Adresse www.facebook.com/wirinpetershagen. Unter Umständen erscheint am Anfang eine Einblendung, sich bei Facebook anzumelden, die sich aber einfach wegklicken lässt. Danach hat man freien Zugang zu allen unseren Beiträgen.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Wolf im Stadtgebiet von Petershagen im Straßenverkehr auf der Strecke geblieben ist. Im April 2017 wurde ein Wolf ebenfalls an der B482, zwischen Heimsen und Wasserstraße von einem PKW erfasst. Ein weiteres Verkehrsopfer im Kreis Minden-Lübbecke hat es Ende März 2019 in Veltheim gegeben, wo ein Wolf auf der A2 zu Tode gekommen war.

Schon 2017 hatte der Unfall mit dem Wolf kräftige Falten auf die Stirn auch der heimischen Landwirte und Tierhalter getrieben, weil diese sich um ihre Rinder, Schafe, Pferde, Schweine und Ziegen sorgten, die in der Weserlandschaft gehalten werden (ausführlicher Beitrag in der Ausgabe 6/2017). In den vergangenen zwei Jahren hat das Thema bundesweit gewaltig an Fahrt aufgenommen, bedingt durch eine enorm gestiegene Zahl von Nutztieren, die von Wölfen gerissen wurden. Soweit, dass das Thema Wolf mittlerweile auf oberster politischer Ebene, auf dem Tisch der Bundesregierung liegt, die an einer Verordnung arbeitet, die Grundsatzfragen des weiteren Umgangs mit den bislang streng unter Naturschutz stehenden Raubtieren regeln soll. Nach jüngsten Presseinformationen zeichnet sich nach monatelangem Ringen ein Konsenz zwischen Umwelt- und Landwirtschaftsministerium ab, in deren Zuständigkeit der Wolf fällt.

Die aktuellen Ereignisse in Verbindung mit jüngsten Entwicklungen im angrenzenden Niedersachsen waren der Anlass, das Thema Wolf auch im Rahmen unserer Weserlandschaftsserie aufzugreifen. Dazu haben wir verschiedene Anfragen gestellt, die wir im Folgenden im Wortlauf widergeben. Denn seit dem Vorfall in Windheim steht die Frage öfter im Raum: Lässt sich ausschließen, dass Wölfe sich irgendwo im Stadtgebiet von Petershagen ansiedeln? Und was wäre, wenn? 

Erster Ansprechpartner war die Verwaltung, in diesem Fall die Untere Naturschutzbehörde, die auf Kreisebene zuständig für das Thema Wolf ist und auch bei der Bergung der getöteten Wölfe direkt beteiligt war. Von der amtlichen Wolfsberaterin des Kreises Minden-Lübbecke, Elisa Finster, erhielten wir die folgenden Informationen:

„Bei den im Frühjahr tot aufgefundenen Wölfen handelte es sich in beiden Fällen um männliche Welpen. Das Ergebnis der genetischen Untersuchung, mit der man die Elternrudel der Tiere ermitteln kann, liegt noch nicht vor. Wölfe verlassen im Alter von circa 1,5 bis 2 Jahren das elterliche Rudel, auf der Suche nach einem eigenen Territorium. Hierbei werden von den Wölfen erstaunliche Strecken zurückgelegt. So kommt es, dass bei Wölfen die häufigste Todesursache Verkehrsunfälle sind. Oft wird die Anwesenheit eines wandernden Wolfes gar nicht bemerkt, da er auf seiner Wanderung nicht unbedingt lange an einem Ort verweilt. So ist bisher auch die Situation im Kreis Minden-Lübbecke. Es gab insgesamt fünf Nachweise. Erst wenn über einen Zeitraum von sechs Monaten ein Wolf mehrfach im gleichen Raum nachgewiesen wird, wird von einem residenten Wolf gesprochen. 

Die Voraussetzung für ein Wolfvorkommen sind: (1) Genügend Nahrung und (2) sichere Rückzugsräume als Revierzentrum zur Aufzucht der Welpen. Im Kreis Minden-Lübbecke ist die Siedlungsstruktur sehr zersplittert, sodass es vermutlich solche störungsfreien Orte nicht im ausreichendem Maß für eine Ansiedlung geben wird. Mit wandernden Wölfen muss jedoch jeder Zeit gerechnet werden.“

Als Vertreterin des Naturschutzes plädiert  Jutta Niemann, Leiterin der Biologischen Station des Kreises Minden-Lübbecke, für einen nüchternen und pragmatischen Umgang mit dem Wolf:

„Natürlich haben viele Menschen Respekt, ja teilweise sogar Angst vor dem Wolf, der in zahlreichen Geschichten und Mythen als blutgieriger Räuber dargestellt wird, aber ist dies auch begründet? In der sächsischen Lausitz, in der es seit dem Jahr 2000 Wolfsrudel gibt, ist die Lage mittlerweile wieder entspannt. Nutztierprävention und Aufklärungsarbeit haben sowohl für den Schutz der Nutztiere als auch für die Akzeptanz des Wolfes gesorgt. Wissenschaftliche Untersuchen haben zum einen ergeben, dass nur 0,8% des Nahrungsspektrums aus Nutztieren besteht, der Rest sind Rehe und Wildschweine, von denen ohnehin Überpopulationen bestehen, die uns Probleme bereiten. Zum anderen zeigen sie, dass starke Emotionen oft immunisierend gegenüber Fakten wirken. Deshalb ist es wichtig, dass die Bevölkerung über glaubwürdige Quellen an Informationen gelangt, sich ein eigenes Bild macht und die Ängste verliert. Berechtigten Sorgen und Problemen mit dem Neubürger Wolf sollte aber auch mit dem nötigen Augenmaß begegnet werden. Hierzu trägt sicherlich ein pragmatischer Umgang mit „Problemwölfen“, die sich auf Nutztiere spezialisieren oder nicht die nötige Scheu und Distanz zum Menschen aufweisen, bei. Hier müssen Handlungsmöglichkeiten zur Entnahme geschaffen werden. Wir haben jedenfalls keine Angst vor dem Wolf, obwohl wir selbst Tierhalter sind.“

Als Leiter des Hegerings Petershagen-Nord mit dem Wild rund um Petershagen besonders vertraut, bringt Jens Sachs auch besondere Lokalkenntnisse mit:

„Die Rückbesiedelung Deutschlands durch den Wolf ist eine Erfolgsgeschichte des Artenschutzes. Möglich wurde dieses durch die große und vitale Wolfspopulation im Baltikum und durch die einfache Tatsache, dass der Mensch es zugelassen hat. Der Wolf hat offensichtlich weder ein Problem mit dem dicht besiedelten Lebensraum in Deutschland, noch hat er Schwierigkeiten, hier eine Nahrungsquelle zu finden. Damit hat er einen enormen Vorteil gegenüber vielen anderen Wildtieren, die sehr spezielle Ansprüche an ihren Lebensraum und Nahrungsquellen stellen. Vor einigen Jahren habe ich mit schwedischen Kollegen die Rückwanderung der Wölfe nach Deutschland diskutiert und die Schweden mit viel „Wolfserfahrung“ aus der Region „Dalarna län“ sahen das dichte Verkehrsnetz in Deutschland als limitierenden Faktor für die Wolfsausdehnung. Diese Einschätzung hat sich bisher nicht bewahrheitet. Im Bereich zwischen Lahde und Wasserstraße sind im vergangenen Jahr neben dem einen Wolf über 230 Wildtiere überfahren worden. Viel wichtiger als der Faktor Straßenverkehr sind die Nahrungsquellen. Beim Wolf ist das vorzugsweise Reh- und Rotwild. Wenn er diese nicht in ausreichender Anzahl vorfindet, auch Weidetiere. Die Reh- und Rotwildbestände werden aber derzeit sehr entschlossen von den Landesforsten NRW und damit von dem LANUV reduziert, um den natürlichen Waldbau und die Naturverjüngung zu ermöglichen. Es bleibt spannend!“

Zuguterletzt haben wir als Vertreterin der Landespolitik auch die heimische Abgeordnete Bianca Winkelmann in ihrer Funktion als umweltpolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion NRW um eine Stellungnahme gebeten: „Wir sehen vor allem in Niedersachsen und den neuen Bundesländern eine starke Rückkehr des Wolfs. Die Zahlen in NRW sind eher überschaubar. Insgesamt sind bei dem Thema weder Hysterie noch Jubelstimmung angebracht. Es ist erst einmal erfreulich, wenn die Umweltmaßnahmen vergangener Jahre Wirkung zeigen. Nichtsdestotrotz gibt es gerade bei den Weidetierhaltern große Sorgen und wenn Teile unserer Gesellschaft sich wünschen, dass der Wolf in Deutschland wieder heimisch wird, muss die Gesellschaft auch einen Teil des Risikos mittragen und die Landwirtschaft beim Verlust ihrer Tiere unterstützen. Dem trägt das Land NRW mit der Ausweisung zweier Wolfsgebiete Rechnung und hilft Landwirten dort unter anderem auch mit neuen Zäunen. Wenn jedoch in unserem dicht besiedelten Bundesland die Zahl der Wölfe steigt, müssen wir weitersehen.“

 

Ausblick: Wohin geht die Reise?

Mit Blick auf die Stellungnahmen und auf weitergehende Informationen aus im Internet zugänglichen Quellen stellt sich die Situation für den Autor dieses Beitrages derzeit wie folgt dar:

Nach offiziellen Statistiken wächst die Wolfspopulation hierzulande inzwischen exponentiell. Von Jahr zu Jahr erleben wir derzeit nicht ganz, aber fast eine Verdopplung des Bestandes. Einige Jungtiere bleiben erfahrungsgemäß beim Rudel, in dem sie aufwachsen. Andere werden verdrängt, damit der Lebensraum des Rudels nicht übernutzt wird. Diese Jungwölfe begeben sich dann auf die Suche nach neuen Lebensräumen. Um zu überleben, benötigen Welpen ein Territorium, das noch nicht von einem anderen Rudel besetzt ist, dazu eine Nahrungsbasis und die Fähigkeit, den Weg zu schaffen. Wie sich aus den stark wachsenden Bestandszahlen ableiten lässt, bedeutet der Tod im Straßenverkehr für die Gesamtpopulation inzwischen keinen signifikanten Verlust mehr. Wenn er nicht von Menschen verfolgt wird — und das ist in Deutschland der Normalfall — hat der Wolf gute Karten.

Der Wolf ist Raubwild, der davon lebt, dass er Tiere fängt und auffrist. Er sucht sich die Nahrung dort, wo er lebt. Wenn natürliche Nahrungsquellen nicht in ausreichendem Maße vorhanden sind, weicht der Wolf zwangsläufig auf andere Quellen aus. Das ist völlig normal und liegt in der Natur der Sache. Das vielfach gezeichnete Bild vom scheuen Wildtier, das sich unverzüglich zurückzieht, sobald Menschen auftauchen, bekommt angesichts der im Internet publizierten Videos von souverän agierenden Wölfen zunehmend Risse. 

Dass sich Nutztiere nicht großflächig durch wolfssichere Zäune schützen lassen, ist schon aus Kostengründen klar. Dass auch ein Schäfer betriebswirtschaftlich denken muss und irgendwann das Handtuch wirft, wenn sich Wölfe zum dritten Mal bei seiner Herde bedienen, ohne er einen hinreichenden Ausgleich erhält, ist leicht nachvollziehbar (die sonstigen Auswirkungen eines Wolfsangriffes auf die Herde mal außen vor gelassen). Hier ist die Politik in jedem Fall gefordert, einfache Wege für Entschädigungszahlungen zu gewährleisten.

Welche Räume der Wolf besiedeln soll, ist ein aktuelles Streitthema auf politischer Ebene. Weite Kreise des Naturschutzes erwarten offensichtlich eine flächendeckende Besiedlung ohne räumliche Begrenzung. Doch inzwischen werden aus der Politik auch erste Forderungen nach wolfsfreien Zonen und einer Begrenzung der Population laut. Werden die Lebensräume aufgrund der wachsenden Population enger, müssen Wölfe auch bei der Wahl der Reviere Kompromisse machen. Dann stehen selbstverständlich irgendwann auch Bereiche mit „B-Qualität“ auf der Liste. Was spräche unter diesen Umständen gegen den Heisterholzer Wald, das Weser-Wiehengebirge oder das Warmser Moor? Im Raum Cuxhaven war ein Rudel jahrelang selbst in einer „ausgeräumten“ Agrarlandschaft zuhause.

 

„Aber der Wolf meidet doch angeblich Menschen und lebt nur sehr zurückgezogen in den Wäldern. Da kann man mal sehen, dass das alles Blödsinn ist und wir die Wölfe bald genauso wie den Fuchs in jeder Stadt rum rennen haben.“

 

„Wenn einer das Recht hat, da zu sein, ist es der Wolf und nicht der Mensch!“

 

„Er macht keinen Schaden mehr“

 

„Ich finde es sehr traurig und tut mir sehr leid, für dieses imposante Wildtier!“

 

Text: Dietmar Meier, Fotos: Dietmar Meier (1), privat (1)