Live-Bericht aus dem Storchenhorst 2

Petershagen. Hallo, da bin ich wieder. In den letzten Wochen war rund um die 27 Petershäger Storchenhorste richtig viel los. Auf insgesamt 20 Horsten wird ganz fleißig gebrütet und mittlerweile sind auf vielen Horsten Jungvögel geschlüpft. Auch in meinem Nest sind zwei kleine Storchenkinder zu finden, die man jetzt wieder über die Storchenkamera gut beobachten kann.

In vielen Horsten sind die Störche derzeit mit dem Brüten oder schon mit der Aufzucht befasst.

Nun beginnt für uns Storcheneltern eine anstrengende Zeit, denn sobald die Jungstörche geschlüpft sind, verlangen sie wie Babys nach Nahrung. Die kleinen zurzeit noch flauschigen Nesthocker signalisieren uns ihren Appetit dadurch, dass sie uns an den Schnabel stupsen. Dann wissen wir, dass wir die Nahrung herauswürgen sollen. Wusstet Ihr, dass ich als ausgewachsener Storch zwischen 500 und 700 Gramm Nahrung am Tag brauche? Dazu muss ich ungefähr 16 Mäuse und um die 600 Regenwürmer fangen. Da ich aber auch noch zwei kleine Klapperer zu versorgen habe, bin ich oft lange unterwegs, um die Nahrungsmenge zu sammeln. So ein kleiner Storch verputzt gut und gerne 1.600 Gramm in seinen ersten Lebenstagen. Für unsere Familie liegt der Tagesbedarf also bei rund 4.500 Gramm. In den ersten 10 Lebenstagen gibt es nur Regenwürmer, danach gibt es Kaulquappen, Heuschrecken, Käfer, Mäuse und Maulwürfe.

Bei Euch steht im Juni vermutlich eher Spargel und Matjes auf dem Speiseplan. Während der Petershäger Matjestafel kann ich Euch dabei sogar direkt beobachten, wenn Ihr entlang der Mindener Straße wieder lange Tafeln und kleine Buden aufbaut und Gäste von nah und fern sich auf das schmackhafte Fischgericht freuen. Ich werde dann meine Kreise hoch über Euren Köpfen ziehen.

Ich bin natürlich froh, wenn ich nicht weit fliegen muss und in unmittelbarer Nestnähe fündig werde. Das ist nicht so kräfteraubend und spart Energie! Und da kommen wir auch schon zu einem unserer Probleme. Ihr glaubt gar nicht, was ich so alles als Nahrung wahrnehme: Nuckel von Babyflaschen fühlen sich an wie Frösche, Einmachgummiringe sehen aus wie Regenwürmer. Da bitte ich Euch, geht mit dem Wegwerfen von Müll achtsamer um, denn es gefährdet uns! Weitere Gefahren liegen auch im achtlos liegengelassenen Bindedraht oder Bändern von Luftballons. Diese können sich um unsere Gelenke und Flügel wickeln. Ihr könnt Euch vielleicht vorstellen, dass wir uns von diesen nicht alleine befreien können. 

Apropos Gefahren. Natürlich haben wir auch Probleme mit unseren „freien Störchen“. Das sind jüngere Störche, die noch kein eigenes Nest haben und alleine unterwegs sind. Diese rotten sich zu kleinen Gruppen zusammen und attackieren besetzte Horste. Traurigster Fall war in dieser Saison bisher Jössen. Hier kamen gleich vier Jungstörche bei solch einem Angriff ums Leben. In Ilvese wurde das Storchenpaar bereits während der Brut attackiert und die Brut abgebrochen. 

Naja, und das Wetter kann uns natürlich auch die Aufzucht erschweren. Wenn es zu kalt ist oder viel regnet, kühlen unsere Jungtiere aus, gerade wenn sie noch sehr klein sind und noch keine Federn haben. Ende Juni könnt Ihr meine Kleinen vermutlich schon mal von unten im Nest stehen sehen – nicht nur über die Kamera. Dann wird auch ihr Geklapper schon gut zu hören und die ersten Flugversuche zu sehen sein.

Text: Evelyn Hotze, Fotos: privat (2), Dietmar Meier (1)