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500 Schafe auf Wanderschaft mit Schäfer Frank Weizenkorn

Frank Weizenkorn zieht mit rund 500 Schafen von Weide zu Weide. Warum der seltene Beruf des Wanderschäfers für ihn bis heute Berufung ist.
Schäfer Frank Weizenkorn unterwegs mit seiner Schafherde auf der Weserbrücke. Foto: Krischi Meier
Schäfer Frank Weizenkorn unterwegs mit seiner Schafherde auf der Weserbrücke. Foto: Krischi Meier

Von Jessica Höffner

Uchte/Petershagen. Termine mit Frank Weizenkorn zu vereinbaren, ist nicht ganz einfach. „Ich arbeite mit Circa-Uhrzeiten“, sagt der Bückeburger – und warum, wird schnell klar: Kurz vor dem Aufbruch seiner rund 500 Schafe von Uchte nach Jenhorst bringt eines der Tiere ein Lamm zur Welt. Mutter und Nachwuchs haben jetzt Vorrang. Beide werden zunächst auf den Hof eines befreundeten Landwirts gebracht.

Im vierten Teil unserer Serie „Der Praxistest – wir probieren es aus“ begleite ich den Wanderschäfer und seine Herde bei ihrem „Umzug“. Mit dabei: die beiden Hütehunde „Moor“ und „Schimmel“.
Seit mehr als 40 Jahren ist Weizenkorn als Wanderschäfer unterwegs – mit Herzblut und Leidenschaft. Für ihn ist dieser Beruf mehr als nur ein Job, er ist Berufung. „Eigentlich hätte ich nicht zur Schule gehen müssen. Mir war schon als Kind klar, dass ich Schäfer werden will“, sagt er und lächelt, während er am Ortsrand von Uchte die letzten Zäune abbaut. Von hier aus geht es weiter nach Jenhorst – der vorletzte Halt, bevor die Herde später in Petershagen über die Weserbrücke nach Jössen zieht. Immer an seiner Seite: „Moor“ und „Schimmel“. „Ohne sie geht es nicht. Auf sie muss ich mich verlassen können“, sagt der Schäfer. Kurze Kommandos genügen, die Hunde wissen genau, was zu tun ist.

Die etwa 500 Schafe legen an der Mindener Straße in Uchte kurzfristig den Verkehr lahm. Foto: Jessica Höffner
Die etwa 500 Schafe legen an der Mindener Straße in Uchte kurzfristig den Verkehr lahm. Foto: Jessica Höffner

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Schon wenige hundert Meter nach dem Start wird es anspruchsvoll. Die rund 500 Schafe müssen die Mindener Straße überqueren – dort, wo sich die Auffahrten zur B 61 Richtung Sulingen und Minden befinden. Am Vormittag herrscht reger Verkehr. Doch weder der Schäfer noch seine Hunde lassen sich aus der Ruhe bringen. Langsam staut sich der Verkehr, Fensterscheiben werden heruntergekurbelt, viele Autofahrer zücken ihre Handys. Eine Frau ruft aus ihrem Wagen: „Ich habe kühle Getränke dabei. Möchtet ihr etwas trinken?“ Weizenkorn lächelt und lehnt freundlich ab. In diesem Moment zählt für ihn nur eines: Die Herde sicher über dieses, wie er sagt, „bescheidene Stück“ zu bringen. Nach wenigen Minuten wechselt der Untergrund: Asphalt wird zu Wiese, dann zu Acker. Die Merinolandschafe senken ihre Köpfe und zupfen hier und da im Gehen etwas Gras. Auch der Schäfer gönnt sich einen kurzen Moment, steckt seinen Schäferstab in den Boden und blickt über die Herde. „Das ist doch ein toller Job, oder?“, frage ich. Weizenkorn lacht. „Heute, bei diesem Wetter mit etwa 18 Grad, auf jeden Fall.“ Dann wird er ernster: „Weniger schön ist es bei minus zehn Grad, Ostwind und gefrorenem Boden.“ Ein Knochenjob, macht er deutlich. Urlaub, freie Tage, ruhige Sonntage? Fehlanzeige. „Aber ehrlich gesagt: Ich brauche das auch nicht.“ Die Herde setzt sich wieder in Bewegung. Zwei bis drei Kilometer sind es noch bis Höfen, wo eine kurze Pause geplant ist, bevor es weiter nach Jenhorst geht. Dort hat Weizenkorn bereits eine Fläche eingezäunt – nicht nur für die Schafe, sondern auch für Herdenschutzhund „Luke“, der Tag und Nacht bei der Herde bleibt. Immer wieder müssen Autofahrer Geduld aufbringen, wenn die Tiere Straßenabschnitte queren. Ein roter Kleinwagen bleibt kurz stehen, umringt von Schafen. „Toll! So etwas sieht man heute nur noch selten“, ruft die Fahrerin begeistert. Tatsächlich gehören Wanderschäfer zu den seltensten Berufsgruppen in Deutschland. Laut Agrarwelt gibt es bundesweit nur noch rund 60 Menschen, die mit ihren Herden von Weide zu Weide ziehen. Einer von ihnen ist Frank Weizenkorn – und einer, der sich bis heute keinen besseren Beruf vorstellen kann.

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