Veranstaltungen zur Berufsorientierung der Oberschule Uchte - wie hier der regionale Berufsmesse 2018 - konnten in diesem Jahr nicht stattfinden. Archivfoto: Simone Kaatze

Berufsorientierung in Zeiten von Corona – Ein Erfahrungsbericht der Oberschule Uchte

Von Silke Wiehe, Koordinatorin Berufsorientierung der Oberschule Uchte

Wir, die Oberschule Uchte, verfolgen seit vielen Jahren ein Schulkonzept, das in besonderem Maße auf einen großen Anteil berufsorientierender Maßnahmen setzt, wofür wir auch ausgezeichnet wurden. Besonders hervorzuheben sind hierbei die Praxisklassen, die in den Jahrgängen 9 und 10 pro Halbjahr jeweils mit einem zweiwöchigen Blockpraktikum starten, um anschließend mittwochs im selben Betrieb weiter zu arbeiten.

Und genau das war seit März das Problem – der Lockdown erlaubte uns plötzlich nichts mehr: kein Langzeitpraktikum, keine Betriebsbesichtigungen, keinen BIZ – Besuch, keine Berufsberatung von Angesicht zu Angesicht, keine Bewerbungstrainings, keine Azubi – Speed – Datings – nichts. Oder aus unserer Sicht anders ausgedrückt: Berufsorientierung von 100 auf 0! Dazu immer die bange Ungewissheit, ob die noch unversorgten Abschlussschüler und Abschlussschülerinnen so einen Ausbildungsplatz finden oder ihren gefundenen auch antreten dürfen. (Glücklicherweise sollte sich diese Befürchtung als unbegründet erweisen.) So also gestaltete sich die Situation vor den Sommerferien.

Doch wie würde es weitergehen? Bei uns an der Oberschule Uchte starten immer direkt nach den Sommerferien die Praxisklassen 9 und 10 ihre Langzeitpraktika, die Profilklassen 9 ihr Blockpraktikum und die Profilklassen 10 ihre Profilprojektwochen mit Unterstützung diverser Kooperationspartner. Das alles will aber auch intensiv und verbindlich vorbereitet sein – und das in Zeiten von Corona?… Wir waren mehr als skeptisch! Mittlerweile liegen die ersten Schulwochen hinter uns, und sogar fast so wie geplant. Aus allen sechs Klassen, die ins Praktikum gehen sollten, haben die Jugendlichen Betriebe gefunden, die sie aufgenommen haben, was uns ganz besonders freut. Auch die beiden Profilprojektwochen des 10. Jahrgangs konnten stattfinden, wenn auch in etwas anderer Form als geplant, wie aus dem Tableau hervorgeht. Einiges musste schon vor den Sommerferien schweren Herzens coronabedingt gestrichen werden, anderes aber auch erst sehr kurzfristig. Es galt ja nicht nur die aktuellen Vorgaben des Kultusministeriums hinsichtlich des geltenden Infektionsschutzes einzuhalten, jeder Kooperationspartner verfügt zudem über eigene Konzepte, die es galt abzustimmen. 

Am Ende standen vier ganz unterschiedliche Projekte zur Auswahl:

Im Projekt „Technische Kommunikation“ erhielten die Schüler und Schülerinnen im Rahdener Unternehmen Kolbus neben einer Betriebsführung Einblicke in den Beruf des Technischen Produktdesigners. In der Schule lernten sie daraufhin die theoretischen Grundlagen des Berufes kennen und sie anzuwenden, sodass sie verschiedene Werkstücke in unterschiedlichen Ansichten und Darstellungen nach technischen Voraussetzungen und Normen zeichneten. Zum Abschluss wurden ihre gewonnenen Fertigkeiten im Unternehmen „geprüft“ und per Zertifikat bestätigt.

Eine andere Schülergruppe absolvierte unter Leitung unserer Schulsozialarbeiterin eine „Mini – Juleica“, in der sie sich darauf vorbereiteten, eine Jugendgruppe leiten zu können. Neben theoretischen Grundlagen der Gruppenarbeit ging es auch um Konfliktbewältigung, Erste Hilfe, Rechte und Pflichten als Jugendleiter und ganz viel praktische Übungen. Abschließend erhielten die Jugendlichen ein Teilnahmezertifikat und die Option, die Juleica im Umfang von 50 Ausbildungsstunden beenden zu dürfen.

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Passend zum Profil Wirtschaft gab es ein gleichnamiges Projekt, in dem unter Mithilfe eines Kollegen des Freiherr vom Stein Berufskollegs in Minden ein Teilaspekt des Unterrichts am Wirtschaftsgymnasium oder der Handelsschule abgebildet wurde. Ziel war die Vorstellung des Rahdener Unternehmens Kolbus in Form einer PowerPoint Präsentation beginnend mit der Firmenhistorie über die Jahreskennzahlen und -bilanzen 2017 und 2018 bis hin zur Bewerbung im Unternehmen für eine Ausbildung als Industriekauffrau/-mann.

Das vierte Projekt stand ganz im Zeichen von MINT und erfolgte in Kooperation mit dem 12. Jahrgang des beruflichen Gymnasiums Schwerpunkt Umwelttechnik am Leo Sympher Berufskolleg in Minden. Inhaltlich ging es um die Frage, ob es auch vor unserer Haustür Umweltbelastungen gibt. Nach einem theoretischen Einstieg bereiteten die Schüler und Schülerinnen unterschiedliche Wasserproben auf, die im Mindener Schullabor unter Anleitung der angehenden Umwelttechnischen Assistenten photometrisch auf ihren Nitratgehalt untersucht wurden. Die Auswertung der gewonnenen Daten wiederum erfolgte in Uchte. 

In jedem Projekt fiel irgendein geplanter Aspekt kurzfristig noch den Coronabedingungen zum Opfer: mal war es der gemeinsame Unterricht mit einer Oberstufenklasse, der Besuch der Gießerei, der Expertensupport in Uchte oder eine zusätzliche Betriebsbesichtigung, selbst Videokonferenzen wurden Opfer der Technik. Trotzdem sind sich alle Beteiligten einig, dass diese berufsorientierende Projektwoche, in der die Projekte ausgewählt werden auf Basis von Stärkepaketen, also Fähigkeiten, die in diesem Berufsfeld eminent wichtig sind, im nächsten Schuljahr auf jeden Fall weitergeführt werden soll. In der zweiten Projektwoche stand coronabereinigt der Ablauf einer erfolgversprechenden Bewerbung im Mittelpunkt, die in freiwilligen Vorstellungsgesprächen anhand angefertigter Bewerbungsmappen vor Vertretern der Rotarier aus Stolzenau mündete. 

Fazit: Wir sind nach dem „Neustart“ der Schule im eingeschränkten Regelbetrieb außerordentlich dankbar und glücklich über die tolle Unterstützung durch alle außerschulischen Partner und regionalen Betriebe, die unseren Schülerinnen und Schülern schon wieder viel Berufsorientierung ermöglicht haben in nicht einfachen Zeiten. Vielen Dank dafür und auf eine Neuauflage in 2021!

Entwicklung nach den Sommerferien

Die geschilderte Situation der Oberschule Uchte betraf die Zeit von vor den Sommerferien bis in den September hinein. Seitdem konnte dort, zur Freude aller Beteiligten, die Berufsorientierung wieder wie gewohnt laufen: In den 9. Jahrgängen gab es die Blockpraktika der beiden Profilklassen sowie die Langzeitpraktika der jeweiligen Praxisklassen der Jahrgänge 9 und 10, die Kompetenzanalyse in Jahrgang 8, die Berufsberatung der Agentur für Arbeit sowie das Oberschul-Projekt des 8. Jahrgangs an den Berufsbildenden Schulen in Nienburg. Aktuell werden diese Maßnahmen wieder beschnitten, so dürfen keine neuen Praktika begonnen und auch keine weiteren Berufsorientierungs-Maßnahmen mehr durchgeführt werden – erst mal zeitlich befristet bis zu den Osterferien 2021. Gerade die Praxisklassen sind davon betroffen. Aktuell wird auf eine Entscheidung aus Hannover gewartet, ob das derzeitige Praktikum, das immer mittwochs noch bis Mitte Dezember gehen würde, beendet werden darf. Das nächste Langzeitpraktikum, das im Januar beginnen sollte, ist auf jeden Fall gestrichen, was alle Beteiligten sehr betrübt.