„Wie pilgern, nur mit Esel“ – Zu Besuch bei der Eselei Woltringhausen

Woltringhausen. Schwalben fliegen durch offene Scheunenfenster. Katze Mau-Mau wohnt länger auf dem Hof als ihre Besitzer und Esel sind wesentlich entspannter als Wespen. All das und viel mehr kann man beim Besuch der ‚Eselei Woltringhausen‘ lernen und erleben. Zwei Hannoveraner sind in der Gemeinde Uchte auf den Esel gekommen und zeigen, „wo der Hase läuft“.

Cornelia Boese (41) und Robert Dietsch (46) haben sich ihren ganz persönlichen Traum verwirklicht: Von Hannover auf einen Resthof in Woltringhausen umzuziehen, um in einem kleinen Dorf, zwischen Moorlandschaften und Weser gelegen, mit Eseln zu leben. Dabei legen sie besonderen Wert auf artgerechte Haltung, züchten nicht und lassen den Tieren ihren natürlichen Lauf.

„Esel brüllen meist nur dann ‚iah‘, wenn sie alleine gehalten werden und nach Artgenossen in der Umgebung suchen“, räumt Cornelia Boese mit Vorurteilen auf. „Wir halten vier Eselstuten und vier Eselwallache im Alter von fünf bis 20 Jahren: Die Halbschwestern Ida und Insa, besten Freundinnen Hermine und Gänseblümchen, unzertrennlichen Kumpels Edelweiß und Isbert sowie die Zwillingsbrüder Pinkus und Pinki. Alle kommen gemeinsam von einem Hof aus Schleswig-Holstein. Diese Esel haben keinen Grund zu schreien, sie bewegen sich in bester Gesellschaft.“

Außerdem stinken Esel nicht, erklärt sie. „Esel nehmen den Geruch der Umgebung auf. Bewegen sie sich auf der Weide, riechen sie nach frischem Gras, wird ihr Stall nicht gereinigt, nach Urin.“ Auch das Einstreu im Stall und die Nahrung sei nicht zu verachten. „Unsere Esel füttern wir ausschließlich mit Möhren, Heu, Stroh und frischen Kräutern, der Stall wird regelmäßig gereinigt und sie bekommen immer frisches Trinkwasser.“ Außerdem experimentiert das Paar mit nachhaltigem Einstreu und nutzt den Eseldung für ihre Pflanzen und 15 neuen Obstbäume. Was wie Osterfeuer-Holz auf der Weide platziert ist, sind abgeknabberte Birkenzweige. „Esel lieben es, die Blätter abzufressen und Rinde abzuknabbern“, so Boese.

Auf jeden Fall sind ihre Vierbeiner neugierig auf fremde Menschen und kuschelbedürftig. Isbert, der Kleinste unter den Unpaarhufern, an vorderster Front, ließ sich während des Besuchs am 8. Juni von Herrchen und Frauchen ausgiebig hinter den langen Ohren kraulen und über den Rücken streicheln. Die anderen folgten auf dem Fuße. Dabei fiel auf, dass alle Esel einen Streifen auf dem Rücken tragen, der sich von der Mähne bis zum Schwanzansatz zieht, sowie ein Kreuz nahe der Mähne mit einer lustigen überlieferten Geschichte. „Da es in der Zeit von Josef und Maria noch keine Windeln gab und der kleine Jesus beim Ritt auf dem heiligen Esel auch mal pinkeln musste, verteilte sich der Strahl links und rechts des Eselrückens. So entstand das Eselskreuz“, witzelt Boese.

„Humor sollte man haben, wenn man sich mit Eseln beschäftigt“, weiß Robert Dietsch. Und im Idealfall eine Festanstellung, bis sich die Eselei rechnet. So arbeiten beide Hofbesitzer noch vier Tage die Woche, Dietsch in der Logistikbranche und Boese in einer Kanzlei nahe ihrer Heimat. Schließlich sind sie erst seit Oktober 2018 am Markt. „Das jährliche Grill-Zeltlager im August wurde wegen Corona leider abgesagt. Der Weihnachtsmarkt am dritten Adventswochenende steht noch in der Schwebe. Aber wir haben den Hof Frien in der Nähe, Wandergebiete, Einkaufsmöglichkeiten in Uchte und selbst Serengeti-Park-Besucher und Urlauber aus Bayern übernachten gern bei uns in der Ferienwohnung. Außerdem richten wir gerade ein Sanitärhaus ein und planen einen Eselparcours mit Infotafeln auf dem Hofgelände“, freut sich Boese.

Cornelia Boese und Robert Dietsch freuen sich über alle Gäste, die Interessantes und Spaßiges mit der Eselei Woltringhausen erleben möchten.

Denn es gibt noch viel zu lernen über Esel. Beispielsweise gehören maximal 20 Prozent des Eigengewichts auf einen Eselrücken. Isbert ist 5 Jahre alt, hat ein Stockmaß von 1,01 Metern, wiegt 114 Kilo, also kann er ein Kind von maximal 23 Kilo Körpergewicht tragen. Als schlechtes Beispiel ist die griechische Insel Santorin zu nennen, wo Esel unter der Last übergewichtiger Kreuzfahrtschiffgäste leiden mussten. „Nicht mit uns. Wir sagen: Man muss nicht immer reiten, um mit einem Tier etwas Schönes zu erleben“, führt Boese weiter aus. „In unserer Gegend gibt es einen Brauch, dass unverheiratete Männer zu ihrem 40. Geburtstag rückwärts auf einem Esel reiten. Das ist weder für den Reiter angenehm noch für den Esel. Wir sagen da klar: ‚Nein, wird es mit uns nicht geben.‘ Dann gab es im Januar 2019 so einen Fall. Eine Frau wandte sich an uns und sagte: ‚Auf euren Eseln wird ja nicht geritten, ist in Ordnung, aber können wir nicht was anderes mit den Eseln machen?‘ Das fand ich toll. Daraufhin haben wir trainiert, zwei Esel-Ladys ohne Schieben oder Ziehen auf den Hänger verfrachtet, zur Feier gefahren und dann musste er links und rechts mit einer Eseldame an der Seite einen kleinen Parcours abarbeiten. Die Gäste bildeten mit Poolnudeln ein Spalier und am Ende musste er da durch mit den Eseln. Er hat sich gefreut und genau wie seine Gäste Spaß gehabt.“

„Unsere Grundidee wird also aufgenommen und verstanden. Das ist es letztlich, was auch den Tieren gut tut. Gänseblümchen und Hermine waren stolz wie Oskar, weil sie im Mittelpunkt standen. Das war einfach schön. Ein positives Erlebnis für die Eselei und mit der Eselei“, erläutert Boese begeistert. „Und ein kleiner Lohn für das, was man an Arbeit investiert“, so Dietsch.

Wer etwas über Esel lernen möchte, ist herzlichst eingeladen, sich ein eigenes Bild zu machen. Boese: „Wir haben eine Idee, wie man mit Tieren leben kann. Und die weicht ein bisschen von der Norm ab. Menschen jeden Alters können vorbeikommen und lernen, was man mit Eseln erleben und daraus über sich selber lernen kann.“ Dietsch: „Einfach offen sein, neugierig bleiben und den Humor nicht verlieren.“ „Aber wir sind kein Streichelzoo“, betont Boese abschließend. „Man hat nach vorheriger Anmeldung (www.eseltraum.de) die Möglichkeit, einen Weg zu sich selber zu finden. Wie pilgern, nur mit Esel.“

Text und Fotos: Namira McLeod