Foto: Dietmar Meier

Die Gänse in der Weseraue – Winter- und Sommergänse

Von Daniel Grüning, Biologische Station Minden-Lübbecke

In der Weseraue sind sie allgegenwärtig. Vor allem jetzt im Winter aber auch in den Sommermonaten. Wenn die Wildgänse in Scharen auf den Grünland- oder Ackerflächen im Vogelschutzgebiet Weseraue landen, ist dies für viele Menschen ein spektakuläres Naturschauspiel. Andere, die Landwirte, ärgern sich darüber, dass die Vögel an den jungen Getreide- und Rapspflanzen fressen. Dabei stellt die Landschaft, die überwiegend aus der Weser, Abgrabungsseen, Grünland- und Ackerflächen besteht, für die Wildgänse ein wichtiges, überregional bedeutendes Rückzugsgebiet dar. Und weil sich die Gänse und auch andere Vogelarten, wie Singschwan und Zwergschwan, Zwergtaucher, Gänsesäger oder Schellente, hier so wohl fühlen, wurde das Gebiet zwischen Petershagen und Schlüsselburg als EU-Vogelschutzgebiet ausgewiesen. Hierbei ist das Vogelschutzgebiet Bestandteil eines großen Netzwerkes aus Schutzgebieten in der Europäischen Union. Dieses Netzwerk nennt sich Natura 2000 und besteht EU-weit aus über 27.000 Schutzgebieten. Natura 2000 ist das größte grenzüberschreitende koordinierte Schutzgebietsnetz der Welt. Es dient dem Schutz und Erhalt gefährdeter oder typischer Lebensräume sowie Tier- und Pflanzenarten. Damit trägt auch das Vogelschutzgebiet Weseraue zu einer Sicherung der biologischen Vielfalt, also der Biodiversität, bei.

Bei den Gänsen ist zu unterscheiden zwischen denen, die hier brüten, und denen die hier rasten und überwintern. Die Weseraue dient insbesondere in der Zeit von Oktober bis Anfang April als Rast- und Überwinterungsgebiet für tausende Bläss- und Saatgänse. Die Brutgebiete dieser Arten liegen im hohen Norden, in der skandinavischen und nordrussischen Tundra. Die Tundra bezeichnet die baumlose Vegetationszone zwischen dem nördlichen Nadelwald (Taiga) und den arktischen Eisgebieten. Nach ihrer Ankunft in der Weseraue haben die Langstreckenzieher etwa 6.000 Kilometer Flugstrecke zwischen Nordpolarmeer und Weser hinter sich und hierbei bis zu 1.000 Kilometer pro Tag zurückgelegt. 

Die grau-braunen Feldgänse, eine Gattung, zu der die Bläss-, Saat- und Graugans gehören, werden von vielen Spaziergängern oft nur als „irgendwelche Gänse“ wahrgenommen. Doch beim genaueren Hinsehen erkennt man arttypische Merkmale, mit denen man sie auch tatsächlich unterscheiden kann. Hierfür braucht man aber ein gutes Fernglas, denn allzu nah lassen einen die Wildtiere oft nicht heran. 

Die ausgewachsene Blässgans ist gut an ihrer namensgebenden Blässe oberhalb des rosa gefärbten Schnabels zu erkennen. Außerdem ist bei den adulten Tieren die unregelmäßige schwarze Querbänderung am Bauch charakteristisch. Die Blässgans ist im Winter die häufigste Gänseart in der Weseraue. Im Winter 2019/2020 wurden an einem Tag bei den regelmäßig stattfindenden Zählungen durch die Biologische Station Minden-Lübbecke bis zu 6.000 rastende Blässgänse zwischen Petershagen und Schlüsselburg gezählt. Im Winter davor waren es sogar über 8.000 Blässgänse. 

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Die Saatgans wirkt im Vergleich zu Bläss- und Graugans relativ dunkel, der Kopf ist auffallend dunkelbraun, während die Brust und die Flanken hellbraun gefärbt sind. Im Unterschied zu adulten Bläss- und Graugänsen ist der Schnabel der Saatgans schwarz gefärbt und besitzt eine orangefarbene Binde. Die Saatgans kommt, genau wie die Blässgans, nur zum Überwintern oder rastend auf dem Durchzug in der Zeit zwischen Oktober und März an der Weser vor. Die Anzahl der Saatgänse ist dann verglichen mit der Anzahl der Blässgänse deutlich geringer. Im Winter 2019/2020 wurden an einem Tag bis zu 600 Saatgänse gezählt. 

Die Graugans hat ein silbergrau bis braun-graues Gefieder, einen orangefarbenen Schnabel und rosafarbige Beine. Bläss- und Saatgänse hingegen haben orangefarbene Beine. Die Graugans kommt, im Gegensatz zu den beiden anderen Feldgänsearten, ganzjährig in der Weseraue vor und brütet auch hier. Vor allem im Winter kommen jedoch noch weitere Graugänse hinzu, die die Weseraue als Überwinterungs- oder Rastgebiet nutzen. In den vergangenen Jahren wurden zwischen 2.000 und 3.000 überwinternde Graugänse im Vogelschutzgebiet gezählt. Diese Tiere brüten zumeist in Skandinavien oder anderen Gebieten im Norden Europas.

Bis 2013 gab es einen Anstieg der Anzahl der festgestellten Bruten der Graugans im Vogelschutzgebiet Weseraue auf mindestens 95 Brutpaare. In den Folgejahren nahm die Anzahl der Bruten jedoch kontinuierlich ab auf etwa 45 Brutpaare im Jahr 2019. Die tatsächliche Anzahl der Brutpaare war sicherlich etwas höher, da bei den Zählungen nie alle Bruten ausfindig gemacht werden können. Weiterhin gibt es in der lokalen Population immer auch einige Nichtbrüter. Graugänse brüten das erste Mal meist erst ab dem 4. Lebensjahr. Daher können zur Brutzeit ab März mehrere hundert Graugänse in der Weseraue beobachtet werden.

Zu den weiteren regelmäßig in der Weseraue brütenden Gänsearten gehören die Weißwangengans, auch Nonnengans genannt, sowie die Kanadagans, die Nilgans und die Brandgans. Brandgans und Nilgans sind keine „echten“ Gänse, sind also mit den anderen Gänsen nicht nah verwandt. Sie gehören zur Unterfamilie der sogenannten „Halbgänse“. Von diesen Arten ist nur die Brandgans hier heimisch. Die anderen Arten sind sogenannte Neozoen, also neue, durch den Menschen eingeführte Tierarten. Dies lässt sich z. T. schon an den Namen erkennen, die Nilgans kommt ursprünglich aus Afrika und die Kanadagans aus Nordamerika. Die jetzt hier brütenden Vögel gehen auf Gefangenschaftsflüchtlinge zurück.

Eine brütende Graugans an der Aue in Lahde. Foto: Krischi Meier

Nennenswerte Brutbestände gibt es allerdings nur von der Nilgans. Bis zum Jahr 2010 stieg die Anzahl der Brutpaare auf über 35 Stück an, anschließend nahm der Brutbestand bis 2019 sukzessive auf noch 14 Brutpaare ab. Der Bestandsrückgang brütender Grau- und Nilgänse ist auch auf die verstärkte Bejagung dieser beiden Arten zurückzuführen. Eine zielorientierte Bejagung von heimischen Graugänsen und der Nilgans außerhalb der Überwinterungs- und Rastzeiten sowie der Brut- und Mauserzeit erfolgt um deren Bestände zu regulieren. Auf diese Weise können Ernteausfälle auf Grünland- und Ackerflächen reduziert und eine Akzeptanz der geschützten nordischen Gänse gefördert werden. Nilgänse sind am Brutplatz außerdem sehr aggressiv und können bedrohte heimische Brutvögel verdrängen.

Im Sommer mit dem Ende der Brutzeit beginnt bei den Graugänsen die Zeit der Mauser. Während des Wechselns des Federkleides sind die Gänse für 4 bis 6 Wochen flugunfähig und dann extrem scheu und vorsichtig. Die Naturschutzgebiete „Häverner Marsch“ und „Mittelweser“ haben sich zu bedeutenden Mausergebieten für Graugänse entwickelt. Hier sind sie am Tage auf den Inseln und Wasserflächen vor Fressfeinden, wie dem Fuchs, geschützt und gehen zumeist erst im Schutz der Dunkelheit an Land, um auf den unmittelbar angrenzenden Grünlandflächen zu fressen. In den vergangenen Jahren konnten bis zu 2.000 Graugänse während der Mauser gezählt werden. Diese traditionell genutzten Mausergebiete werden dann auch von Graugänsen aus der weiteren Umgebung aufgesucht. Spätestens ab Anfang Oktober können dann wieder die ersten nordischen Gänse in der Weseraue begrüßt werden und das Naturschauspiel beginnt von neuem.