Mittwoch, 21. Februar 2024

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Ösper: Ammoniten, Kies und Findlinge

Aufschlüsse nennen Geologen Stellen, an denen man die geologischen Verhältnisse „unterhalb die Grasnarbe“ in Augenschein nehmen kann.
Im Vordergrund Tongesteine aus der Unterkreide-Zeit, darüber Geschiebelehm aus der Saale-Kaltzeit. Fotos: ddm

Meßlingen (ddm). Aufschlüsse nennen Geologen Stellen im Gelände, an denen man die geologischen Verhältnisse „unterhalb die Grasnarbe“ in Augenschein nehmen kann. Das beschränkt sich im Stadtgebiet weitgehend auf aktuelle Kies- und Sandabgrabungen sowie auf kleine, kurzfristig zugängliche Baugruben. Insofern waren die Baggerarbeiten an der Ösper in Maaslingen im September/Oktober für Geologen ein besonderes Highlight, wurde hier doch ein nicht alltäglicher, rund zwei Kilometer langer Aufschluss der oberflächennahen Schichten geschaffen. Entlang des größten Teils der Renaturierungsstrecke haben die Bagger unter einer geringmächtigen Überdeckung dabei den Festgesteinsuntergrund freigelegt. Der besteht hier wie auch im übrigen Stadtgebiet größtenteils aus blaugrauen Tongesteinen, die ursprünglich als Schlamm in einem quer durch Norddeutschland verlaufenden Meeresarm abgelagert worden sind. Das ist allerdings schon etwa 140 Millionen Jahre her. Den betreffenden Zeitabschnitt bezeichnen Geologen als Unterkreide.
Die Tongesteine wurden im Stadtgebiet schon in historischer Zeit als Rohstoff für die Ziegelherstellung genutzt. Die älteren Leser des Petershäger Anzeigers erinnern sich sicher noch an die Tongruben in Heisterholz beiderseits der B61, aus denen das dortige Dachziegelwerk bis 2003 versorgt wurde. Die Oberfläche der in Maaslingen freigelegten Unterkreide-Tonsteine ist eine Erosionsfläche. Ursprünglich war das Schichtpaket wahrscheinlich noch 500 bis 1000 Meter mächtiger. Nach einer Hebung der Erdkruste ist der obere Teil im Verlauf der Erdgeschichte wieder abgetragen worden. Daran haben zuletzt auch große Gletscher mitgewirkt, die das Stadtgebiet während der letzten Kältephasen zweimal wie ein Hobel überfahren haben. Die Vereisung liefert auch gleich die Erklärung für den ungeschichteten, mehr oder weniger sandigen, kleine oder größere Gesteinsbrocken enthaltenden Lehm, der in Maaslingen vielfach auf der Unterkreide lagert. Als das Inlandeis aus den skandinavischen Gebirgsregionen bis zum Weser-Wiehen-Gebirge vorrückte, hat es große Mengen Gesteinsschutt von den Seiten der Bergtäler und aus dem überfahrenen Untergrund mitgeführt. Beim Abschmelzen der Eismasse fiel diese Schuttfracht, ein Gemenge von Gesteinspartikeln unterschiedlichster Größe, von Tonpartikeln bis hin zu Findlingen, unsortiert zu Boden. Bei solchen Ablagerungen sprechen Geologen mit Bezug auf den Vorgang von einer Grundmoräne. Das Sediment selbst wird je nach Kalkgehalt als Geschiebemergel beziehungsweise als Geschiebelehm (kalkfrei) bezeichnet. Zeitlich gesehen sind die Ablagerungen in Maaslingen Überbleibsel des Inlandeises, das unsere Region während der sogenannten Saale-Kaltzeit vor rund 200.000 Jahren bedeckt hat. Westlich des Hofes Kruse haben die Bagger der Firma Wöhler Erdbau auf einem größeren Areal Sedimente angeschnitten, die sich — auch für Laien leicht erkennbar — deutlich vom eben beschriebenen sandigen Geschiebelehm unterscheiden. Ein besonders imposanter Aufschluss wurde gleich zu Beginn der Arbeiten geschaffen, als die Fläche zum Deponieren des an der Ösper ausgehoben Bodens freigeräumt wurde. Dabei wurde eine drei bis vier Meter hohe Böschung angeschnitten, die vom Erscheinungsbild den Böschungen der Kiesgruben im Wesertal sehr ähnlich sah. Kein Wunder, handelt es sich hierbei ebenso um eine geschichtete Abfolge von Sand mit einem mehr oder minder großen Kiesanteil. Schaut man sich einzelne Kiesgerölle darin näher an, findet man Gesteinstypen, die aus dem südniedersächsischen Bergland oder auch aus dem rheinischen Schiefergebirge stammen – nicht anders, als wir das von den Kiesgeröllen im heutigen Wesertal kennen. Und in der Tat, das Kiessande in Maaslingen hat tatsächlich die Weser dort abgesetzt. In der Zeit zwischen dem Abtauen des Elster-Inlandeises und dem Heranrücken der Saale-Gletscher ist die Weser nördlich der Porta zunächst in zwei getrennten Flussläufen nach Westen zum Rhein geflossen und hat dabei die sogenannte Mittelterrasse aufgeschüttet, zu der auch das Vorkommen bei Maaslingen gehört. Was den Ösper-Aufschluss in Maaslingen noch interessant macht, ist die Nähe zu einer großen Bruchzone im Untergrund, die als Petershagener Störung bezeichnet wird. Diese Störung ist in mehreren seismischen Profilen, die in den 1980er Jahren zwischen Friedewalde und Petershagen geschossen wurden, sicher identifiziert worden. Über die bloße Existenz hinaus ist jedoch wenig über ihre Struktur, den genauen Verlauf, ihre hydraulischen Eigenschaften und ihre Aktivität bekannt. Hintergrund ist dabei auch das Thema Endlager für hochradioaktive Abfälle. Dafür sind Tongesteine derzeit im Trend, wie die aktuellen Planungen in der Schweiz und jüngst auch in Frankreich zeigen. Auch bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe steht dieser Gesteinstyp dafür hoch im Kurs. In dem Kontext können große Störungen ein KO-Kriterium darstellen. Der Geologische Dienst NRW hat schon den Besuch von Spezialisten an der Ösper zugesagt. Informationen zu den genannten geologischen Themen lassen sich auf unserer Internetseite über die Suchfunktion finden (Suchworte: Tonstein, Eiszeit, Störung).

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Sand und Kies der Mittelterrasse der Weser am Hof Kruse.

 

Kommentar von Dr. Dietmar Meier: Klimakatastrophe in Maaslingen

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