Spannungsfeld Weseraue: Artenschutz und Jägerei in der Weseraue

Lahde. „Gibt es eine Verbindung zwischen Naturschutz und Jägerei ?“ Bei dieser Frage werden möglicherweise viele gefühlsmäßig gleich den Kopf schütteln. In der Stadt Petershagen stellt sich die Frage sogar noch etwas anders: Funktioniert Naturschutz in der Weseraue überhaupt ohne Jägerei? Im Gespräch mit Jens Sachs, dem Leiter des Hegerings Petershagen, haben wir uns mit dieser Thematik einmal etwas näher befasst.

Zwischen Schlüsselburg und Lahde sind in der Weseraue eine ganze Reihe von Naturschutzgebiete (NSG) amtlich ausgewiesen. Diese NSGs liegen zum großen Teil rund um ehemalige Kiesabgrabungen (siehe Ausgabe November des Petershäger Anzeigers) und sollen gefährdeten Arten (Pflanzen und Tieren) einen störungsarmen Lebensraum bieten.

Die genannten NSGs wiederum sind größtenteils Bestandteil des Vogelschutzgebietes (VSG) „Weseraue“, das eines der 546 NATURA-2000-Gebiete in NRW und damit ein Teil der 26.000 NATURA-2000-Gebiete in Europa ist. Für alle diese Gebiete existieren gesetzliche Regelwerke, in denen der jeweilige Schutzzweck und die Arten definiert sind, die besonders geschützt werden sollen. Die Vorgaben dazu finden sich in der EU-Vogelschutzrichtlinie und der sogenannten EU-Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) sowie für die NSGs in den Verordnungen der Bezirksregierung Detmold.

Für die verschiedenen Arten von Nutzungen in den Naturschutzgebieten sind im Laufe der letzten 40 Jahre zahlreiche Regeln aufgestellt worden. Diese betreffen unter anderem Freizeit- und Sportaktivitäten, aber auch die Land- und Forstwirtschaft, die Jagd und das Angeln. Die Nutzung und damit der menschliche Einfluss sollte weitestgehend unterbleiben. Dann, so die ursprüngliche Hoffnung, würden sich natürliche Gleichgewichtsverhältnisse einstellen und den geschützten Arten einen optimalen Lebensraum bieten. 

Nach Beendigung der Abgrabungstätigkeit zeigte sich, dass die Vegetation die unter Schutz gestellten Flächen um die Kiesteiche umgehend zurückerobert. Schnell wurde damit auch klar, dass die Schutzziele auf manchen Flächen nur eingehalten werden können, wenn der Mensch hier weiterhin regelnd eingreift. Das betrifft insbesondere die in manchen Bereichen gewünschte Offenlandschaft, denn viele Bodenbrüter benötigen extensiv genutztes Grünland, also niedrigen Bewuchs und nur sehr eingeschränkte Bewirtschaftung mit Maschinen. Die schnell voranschreitende Verbuschung durch Sträucher und Bäume wurde und wird „mit der Kettensäge“ oder durch die Beweidung mit Rindern zurückgedrängt, da eine offene Landschaft sonst nicht dauerhaft zu erhalten wäre.

Vogelschutzmaßnahmenplan 2015

Eine vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV) in Auftrag gegebene und im Mai 2015 veröffentlichte Studie des Umweltinstitutes Höxter (UIH) bescheinigte dem Vogelschutzgebiet Weseraue eine Verschlechterung bei den Bestandszahlen einzelner Brutvogelarten und auch Rückgänge bei Durchzüglern und Wintergästen. Als Ursache wurden in der UIH-Studie auch ohne konkrete Belege zwei Hauptfaktoren ausgemacht: zum einen die geringe Größe des Schutzgebietes, zum anderen Störungen durch Landwirtschaft, Angler, Jäger, Spaziergänger, Hunde, Reiter, Fotografen etc. Als Gegenmaßnahmen wurden eine wesentliche Vergrößerung des Schutzgebietes, der Erlass weiterer Regelungen und Verbote und eine Kontrolle der Einhaltung der Maßnahmen durch Ranger vorgeschlagen.

Was folgte waren erhebliche Proteste vor Ort und die Beauftragung eines erfahrenen Gutachters durch die Arbeitsgemeinschaft Weserland (siehe Ausgabe Juli/August des Petershäger Anzeigers), was dann in einen lebhaften, offenen Dialog mit den zuständigen Institutionen (LANUV, Bezirksregierung Detmold, Umweltamt des Kreises Minden Lübbecke,  Biologische Station) mündete. Dabei konnten von den örtlichen Akteuren, auch aus der Jägerschaft neue Aspekte in die Diskussion eingebracht werden.

Der Rückgang vieler Arten in der Region wurde schon seit vielen Jahren auch von den Jägern und anderen Naturfreunden sehr besorgt registriert. „Die Jäger der Region beobachten nicht nur die jagdbaren Arten, sondern alle Arten, die in Ihren Revieren vorkommen“, betonte Jens Sachs.

Jens Sachs, Leiter des Hegerings Petershagen, unterwegs mit Jagdhund Snorre.

Das Problem mit den Prädatoren

Ein wesentlicher Faktor für den Artenrückgang in allen Schutzgebieten für Wiesen- und Watvögel in Europa ist demnach der Verlust von Gelegen und Brutvögeln durch Prädatoren („Räubern“). Typischerweise sind dies Fuchs, Marder, Iltis und Wiesel. Die Population der Füchse ist in den zurückliegenden Jahrzehnten auch aufgrund der seit den 1980ern in ganz Deutschland durchgeführten Tollwutschutzimpfung wesentlich angestiegen. 

Seit einigen Jahren sind zwei weitere Feinde der Bodenbrüter hinzugekommen. Der aus Nordamerika stammende Waschbär und der aus Asien kommende Marderhund. Beide Arten gelten neben den ebenfalls in der Weseraue vorkommenden Nutria und Nilgans als gebietsfremd und invasiv und haben ernste nachteilige Folgen für die heimische Biodiversität.

Die überschaubaren Brutgebiete innerhalb der relativ kleinen Schutzzonen längs der Weser sind naturgemäß ein hervorragendes Jagdgebiet für die genannten Prädatoren. Die Überlebenswahrscheinlichkeit eines Bodenbrüters ist direkt abhängig von der Anzahl der Prädatoren in diesem Gebiet. Eine Lebensraumverbesserung für die Vogelwelt in den Schutzgebieten der Weseraue steigert naturgemäß auch die Attraktivität der Gebiete für Prädatoren und kann somit sehr schnell in die falsche Richtung führen, wenn diese Lebensräume dann auch von Fuchs, Waschbär und Co. intensiver genutzt werden. Zahlreiche Experten haben schon eindringlich vor den Effekten einer solchen „ÖKO-Falle“ gewarnt. In diesem Fall gilt das Motto: Nicht gefressen werden kommt vor schöner wohnen!

Maßnahmen

Auch die Jägerschaft entlang der Weser und im weiteren Umfeld hat diese Herausforderung für den Artenschutz angenommen. In den Jagdrevieren wird mittlerweile viel Zeit und privates Kapital in den Aufbau eines Prädatorenmanagements investiert. Dessen Ziel ist es, die Zahl der Prädatoren in der Weseraue auf ein für den Artenschutz verträgliches Maß zu begrenzen. Die Grafik auf der vorherigen Seite informiert beispielsweise über die Zahl der in den vergangenen Jahren im Stadtgebiet gefangenen Waschbären. Der massive Anstieg seit 2014 korreliert zum Beispiel mit der Auflösung einer Brutkolonie von Kormoranen im Naturschutzgebiet Lahder Marsch im Jahr 2015, die allgemein dem dortigen Auftreten von Waschbären zugeschrieben wird.

Durch die Mitglieder des Hegerings Petershagen werden derzeit die Dichten der Prädatoren Fuchs, Waschbär, usw. bestimmt. Ausgewertet werden dazu Daten aus Zählungen, Jagdstrecken und anderen Beobachtungen, wie etwa der Anzahl der Fuchsbaue in den Revieren. Diese Daten werden mit den zuständigen Behörden und Institutionen diskutiert. Darüberhinaus gibt es einen regen Erfahrungsaustausch mit anderen Schutzgebieten und Forschungsstellen und deren Prädatorenmanagement, wie zum Beispiel am Dümmer See.

Es folgt die Festlegung geeigneter Fangplätze in und im Umfeld der Schutzgebiete. Mit der Beschaffung und Installation der benötigten Lebendfallen wurde bereits begonnen. Zum Einsatz kommen große Lebendfallen, die verletzungssicher fangen (siehe Bild auf der linken Seite). Alle Fallen müssen aufgrund des aktuellen Jagdgesetzes mit elektronischen Fangmeldern ausgestattet werden, die den betreuenden Jäger beziehungsweise einen Vertreter via Smartphone über einen Fang informieren.

Der Aufbau aller im Stadtgebiet benötigten Fallen wird voraussichtlich noch einige Zeit dauern, da die Kosten hierfür allein von den Jägern getragen werden. Die Einrichtung eines Fangplatzes erfordert circa 1000 Euro und im Stadtgebiet werden etwa 150 solcher Fangplätze benötigt. Die Verwertung des gefangenen Raubwildes erfolgt über einen Kooperationspartner, die Fellwechsel GmbH. Dieses ist eine Initiative des Deutschen Jagd-Verbandes DJV und ermöglicht eine nachhaltige Nutzung der gefangenen Prädatoren.

Schwarzwild

Auch darüberhinaus wird die Erfordernis weiterer jagdlicher Maßnahmen zur Stabilisierung und erfolgreichen Weiterentwicklung der Schutzgebiete gesehen. So werden diese Lebensräume zunehmend auch vom Schwarzwild (Wildschweine) besiedelt, das als Allesfresser ebenfalls Einfluss auf Bruterfolge von Bodenbrütern hat. Aufgrund der aktuellen Verordnungen dürfen Wildschweine innerhalb der Schutzgebiete derzeit nur mit einer Sondergenehmigung bejagt werden. Anfallende Schäden auf den landwirtschaftlichen Flächen muss der zuständige Jäger gemäß der gesetzlichen Regelung aber dennoch dem Landwirt erstatten.

Die gefährdeten Vogelarten in der Weseraue sind zumeist Spezialisten und auf die Schutzgebiete entlang der Weser als Lebens- und Brutgebiet dringend angewiesen. Der Fuchs und der Waschbär können als Generalisten leicht auf andere Bereiche und auch in die Dörfer ausweichen und haben daher weniger Probleme mit der von uns allen geschaffenen Kulturlandschaft. 

Zusammenfassend liefert aus Sicht der heimischen Jägerschaft die Anmerkung eines Vertreters des Naturschutzbundes NABU bei einer Fachtagung zum Thema „Prädationsmanagement im Wiesenvogelschutz“ in Kleve 2016 auch für die Petershäger Weseraue die passende Beschreibung, Zitat: Gerade in Vogelschutzgebieten ist ein gewisses Prädatorenmanagement unumgänglich… „Es regelt sich alles von alleine“ ist eine hochproblematische Sichtweise.

Lebendfalle in einem Waldstück nahe des Naturschutzgebietes Lahder Marsch.

Text: Dietmar Meier und privat, Fotos: Dietmar Meier